Fußball-Nationalmannschaft : Zurück nach vorn

Zwei Monate lang hatte Joachim Löw Zeit für die Aufarbeitung der WM. Jetzt muss er Veränderungen vornehmen – vor allem bei sich selbst. Eine Analyse.

Der entthronte Weltmeistertrainer Joachim Löw.
Der entthronte Weltmeistertrainer Joachim Löw.Foto: dpa

Stellen wir uns Joachim Löw mal bei der Arbeit vor. Bei der Weltmeisterschaft in Russland und im Trainingslager zuvor hatte der Bundestrainer das Coachen größtenteils seinen Co-Trainern und anderen Zuarbeitern überlassen. Wir stellen uns Löw also an einem Schreibtisch vor, umgeben von Bergen von Papier, offenen Laptops und leeren Espressotassen. Wie er Unmengen von Leistungsdaten durchforstet, Spielsequenzen immer wieder hin- und herspult. Es muss ein wahnsinniger Berg Arbeit gewesen sein für Löw, gemessen daran, wie lange er dafür brauchte.

Wenn der 56-Jährige an diesem Mittwoch seine WM-Analyse und das daraus abgeleitete Reformprogramm vorstellt, werden zwei Monate und zwei Tage vergangen sein, seitdem er mit seiner Mannschaft als WM-Titelverteidiger krachend gescheitert ist. Selbst wenn Löw in diesen zwei Monaten nur halbtags gearbeitet hätte, wäre das immer noch irrsinnig viel Zeit, um drei verkorkste WM-Gruppenspiele zu untersuchen, wo doch jeder halbwegs Interessierte gesehen hat, was alles schiefgelaufen ist.

Man muss sich das mal eine Ebene tiefer vorstellen, im Klubfußball. Da scheitert ein Trainer und steigt mit seiner Mannschaft am Saisonende ab. Mal angenommen, er genösse auch weiterhin das Vertrauen der Vereinsführung, sich selbst und die Mannschaft neu zu erfinden. Wie viel Zeit würde man ihm für die Analyse und Aufarbeitung des Abstiegs geben? Zwei Monate, also mehr als eine Sommerpause lang? Eher nicht.

Löw untersucht sein Scheitern selbst

Bei Joachim Löw ist das anders. Alles ist anders, seit dem WM-Triumph vor vier Jahren. Seitdem er vorlebte, keinem mehr etwas beweisen zu müssen – und diese Attitüde vielleicht sogar an seine Nationalspieler weitergegeben hat. Jedenfalls wirkt es vor diesem Hintergrund ein wenig befremdlich, dass derjenige, der die Hauptverantwortung für das historische Scheitern trägt, dieses Scheitern zu untersuchen und zu analysieren hat – und zwar nur dieser! Dass ihm dabei seine beiden Gehilfen Thomas Schneider und Marcus Sorg assistiert haben, macht die Angelegenheit nicht besser. Das ist ungefähr so, als hätte man Martin Winterkorn und seinen damaligen Vorstandskollegen den Abgasskandal von VW aufklären lassen.

Am vergangenen Dienstag hat Löw den Spitzen des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) und der Deutschen Fußball-Liga (DFL) sowie ausgesuchten Vertretern einiger Bundesligaklubs einen ersten Einblick in seine Analyse gewährt. „Große Einigkeit“ soll hinterher geherrscht haben, Reinhard Grindel, dem DFB-Präsidenten, fiel sogar das Wort „Schulterschluss“ aus dem Mund. Anderes war ehrlicherweise auch nicht zu erwarten gewesen. Die durch das schwache WM-Abschneiden und ein noch schwächeres Krisenmanagement in die Kritik geratene Verbandsspitze hat sich Löw ausgeliefert. Direkt nach dem WM-Aus hatte Grindel seinen gescheiterten Bundestrainer zum Weitermachen förmlich gedrängt. Und dies bar jeden Gespürs für die Situation und ohne den Ansatz einer Analyse. Die DFL ihrerseits hofft inständig, dass der Imageschaden der Auswahl nicht auf die Bundesliga abstrahlt oder sich gar negativ auf die Bewerbung für die EM 2024 auswirkt.

Durchgesickert ist vom Treffen am Dienstag wie auch von dem am vorigen Freitag mit dem DFB-Präsidium nicht viel. Erst am Mittwoch wird die Öffentlichkeit von Löw erfahren, wie die Rückkehr des auf den 15. Platz der Weltrangliste abgestürzten Teams an die Weltspitze gelingen soll. Zugleich wird Löw an diesem Tag seinen Kader für das Spiel am 6. September gegen Weltmeister Frankreich benennen. Man darf gespannt sein, wie ein Neuanfang unter Löw aussehen wird. Und wie viel dabei von seinen Ankündigungen übrig bleibt. Am Tag nach dem WM-Aus hatte Löw „tiefgreifende Maßnahmen“ und „klare Veränderungen“ angemahnt. Doch mit jedem Tag mehr, den Löw für seine Analyse brauchte, beschlich einen das Gefühl, dass der Umbruch viel sanfter ausfallen wird. Für Radikalität war der gemütliche Schwarzwälder nie bekannt.

