Fußball-Nationalmannschaft : Zeit für einen Generationenwechsel

Die Weltmeister von 2014 besetzen immer noch das Machtzentrum der Nationalmannschaft. Dabei wäre es Zeit für Veränderungen.

Abschwung. Die Generation um Jerome Boateng hat ihre besten Tage hinter sich.
Abschwung. Die Generation um Jerome Boateng hat ihre besten Tage hinter sich.Foto: Piroschka/Reuters

Jerome Boateng absolvierte kurz hinter der Mittellinie ein intensives Aufwärmprogramm. Er beugte seinen Oberkörper so weit nach vorne, bis der sich nahezu in der Waagerechten befand, dann schwang er mit angewinkelten Knien sein Bein zur Seite, erst das rechte nach links, dann das linke nach rechts. 25 Minuten waren es noch. Allerdings nicht bis zum Anpfiff, sondern bis zum Abpfiff des Nations-League-Spiels gegen Holland. Boateng tat zumindest alles, um diese 25 Minuten noch irgendwie über die Bühne zu bringen, nachdem Bundestrainer Joachim Löw bereits sämtliche Wechsel vollzogen hatte. Richtig gelingen wollte ihm das nicht.

Der Innenverteidiger aus München stand einmal für die Kraft der deutschen Fußball-Nationalmannschaft, er verkörperte ihre Gier nach Erfolg. Das war im Juli 2014, als Boateng im WM-Finale gegen Argentinien die Defensive zusammenhielt. Genauso aber steht Boateng jetzt sinnbildlich für den Niedergang. Träge, schwerfällig und auch psychisch erschöpft – der Verfall hat sich am Samstag in Amsterdam noch einmal auf geradezu dramatische Weise gezeigt. Die holländische Zeitung „De Telegraaf“ ätzte über Joachim Löw nach dessen höchster Niederlage als Bundestrainer: „Er weigert sich immer noch, der Realität ins Auge zu schauen, wurstelt stattdessen weiter mit dem Bayern-Machtblock aus alten, lustlosen, satten Nationalspielern, die immer weniger leisten.“

Löw setzt auf erprobte Spieler

Der Bundestrainer sieht das anders. Er hat nach dem WM-Debakel den radikalen Umbruch gescheut; er scheut ihn auch jetzt noch nach dem Desaster von Amsterdam. Löw glaubt an den Wert einer stabilen Achse. „Neuer, Hummels, Boateng, Müller, das sind für mich schon wichtige Spieler“, sagt er. „Sie wissen, wie man Krisen übersteht.“ Genau diese Haltung bringt Löw nun selbst zunehmend in Gefahr. An diesem Dienstag trifft er mit der Nationalmannschaft in St. Denis auf Weltmeister Frankreich. Bei einer weiteren Niederlage droht mehr denn je der Abstieg in der Nations League. Ein weiteres Debakel aber könnte den Bundestrainer sogar das Amt kosten. „Mit dem Druck kann ich relativ gut umgehen“, sagte Löw am Tag vor dem Spiel. „Wenn das alles war, halt ich es aus.“

Die Niederlage gegen Holland hat noch einmal deutlich gezeigt: Die Spieler, auf die Löw nach wie vor setzt, sind nicht die Lösung. Sie sind schon lange ein Teil des Problems. Torhüter Manuel Neuer patzte bei der Ecke vor dem 0:1. Mats Hummels traf daran ebenfalls eine Mitschuld, zudem offenbarte er mit der Kollegen- und Medienschelte nach dem Spiel den fortschreitenden Realitätsverlust innerhalb der Mannschaft. Sein Münchner Abwehrkollege Boateng ist im Grunde seit der Europameisterschaft 2016 dauerlädiert, mal zwickt es hier, mal schmerzt es da. Und Thomas Müller ist zwar weiterhin rätselhaft, inzwischen aber vor allem für das eigene Team. In seinen letzten 13 Länderspielen hat Müller exakt ein Tor erzielt.

Die Nationalelf hat sich seit der WM nicht verbessert

Übermäßig im Ballbesitz, verschwenderisch bei der Chancenverwertung, naiv in der Verteidigung: Der Auftritt in Amsterdam glich auf frappierende Weise den Darbietungen bei der WM. Kein Wunder: Es stand ja auch fast die gleiche Mannschaft auf dem Feld. Wenn man nach den Ursachen für das Debakel in Russland forscht, landet man immer wieder bei den Problemen zwischen etablierten Führungsspielern und aufstrebenden Jungen, zwischen den Weltmeistern von 2014 und den Confed-Cup-Siegern 2017. Von deren Schwung im Sommer zuvor war bei der WM nichts zu sehen – weil die Weltmeister immer noch das Machtzentrum der Nationalelf besetzt halten.

