Formel 1 in Bahrain : Vorfahrt genommen

Am Sonntag hält die Formel 1 in Bahrain ein Rennen ab, über dessen Austragung viel diskutiert wurde. Dass sich die Teams vom Protokoll der Machthaber einlullen lassen, gefällt nicht jedem Fahrer.

Karin Sturm
Sand in die Augen. Sebastian Vettel inspiziert mit einem Ingenieur die Rennstrecke in Bahrain.
Sand in die Augen. Sebastian Vettel inspiziert mit einem Ingenieur die Rennstrecke in Bahrain.Foto: dpa

Kann diese Normalität normal sein? Wenn der Besucher in Bahrains Hauptstadt Manama vom Flughafen in die Stadt ins Hotel oder dann auch von dort an die Rennstrecke fährt, fällt erst einmal auf, dass nichts auffällt. Keine extreme Polizeipräsenz, kein Militär. Spät abends noch mal in den nahen Supermarkt oder in ein Restaurant um die Ecke, alles kein Problem. Es ist auf den ersten Blick alles ruhig in den gutsituierten Vierteln der Hauptstadt, dort, wo die wenigsten der schiitischen Bevölkerung zu Hause ist, die sich im Land durch die sunnitische Minderheit unterdrückt fühlt. Am Sonntag hält die Formel 1 in Bahrain ein Rennen ab, über die Austragung ist viel diskutiert worden. Im vergangenen Jahr hatte die Rennserie ihren Grand Prix wegen der unsicheren Lage im Golfstaat absagen müssen.

Draußen in den Vorstädten zeigt sich Bahrain von einer anderen Seite. Da ist es mit der Ruhe nicht so weit her, jeden Tag kommt es dort zu Demonstrationen, auch zu gewalttätigen Auseinandersetzungen und Festnahmen. „Illegale Demonstrationen von Randalierern, die die Sicherheitskräfte mit Steinen, Eisenstangen und Molotow-Cocktails angegriffen haben“, heißt das dann in der lokalen Presse. Tatsächlich gerieten vier Mechaniker des Force-India-Teams am Mittwochabend beinahe in ein heftiges Scharmützel zwischen Demonstranten und Polizei, bei dem ein Molotow-Cocktail nicht weit von ihrem Auto explodierte. Für Force-India-Fahrer Nico Hülkenberg ist der Zwischenfall schon Anlass, sich einige Fragen zu stellen, „ob hier nicht grundsätzlich irgendetwas falsch ist. Aber was sollen wir Fahrer schon machen? Letztlich sind es ja die Teams und die Verantwortlichen, die das alles entschieden haben.“

Die Formel 1 ist mit ihrem Gastspiel in Bahrain eine direkte Provokation für die Opposition. Weil sie durch ihre pure Anwesenheit letztlich das herrschende System unterstützt angesichts der engen Verflechtungen zwischen dem Königshaus und der Rennorganisation. Für die Herrscherfamilie ist der Grand Prix die ideale Gelegenheit, der Weltöffentlichkeit ein schönes, ruhiges Bahrain vorzuspielen, allen Berichten von Amnesty International und Human Rights Watch zum Trotz. Die beklagen weiterhin Menschenrechtsverletzungen, die Inhaftierung Oppositioneller, unangemessene Polizeigewalt, Folter in den Gefängnissen und hatten sich eindeutig gegen eine Durchführung des Rennens ausgesprochen.

Wie man etwa den früheren Oppositionsführer Jasim Husain, der bis Mittwoch noch überall mit sehr kritischen Anmerkungen zum Rennen zitiert wurde, dazu brachte, sich am Donnerstagmittag ins Pressezentrum zu stellen und den internationalen Medien zu erzählen, er habe keine Bedenken und eigentlich würden sich doch die meisten auf das Rennen freuen, bleibt wie so vieles ein Rätsel.

Andererseits versucht jetzt auch die Opposition, sich mit allen Mitteln Gehör zu verschaffen. So flutete eine Organisation namens „Freedom for Bahrain“ die Facebookseiten einiger Fahrer mit Aufrufen zum Rennboykott und der Drohung, falls sie dem nicht nachkämen, würde man sie als Regimeunterstützer ansehen und dann müssten sie möglicherweise einen hohen Preis bezahlen.

Dabei sind die Fahrer letztlich diejenigen, die am wenigsten tun können. Selbst wenn sie, wie einer von ihnen im privaten Gespräch bestätigte, durchaus der Meinung sind, dass man genau aus diesem Grund der Systemunterstützung hier nicht fahren sollte. Bruno Senna sagt zumindest: „Eigentlich sollten wir uns aus politischen Fragen wirklich heraus halten. Aber hier sind wir jetzt mittendrin.“ Eine Absage hätte nur von den Teams kommen können – aber da traute sich in der Formel 1 keiner. Im Gegensatz übrigens zum deutschen Porsche-Cup-Team Molitor Racing, das hier ursprünglich im Rahmenprogramm, dem Porsche-Supercup, antreten sollte und von Teamchef Karsten Molitor zurückgezogen wurde.

So beschränken sich die Teams darauf, Vorsichtsmaßnahmen für die eigene Sicherheit zu ergreifen. Manche haben eigenes Sicherheitspersonal engagiert, bei praktisch allen ist die Vorgabe: Außerhalb der Rennstrecke nicht in Teamkleidung auftreten. Die FOM, das Formel-1-Management, hat Teams und Fernsehstationen in einer Mail aufgefordert, darauf zu achten, kein Gepäck unbeaufsichtigt im Fahrerlager herumstehen zu lassen – es könnte als Sicherheitsrisiko angesehen und zerstört werden.

Das passt alles nicht zur von oben vorgegaukelten Normalität. Da mögen die „Empfangskomitees“ am Flughafen noch so nett sein. Als ein Zollbeamter Unstimmigkeiten im Visum eines deutschen Fotografen moniert, wird er von einem Offiziellen aus Bahrain angeraunzt: „Mach jetzt hier keinen Ärger, lass den Mann durch – er ist ein wichtiger Gast.“

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