Leider soll Löw bislang kaum ausgeführt haben, wie es zu dem WM-Scheitern kommen konnte, und – kein Wort zu Mesut Özil. Dabei hatte der Nationalspieler mit seinem wütenden Rücktritt inklusive direkter Attacken auf Grindel in der Sommerpause halb Deutschland aufgerüttelt. In seinem Vortrag soll Löw in Frankfurt den Blick vor allem nach vorn gerichtet haben. Künftig sollen die Trainerausbildung, die Nachwuchsleistungszentren und alle Nachwuchsmannschaften gestärkt werden. Das sind altbekannte Wunden und mithin Themen, für die Löw nicht zuständig ist. „Wir brauchen wieder echte Spezialisten auf manchen Positionen“, ist der einzige Satz, der vom Bundestrainer überliefert ist. Ein Satz, der an der Basis süffisant kommentiert wird.

Natürlich hat Löw den Sommer nicht durchgearbeitet. Der Schwarzwälder tat das, was er nach Turnieren schon immer gern tat: Er tauchte ab. Nur diesmal ging es nicht nur um ein vercoachtes Halbfinale wie bei der EM 2012, sondern hier ging es um die Bewältigung einer Jahrhundertblamage. Noch nie war ein deutsches Team bei einer WM so früh gescheitert.

An der Basis ist die Stimmung schlecht

Beim DFB bekamen sie den Unmut der Basis recht rasch zu spüren, wohl auch deshalb wurde Löw Mitte Juli gebeten – drei Wochen nach dem WM-Aus –, ein geplantes Meeting mit seinen Co-Trainern und Manager Oliver Bierhoff in die Zentrale nach Frankfurt zu verlegen. Auf dem Verbandsparkplatz wurde der Bundestrainer mit ernstem Blick und Aktentasche abgelichtet. Wer wohl dem Fotografen Bescheid gegeben hat? Offenbar hatte der Verband Bilder von einem tatkräftigen Bundestrainer nötig – also mal ohne Sonnenbrille. Löw sagte damals nur: „Es muss uns wieder gelingen, wie in den Jahren zuvor, dass man unseren Spielern die Freude, den Spaß, die Leidenschaft, für Deutschland zu spielen, anmerkt – auf und neben dem Platz.“ Genau das war ihm in Russland nicht gelungen.

Anschließend soll Löw erneut auf seiner Lieblingsinsel Sardinien gesichtet worden sein. Für einen Besuch des Internationalen Trainerkongresses in Dresden, wo es auch um die Lehren aus der WM ging, hat es jedenfalls nicht gereicht, was viele Teilnehmer monierten. Etwa Matthias Sammer. „Wo ist das Äquivalent im Verband, das sagt: Jogi, geh dahin?“, sagte der frühere Sportvorstand des FC Bayern, der auch mal Sportdirektor beim DFB war. Der 50-Jährige kritisierte die gesamte Verbandsspitze: „Eine andere Struktur würde auch nicht zulassen, dass schon vor der Analyse des WM-Scheiterns mit dem peinlichen Vorrundenaus feststeht, dass die handelnden Personen im Amt bleiben.“

Was hat Löw bloß mit der vielen Zeit gemacht? Oder sollte man eher fragen, was hat Löw in den Monaten und Wochen vor der WM nicht gemacht? Fakt ist, dass es seit der EM 2016 überhaupt keine Weiterentwicklung des Spielstils gegeben hat, weder im spielerischen noch im taktischen Bereich. Löws Team wurde bei der WM von Mexiko übertölpelt und spielte planlos gegen Südkorea. Es mangelte ihm an Leidenschaft, an Haltung und an Eifer. Fast hätte man meinen können, der Bundestrainer habe genau das seiner Mannschaft im WM-Sommer vorgelebt.

Löws Job bietet tolle Work-Life-Lalance

Wie kann es weitergehen mit der wichtigsten Mannschaft des Landes, wie soll es weitergehen? Löw wird bei sich selbst anfangen müssen. Er muss ins Arbeiten kommen und zu dem zurückfinden, was ihn einmal ausgezeichnet hat – ein richtiger Trainer zu sein. Das ist die Grundvoraussetzung für einen Umbruch und einen Aufbruch. Dass Löw es sich zutraut, die notwendigen Veränderungen herbeizuführen, ist wenig überraschend. Er hängt sehr an diesem schönen Job mit viel Bedeutung, hohem Einkommen und überschaubarem Aufwand. Selbst wenn von ihm wieder mehr kommen muss, hält der Job des Bundestrainers eine immer noch fabelhafte Work-Life-Balance bereit.

Die Verbandsspitze bleibt von Löw überzeugt, was allerdings nicht viel zu sagen hat – bei so wenig Fußballkompetenz im Gremium. Löw weiß hoffentlich, dass es nun sichtbare Veränderungen braucht. Vor allem müssen die Maßnahmen aber auch die Mannschaft und die Öffentlichkeit überzeugen. Letztere hat sich längst ihre eigenen Gedanken gemacht. Ein einfaches Weiter-so kann es für sie nicht geben, und Löw kann längst nicht alle Wünsche des Fußballvolkes erfüllen. Lediglich Mario Gomez ist zurückgetreten, aus Altersgründen. Und Özil, dessen Rückzug Löw am allerwenigsten gefordert hätte. Oliver Kahn, der ehemalige Kapitän der Nationalmannschaft, bezweifelt einen Neuaufbau unter Löw, den er vor einer „schier unlösbaren Aufgabe“ sieht. Aus seiner Sicht wäre es klüger gewesen, wenn der Bundestrainer aufgehört hätte.

Auf jeden Fall wird Joachim Löw ab sofort unter verschärfter Beobachtung stehen. Ein Scheitern in der neu geschaffenen Nationenliga mit je einem Hin- und Rückspiel gegen Frankreich und Holland in diesem Herbst wird man dem angeschlagenen Bundestrainer nicht auch noch durchgehen lassen können.

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