Mit dem Festhalten an den alten Recken aus seligen Weltmeistertagen verstößt Löw gegen sein eigenes Prinzip. „Erfahrung ist nicht wichtig“, hat er selbst gesagt – das war vor der WM 2010, als die Nationalmannschaft die Welt mit erfrischendem Offensivfußball begeisterte. Davon hat der Bundestrainer mehr und mehr Abstand genommen und sich so selbst in eine Situation manövriert, in der er nicht mehr gewinnen kann. Hält er auch gegen Frankreich an den Etablierten fest, wird er des Starrsinns verdächtigt. Nimmt er mehr als kosmetische Änderungen vor, heißt es: Jetzt beugt er sich dem öffentlichen Druck.

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Der Bundestrainer hat nach der WM lange über das Scheitern seiner Mannschaft nachgedacht und sich schließlich für einige Änderungen im Betriebsablauf entschieden, unter Beibehaltung des Personals. Aus heutiger Sicht muss man feststellen: dass Löw einem Irrglauben aufgesessen ist. Und immer noch aufsitzt. Das verleiht der Angelegenheit eine fast schon tragische Note und erinnert inzwischen sehr an den Spätsommer 1998, als sich Berti Vogts nach einer missratenen WM auch noch einmal an einem Neuaufbau versuchen durfte. Nach einem 1:1 gegen Rumänien und einem 2:1 gegen Malta musste Vogts ernüchtert einsehen, dass er gegen die öffentlichen Vorbehalte nicht mehr ankommen würde.

Junge Spieler werden in der zweiten Reihe geparkt

Joachim Löw hat am Samstag gewissermaßen seinen Malta-Moment erlebt, doch anders als Vogts erhält er mindestens eine weitere Chance zur Umkehr. Dass bereits wertvolle Zeit verstrichen ist, das war auch gegen die Holländer zu erkennen – als Müller nach einer Stunde den Platz für Leroy Sané räumte. Mit ihm kam mehr Schwung ins Spiel, fast schon so etwas wie Enthusiasmus. Der 22 Jahre alte Sané ist nicht der Erlöser, auch er ließ eine große Chance ungenutzt, vergab sie sogar noch kläglicher, als es zuvor Müller getan hatte. Aber das könnte auch mit mangelndem Vertrauen zusammenhängen. Vor ziemlich genau drei Jahren hat Sané beim Terrorspiel von Paris in der Nationalmannschaft debütiert. Seitdem hat er 14 Länderspiele (von 42 möglichen) bestritten, nur sechsmal durfte er von Anfang ran, lediglich einmal in einem Pflichtspiel – gegen Aserbaidschan.

Gut möglich, dass der Offensivspieler von Manchester City gegen den Weltmeister beginnen darf. „Zwei, drei wichtige Punkte müssen verändert werden“, kündigte Löw an, sowohl in der taktischen Herangehensweise, als auch bei der personellen Besetzung. Boateng fehlt auf jeden Fall, Manuel Neuer aber, so viel verriet der Bundestrainer schon, sei von den Änderungen nicht betroffen. Er wird gegen Frankreich im Tor stehen.

Löw hat im Rückblick auf die Niederlage gegen die Niederlande zugegeben: „Die jungen Spieler haben schon auch frischen Wind gebracht“, sagte Löw. Aber Wunderdinge dürfe man nicht erwarten, dazu fehlte ihnen noch „diese ganz hohe Qualität“. Die Frage ist, wie sie sich diese ganz hohe Qualität verschaffen sollen, wenn sie weiterhin in der zweiten Reihe geparkt werden. Bei der EM in zwei Jahren wird Neuer 34 sein, Boateng 32, Hummels 31, Müller 30, Toni Kroos ebenso. Gerade mit Blick auf die Zukunft hätte Löw den Generationenwechsel längst einleiten müssen – auch auf die Gefahr eines Rückschlags in der Nations League. Einen Abstieg mit jungen, frischen Spielern hätte er der Öffentlichkeit vielleicht noch verkaufen können. Einen Abstieg mit müden, alten Kämpen sicher nicht.

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