In Manaus wird mitten im Regenwald ein Stadion gebaut

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Fußball-WM 2014 : Großes brasilianisches Ehrenwort

Zum Beispiel in Manaus. Die Stadt am Zusammenfluss von Rio Negro und Solimoes zum Amazonas ist mindestens so spektakulär wie Rio, aber mit anderen Vorzeichen. Manaus ist der exotischste WM-Standort aller Zeiten. Eine Stadt mitten im Urwald, der Äquator ist drei Breitengrade entfernt und der Atlantik 1700 Kilometer. Die einzige Landverbindung zur Außenwelt ist eine provisorische Straße nach Venezuela.

Der Münchner Reiseveranstalter Studiosus hat nach Manaus eingeladen. Der erste Eindruck nach dem dreistündigen Flug von Rio in den tropischen Norden ist – feucht. Bei Temperaturen um 40 Grad und einer Luftfeuchtigkeit von annähernd 100 Prozent schwitzt der unerfahrene Europäer schon im Stehen. Das verträgt sich nicht gut mit der bewegungsintensiven Sportart Fußball, aber Manaus ist ein politisches Prestigeobjekt der Regierung. Die WM 2014 soll ganz Brasilien repräsentieren, auch die im Regenwald lebenden Indios, für die Sportminister Aldo Rebelo der Fifa ein Kontingent an Freikarten abgeschwatzt hat.

WM-Stadien im Bau
In Stadion von Brasilia ist der Rasen ist immerhin schon da. Und auch die Tore stehen. Es geht voran in Brasilien im Hinblick auf die WM 2014, wenn auch nur langsam.Weitere Bilder anzeigen
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05.01.2013 14:24In Stadion von Brasilia ist der Rasen ist immerhin schon da. Und auch die Tore stehen. Es geht voran in Brasilien im Hinblick auf...

„Wissen Sie, warum es in Manaus keinen Klub in der ersten brasilianischen Liga gibt?“, fragt Claudio Radke. „Na, die Leute können hier einfach nicht schnell genug rennen bei der Hitze und der Luftfeuchtigkeit.“ Claudio Radke ist in den siebziger Jahren aus Porto Alegre nach Manaus gekommen. Er wollte eigentlich nur für ein paar Wochen bleiben und führt jetzt seit bald 40 Jahren Touristengruppen durch den Regenwald. In letzter Zeit häufen sich die Fragen nach Manaus und der Fußball-WM. „Ich weiß bis heute nicht, was der Blödsinn soll“, sagt Radke. „200 Millionen Euro kostet uns allein das Stadion. Und dazu kommen noch die Kosten für die Straßen und die Bahnanbindung“, aber die wird wahrscheinlich ohnehin nicht fertig.

Das Amazonas-Stadion wird vom deutschen Architektenbüro gmp gebaut. Hinter Tankstellen, Reifenlagern und Palmen drehen sich drei Kräne. Die Konturen eines Stadions lassen sich auf der Baustelle allenfalls schemenhaft erkennen. Viel rote Erde und die Andeutung einer Tribüne. Wenn es einmal fertig ist, soll das Stadion aus der Luft wie ein bunter Obstkorb aussehen und von außen wie eine schlafende Schlange.

Das kann dauern. Ein deutscher Ingenieur, er arbeitet für die MAN-Niederlassung in Manaus, hat für das Problem der sich ständig verzögernden Arbeiten eine einfache Lösung: „Man muss den Brasilianern einfach nur sagen, dass die WM abgesagt wird, dann wird das schon. Karneval und Fußball, das können sie einigermaßen. Aber wenn die Bauarbeiten in dem Tempo weitergehen, dann wird das Stadion 2024 fertig.“ Das größte Problem ist die Natur. Sämtliche Materialien müssen per Schiff über den Amazonas oder per Flugzeug auf die Baustelle geschafft werden. Der Fifa-General Valcke sagt, er sei „ein bisschen besorgt wegen Manaus“ und hat schon mal prophylaktisch gedroht: „Noch ist es möglich, ein Stadion aus der Liste für die WM zu streichen.“

Die Stadien für die WM 2014
In der Corinthians Arena von Sao Paulo soll am 12. Juni 2014 das Eröffnungsspiel vor dann 65.807 Zuschauern stattfinden.Weitere Bilder anzeigen
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05.01.2013 13:49In der Corinthians Arena von Sao Paulo soll am 12. Juni 2014 das Eröffnungsspiel vor dann 65.807 Zuschauern stattfinden.

Wenn denn alles nach Plan verläuft, wird das Ufo Fußball-WM für vier Vorrundenspiele im Urwald landen und dann auf Nimmerwiedersehen aus dem Urwald verschwinden. Wie viel wird bleiben von der populärsten Veranstaltung der Welt? Wenig, glaubt Claudio Radke. „Im ersten Jahr nach der WM werden die Leute sich vielleicht noch für das Stadion interessieren. Dann wird es einfach nur noch rumstehen.“ Der populärste Klub Nacional Manaus spielt in der viertklassigen Serie D und hat als einzigen Spieler von nationalem Ruf den Stürmer França hervorgebracht, er hat auch mal ein paar Jahre in Leverkusen gespielt. Als França in den Neunzigern vom Amazonas nach Sao Paulo wechselte, „hat er vor seinem ersten Spiel alle Bekannten angerufen und ihnen gesagt: Heute bin ich im Fernsehen“, erzählt Claudio Radke. Allzu viele Leute sollen nicht zugeschaut haben.

Manaus gehörte mal zu den wohlhabendsten Städten der Welt. Das war zwischen 1870 und 1910, als die Region im oberen Amazonasbecken der einzige Lieferant von Kautschuk war. Heute ist die größte Attraktion der Stadt das 1896 eingeweihte Amazonas-Theater. Nach dem Einbruch des Kautschuk-Booms verfiel das urwaldpapageienbunte Haus, aber dann drehte Werner Herzog seinen Film „Fitzcarraldo“ und machte das Theater weltberühmt. Ein paar Jahre später, 1995, rüttelte Luciano Pavarotti an der Tür, aber der Hausmeister ließ ihn erst nach einer improvisierten Gesangsprobe hinein. Ein bewegter Pavarotti schmetterte vor leeren Stühlen eine Arie.

Ob Lionel Messi wohl in zwanzig Jahren mit einem Ball vor der schlafenden Schlange von Manaus stehen wird?

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