Fußball-Weltmeisterschaft in Russland : „Welche WM? Und in welcher Sportart?"

Die Russen haben sich bisher kaum für das Fußball-Großereignis in ihrem Land interessiert. Erst langsam steigt die Begeisterung.

Sebastian Rauball
In Sankt Petersburg steht das zweitgrößte WM-Stadion mit Platz für 69 500 Zuschauer. Nur ins Luschniki-Stadion in Moskau passen mehr Fans.
In Sankt Petersburg steht das zweitgrößte WM-Stadion mit Platz für 69 500 Zuschauer. Nur ins Luschniki-Stadion in Moskau passen...Foto: dpa

Fußball und Russland, das ist so eine Sache. Zwar ist Fußball der Sport Nummer eins im flächenmäßig größten Land der Welt, doch leidet er unter einer chronischen Erfolglosigkeit der eigenen Nationalelf und der heimischen Klubs auf internationaler Ebene. Dazu kommt die enorme Konkurrenz aus dem Eishockey, das kaum weniger populär ist. Denn da feiern die Russen regelmäßig internationale Erfolge. Kein Wunder also, dass es mit der Begeisterung für die Fußball-WM im eigenen Land ein wenig hapert. Zumindest in der Provinz, abseits der Metropolen Moskau und Sankt Petersburg.

So zum Beispiel in Kirow: Etwas weniger als 1000 Kilometer nordöstlich von Moskau will offenbar keiner etwas von der Weltmeisterschaft wissen. Dort lassen sich diverse Reisebüros zitieren mit Sätzen wie: „Reisen zu WM-Spielen wird keiner kaufen, es gibt keine Nachfrage, deswegen bieten wir es erst gar nicht an.“ Lediglich einige Fahrten ins näher gelegene Kasan sollen gebucht worden sein, berichtet eine andere Agentur. Verwunderlich ist das kaum, wenn man bedenkt, dass Lehrer in der Provinz teilweise gerade mal etwas mehr als 200 Euro im Monat verdienen. Selbst mit den verbilligten Tickets für Einwohner Russlands summiert sich der Besuch durch Reise und Übernachtung zu einem kostspieligen Vergnügen.

Aber auch in den Großstädten Russlands war lange nichts zu spüren von WM-Euphorie. Wenn man vor einem Jahr in Moskau fragte, was die Leute über die anstehende WM im eigenen Land denken, bekam man noch oft zu hören: „Welche WM? Und in welcher Sportart?“ Dieser Eindruck des ausgeprägten Desinteresses verfestigte sich durch die eher mauen Zuschauerzahlen beim Confed-Cup im Jahr 2017. In den Stadien blieben viele Plätze leer, der Zuschauerschnitt fiel mit 37 457 und einer Auslastung von 73,5 Prozent im Vergleich zum Confederations Cup in Brasilien deutlich ab.

Geld scheint keine Rolle zu spielen

Das soll bei der Weltmeisterschaft anders werden. Und tatsächlich ist es so, dass der staatliche Einsatz, das Marketing des Weltverbands Fifa und die allgemeine Magie, die von einem solchen Turnier traditionell ausgeht, allmählich Wirkung zeigen. So meldet die Fifa, dass in der momentanen Verkaufsrunde, die seit dem 5. Dezember bis einschließlich 31. Januar 2018 läuft, beinahe das gesamt Kontingent verkauft worden sei – davon immerhin mehr als die Hälfte an Einwohner der Russischen Föderation, die ihre Mannschaft, aber vor allem auch andere Teams sehen wollen. Besonders die deutsche Nationalelf erfreut sich in Russland großer Beliebtheit.

Mit 1280 Rubel in der Kategorie vier, umgerechnet sind dies etwa 18 Euro in der Sonderkategorie für einheimische Fans, sind die günstigsten Tickets für die Einwohner Moskaus und Sankt Petersburgs, deren Durchschnittsgehalt ein Vielfaches des ländlichen beträgt, durchaus erschwinglich. Vor allem aber möchte auch viele Russen inzwischen als Volunteers dabei sein: Mehr als 150000 Bewerbungen seien auf die nur 15000 Plätze eingegangen, heißt es – ein Rekordwert. Besonders junge Leute aus der Großstadt zeigen sich hier interessiert, 80 Prozent der Freiwilligen seien zwischen 16 und 25 Jahre alt.

Und damit nicht nur die Bewohner der beiden großen Städte Moskau und Sankt Petersburg etwas von der WM haben, wird nun auch für die Fußballfans in Kirow und anderen Provinzstädten etwas getan. Geld scheint dabei keine Rolle zu spielen. So will die staatliche russische Airline Aeroflot einheimische Ticketinhaber für den symbolischen Preis von fünf Rubeln pro Strecke zu den Spielen fliegen. Das sind umgerechnet sieben Cent. Dies kündigte der Airline-Chef Vitali Saweljow bei einem Treffen mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin an. Nur für die Reisebüros brächte das keine Verbesserung.

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