Fußball im Zeichen von Corona : Verschiebt die EM auf nächsten Sommer!

Die Uefa sieht keinen Grund, den Zeitplan für die EM in diesem Sommer zu überdenken. Doch genau das muss jetzt passieren. Im Sinne des Sports. Ein Kommentar.

Skillzy, das EM-Maskottchen, sollte ein neues Outfit bekommen: mit der Aufschrift Euro 2021.
Skillzy, das EM-Maskottchen, sollte ein neues Outfit bekommen: mit der Aufschrift Euro 2021.Foto: REUTERS

Je weiter sich der Profifußball in den vergangenen Jahren von der Basis entfernt hat, desto stärker betont er seine gesellschaftliche Verantwortung. Natürlich sieht er sich nicht als Jäger nach maximalem Profit, sondern viel lieber als Kämpfer für den Frieden und gegen alles Schlechte in der Welt: gegen Gewalt, Rassismus, Sexismus, Diskriminierung aller Art. Diese Haltung transportiert der Fußball vor allem über farbenfrohe und etwas aseptische Marketingaktionen.

In der aktuellen Situation, in der es – etwas pathetisch gesprochen – um Leben und Tod geht, könnte der Fußball mal zeigen, dass er es mit der gesellschaftlichen Verantwortung wirklich ernst meint. Und dass es Wichtigeres gibt als die Einhaltung des Rahmenterminkalenders, als Werbeverträge und den weiter ungebremsten Geldfluss.

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn hat schon am Wochenende empfohlen, zur Eindämmung der Corona-Epidemie sämtliche Veranstaltungen mit mehr als tausend Menschen erst einmal auszusetzen. Doch anstatt diesen Vorschlag ernst zu nehmen und die Spiele in den oberen Ligen abzusagen oder zumindest erst einmal bis auf Weiteres sämtliche Zuschauer auszuschließen, eiert der Fußball lieber rum. Dass es auch anders geht, hat am Dienstag die Deutsche Eishockey-Liga gezeigt, die ihre Saison vorzeitig für beendet erklärt hat. Ob aus gesundheitspolitischen oder wirtschaftlichen Gründen, sei mal dahingestellt.

Und Dirk Zingler droht mit Schadenersatz

Die Deutsche Fußball-Liga (DFL) hingegen, die Vertretung der 36 Erst- und Zweitligisten, flieht vor ihrer Verantwortung und überlässt die notwendigen Entscheidungen lieber den staatlichen Behörden. Und der deutsche Fußball ist sich, in Person von Unions Präsident Dirk Zingler, nicht einmal zu blöde, den Gesundheitsbehörden mit Schadenersatzforderungen zu drohen, sollte der Klub keine Zuschauer in sein Stadion lassen dürfen.  

Allerdings – so fair muss man sein – ist die DFL auch alles andere als frei in ihrem Handeln. Das liegt an der noch viel größeren Veranstaltung, die im Sommer stattfindet. Stattfinden soll. Am 12. Juni beginnt in Rom die Fußball-Europameisterschaft. Wie abstrus dieser Satz klingt! Gerade in diesen Tagen, in denen ganz Italien mehr oder weniger abgeriegelt ist, um die Verbreitung des Coronavirus‘ einzudämmen. Noch abstruser ist eigentlich nur die Auskunft des europäischen Verbandes Uefa, dass der geplante Zeitplan für die EM nicht geändert werden müsse.

Doch! Muss er! Und zwar so schnell wie möglich! Die Uefa sollte in der derzeit unübersichtlichen Lage gar nicht lange rumeiern und auf Zeit spielen. Sie sollte jetzt und sofort die Entscheidung treffen: Wir verschieben die EM ins kommende Jahr.

Der Wettbewerb wird zunehmend verzerrt

Natürlich kann es in Sachen Corona in drei Monaten schon ganz anders aussehen (wovon die Experten allerdings eher nicht ausgehen). Und vielleicht könnten die Fußballfans dann tatsächlich schon wieder ungehemmt und unbeschwert durch Europa reisen, von Baku bis Bilbao und von Glasgow bis Bukarest. Aber selbst wenn der Uefa der gesundheitliche Aspekt egal ist: Die Nöte und Probleme seiner Mitgliedsverbände sollten es nicht sein. In ganz Europa geraten gerade die Spielpläne durcheinander, der Wettbewerb wird verzerrt, weil mal gar nicht, mal partiell gespielt wird, mal ohne Zuschauer und mal mit.

Dabei bleibt den nationalen Ligen wegen der EM im Sommer so gut wie gar kein Spielraum für die dringend gebotenen Spielabsagen. Mit einer Verschiebung der EM aber hat es die Uefa in der Hand, den Druck auf ihre Mitgliedsverbände deutlich zu verringern. Die Ligen könnten zum Beispiel für zwei Wochen komplett den Spielbetrieb aussetzen, es gäbe also eine einheitliche Regelung für alle. Und einen gesundheitlich positiven Effekt hätte eine solche Entscheidung vermutlich auch noch.

Dabei müsste die Uefa ihren Schritt nicht einmal gesellschaftspolitisch überhöhen. Sie könnte auch einfach sagen: Wir tun es für den Sport.

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