Das Stadion gleicht einem Tollhaus

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Fußball unter Franco : Die Auferstehung Kataloniens

Die veränderte Stimmung nach Francos Tod spürte auch Rexach. „Da lag etwas von Aufbruch in der Luft“, sagt der 64-Jährige. „Viele, die sich vorher benachteiligt fühlten, glaubten jetzt an den Neuanfang.“ Mitten in dieser Atmosphäre kommt es am 28. Dezember 1975 wieder einmal zum großen Aufeinandertreffen mit Real Madrid. Das Duell der Erzrivalen ist das erste Spiel nach der Weihnachtspause im spanischen Fußball und wird abends zur besten Fernsehzeit im ganzen Land übertragen. Am Spieltag ist Rexach sehr aufgeregt. „Ich hatte große Lust auf das Spiel und wollte unbedingt gewinnen, wahrscheinlich mehr noch als einige andere im Team.“

Carles Rexach ist einer von wenigen Katalanen in der Mannschaft, im Gegensatz zu heute ist der FC Barcelona 1975 ein zusammengekauftes Starensemble. „Ein bisschen so wie Real Madrid heute“, sagt Rexach. Trainiert wird Barcelona vom Deutschen Hennes Weisweiler, bei Madrid kicken Günter Netzer und Paul Breitner. Obwohl Real amtierender spanischer Fußballmeister ist, geht Barça als klarer Favorit ins Spiel. In den zurückliegenden sieben direkten Duellen konnte Real nur ein Tor gegen Barcelona erzielen.

Besonders das Spiel vom Februar 1974 blieb allen Beteiligten in Erinnerung. Damals führte Barça die Madrilenen in deren Stadion beim 5:0 vor, der katalanische Schriftsteller Manuel Vazquez Montalban schrieb später: „An jenem Tag, so empfanden es Millionen im Land, setzte der Niedergang der faschistischen Diktatur ein.“

Am 28. Dezember 1975 wird Carles Rexach und seinen Mitspielern beim Einmarsch ins Stadion Camp Nou bewusst, dass die Franco-Zeit nun tatsächlich vorbei ist. Unter ohrenbetäubendem Lärm beginnen die Zuschauer in der Riesenarena, etwas unter ihren Jacken hervorzuholen. Es ist die „Senyera“, die katalanische Nationalflagge, das unter Franco verbotene Symbol ihrer Heimat. An den Fernsehschirmen können sie in diesem Moment Millionen Spanier sehen. „Ich dachte: Hostia!, das gibt es ja nicht“, erzählt Rexach. „Hostia“ heißt so viel wie „verdammt“. „Und natürlich war ich stolz“, sagt Rexach. Zu Francos Lebzeiten wäre eine solche Aktion der Anhänger undenkbar gewesen.

Mit der Euphorie dieser Bilder geht Barcelona schon nach drei Minuten durch den Niederländer Johan Neeskens in Führung, das Stadion gleicht einem Tollhaus. Doch anstatt losgelöst weiterzuspielen, verkrampft die Mannschaft. „Wir wollten zu viel, auch ich hätte am liebsten wieder 5:0 gewonnen, aber das tat unserem Spiel nicht gut“, erzählt Rexach. Immer wieder schießt er wie seine Mannschaftskollegen aus allen Lagen aufs Tor, doch die Bälle gehen links und rechts vorbei. Als Real Mitte der zweiten Halbzeit durch Pirri zum Ausgleich kommt, wird es unruhig im Stadion. „Die Leute begannen zu raunen, es gab sogar Pfiffe“, erinnert sich Rexach. Eine Niederlage im eigenen Stadion gegen Real, das durfte einfach nicht sein. Nicht beim ersten Duell nach Francos Tod. Ein Sieg Reals wäre für viele Katalanen einer gefühlten Wiederauferstehung des Diktators gleichgekommen.

Carles Rexach denkt während der 90 Spielminuten nicht an Politik. Als nur noch eine Minute zu spielen ist, glaubt Rexach schon längst nicht mehr an den Sieg, geschweige denn an ein eigenes Tor. Zu oft hatte er es vorher probiert, zu oft war er am gegnerischen Torwart gescheitert. Doch das Schicksal will es, dass ihm der Ball in der 89. Spielminute an der Strafraumgrenze plötzlich vor die Füße fällt. Und Rexach schießt, sein Blick verfolgt die Flugkurve des Balles. Als er wieder nach oben schaut, sieht er jubelnde Menschen, die inbrünstig die Senyera-Flagge küssen. Ganz Barcelona feiert den historischen Sieg. Gegen Real Madrid. Gegen Franco. Gegen die Vergangenheit.

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