Füchse Berlin : Stochl und Heinevetter: Partner statt Konkurrenten

Bei den Füchsen Berlin entscheiden die Torhüter selbst, wer wann auf dem Feld steht. Auch heute im Heimspiel gegen Minden wird das wieder so sein.

Team im Team. Stochl (l.) und Heinevetter wissen, wie es läuft.
Team im Team. Stochl (l.) und Heinevetter wissen, wie es läuft.Foto: Carstensen/dpa

Der Kontakt zwischen ihnen reißt nie ab, da kann es noch so laut und chaotisch zugehen in der Halle. Es ist ein bisschen wie bei einem sehr vertrauten Ehepaar: Jeder weiß genau, wann und wo er den anderen findet, wann und wo sich die Blicke treffen, was welches Handzeichen oder welche Geste bedeutet. Es sind Rituale, eingespielt über Jahre und mittlerweile mit gewissen Privilegien verbunden. Bei Auszeiten etwa stehen sie einen Meter neben der Menschentraube, die sich um den Trainer versammelt, und kochen ihr ganz eigenes Süppchen. So wird es auch am Donnerstag sein, im Bundesliga-Heimspiel gegen GWD Minden (19 Uhr, Max-Schmeling-Halle/ live bei Sky).

Wer die Torhüter der Füchse Berlin, wer also Silvio Heinevetter und Petr Stochl während eines Spiels beobachtet, dem fällt auf, dass sie eine Art Team im Team beim Berliner Handball-Bundesligisten bilden. Das liegt zum einen in ihrer Position, große taktische Pläne oder Vorgaben gibt es im Tor nicht. Es liegt aber auch an ihrem Status als dienstälteste Profis des Klubs. Heinevetter spielt seit 2009 für die Füchse, Stochl sogar schon seit 2006. Im Moment verleben sie ihre letzten gemeinsamen Wochen bei den Füchsen. Stochl wird seinen Torhüter-Pulli und die dazugehörige Jogginghose im Sommer mit 42 Jahren an den Nagel hängen. „Ich bin wirklich traurig, dass Petr aufhört, weil wir so ein gutes Verhältnis haben“, sagt Heinevetter. Revierkämpfe sind dem deutschen Nationalkeeper und dem einstigen tschechischen fremd.

In diesem Zusammenhang hat selbst Trainer Velimir Petkovic, normalerweise ein Ordnungs- und Disziplinfanatiker, eine für seine Verhältnisse geradezu anarchistische Entscheidung getroffen. „Wir legen mittlerweile selbst fest, wer von uns wann rausgeht“, erzählt Heinevetter. „Wenn wir glauben, dass der andere einen Impuls setzen kann, zum Beispiel bei einem Siebenmeter, dann nehmen wir Blickkontakt auf und klären das untereinander.“ Coach Petkovic gibt lediglich die ganz grobe Linie vor, er entscheidet also, wer anfängt (meist Heinevetter) und wer zunächst auf der Bank Platz nehmen muss (meist Stochl). Abgesehen davon lässt der Trainer der Berliner seinen beiden Altmeistern ungewohnt große Freiräume.

Stochl beendet nach der Saison seiner Karriere und wird dann Nachwuchstrainer bei den Füchsen

Petkovic weiß, dass er sich auf seine beiden Schlussleute verlassen kann. Heinevetter ist seit Wochen in bestechender Form und hat großen Anteil daran, dass die Berliner ihren Platz im Bundesliga-Spitzentrio trotz Personal- und Verletzungssorgen verteidigen konnten. Stochl gibt unterdessen den verlässlichen Ersatzmann, der jederzeit von der Bank kommen und dem Spiel eine Richtungsänderung geben kann. Wenn der tschechische Publikumsliebling in der heimischen Max-Schmeling-Halle das Parkett betritt, erreicht der Lautstärkepegel verlässlich seinen Höhepunkt.

„Als ich jung war habe ich gesagt: Alter ist nicht wichtig. Jetzt, wo Petr 41 ist, sage ich das genauso“, betont Heinevetter. „Das Geburtsjahr ist überhaupt nicht ausschlaggebend, wenn man die Klasse hat, schlägt Qualität Alter.“ Dass Stochl auch im fortgeschrittenen Sportleralter zu Höchstleistungen im Stande ist, überrascht Heinevetter deshalb nicht. „Ich erlebe Petr ja täglich im Training und habe allergrößten Respekt davor, wie unfassbar ehrgeizig er noch ist.“ Idealerweise will sich Stochl mit einem Titel von den Füchsen verabschieden, bevor es im Sommer mit der Frau und den beiden Söhnen zurück in die Heimat geht, zurück nach Pilsen. Allerdings wird Stochl den Füchsen als Trainer erhalten bleiben, in Zukunft soll der Routinier den Nachwuchs anleiten.

Warum er es nicht als Torhütertrainer bei den Profis versucht? Stochl muss lachen. „Das wäre eine komische Situation“, sagt er. „Heine und ich waren so lange ein Team – und dann soll ich als sein Trainer arbeiten? Das geht einfach nicht.“ Den Kontakt zueinander wollen beide trotzdem halten, ist doch klar.

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