Fußball-WM 2018 : Das sind die Tops & Flops der Vorrunde

Der Videobeweis und die Isländer, die Fans allgemein und besonders die iranischen Frauen, dagegen Neymar und Nationalismen. Was bisher gut war und was schlecht bei der Fußball-WM 2018.

Ilja Behnisch
Fans des Senegal beim Vorrundenspiel gegen Polen in Moskau.
Fans des Senegal beim Vorrundenspiel gegen Polen in Moskau.Foto: Andrew Medichini/dpa

Kritisch Bilanz ziehen möchte der Deutsche Fußball-Bund nach dem frühen Ausscheiden. Das müssen wir unbedingt nachahmen. Hier die Höhepunkte und Aufreger der Gruppenspiele.

TOPS

Der Videobeweis

Nach den Erfahrungen der abgelaufenen Bundesliga-Saison drohte der VAR-Room, dieser mystische Videobeweis-Ort in Moskau, an dem sich Unparteiische aller Länder vereinigen, um der Gerechtigkeit die Hand zu reichen, zu einem Folterkeller zu werden. Schließlich hatten längst noch nicht alle Teilnehmerländer Erfahrungen mit dem System gesammelt, geschweige denn alle Schiedsrichter. Doch es blieb alles anders. Strittige Szenen gab es zwar weiterhin, auch nach dem Einsatz des Videobeweises. Insgesamt herrscht nach dieser Vorrunde aber vor allem der Eindruck, dass das Prinzip Videobeweis ein Prinzip mit Zukunft ist.

Die Fans

Was wurde nicht alles geunkt im Vorfeld dieser WM? Russische Hooligans würden die Bühne Weltmeisterschaft nutzen, die Stadien in No-Go-Areas verwandeln. Und überhaupt, die russische Weite! Zwischen Kaliningrad und Jekaterinburg (circa 3000 Kilometer), zwischen Sankt Petersburg und Sotschi (circa 2500 Kilometer) verlaufe sich das Gefühl eines Turniers, würden die Fans aus aller Welt von der Unlust gepackt, einfach daheim zu bleiben. Doch das Gegenteil war der Fall. Insbesondere die Anhänger aus Südamerika orderten Tickets, als wäre es die letzte Weltmeisterschaft überhaupt. Was angesichts der kommenden WM in Katar ja sogar irgendwie stimmt.

Video
Achtelfinale: Über Messi, Ronaldo und Berti Vogts
Achtelfinale: Über Messi, Ronaldo und Berti Vogts

Allein die argentinischen Fans machten beim entscheidenden letzten Gruppenspiel einen Lärm der Begeisterung, der kaum noch in Dezibel, sondern eher in Wahnsinn gemessen werden sollte. Und dann waren da ja noch die Fans aus Japan und Senegal. Fröhlich und bunt wie alle anderen, aber auch: höflich bis zum Weltfrieden. So räumten sie nach ihren Spielen in den eigenen Reihen auf und sammelten den Müll ein, den sie zuvor produziert hatten. Tragisch, dass ausgerechnet Japan nur dank der Fair-Play-Wertung über den Senegal triumphierte und in die K.O.-Runde einzog.

Die Geheimfavoriten

Es war kaum noch auszuhalten. Jedes Turnier dieselbe Leier. Belgien! Kolumbien! Kroatien! Dieses Mal wird es ihnen gelingen, dieses Mal wird ein Geheimfavorit und mithin ein Außenseiter den Weltpokal in den Händen halten. Doch denkste, die Leier zog einfach weiter und mündete in mehr oder minder enttäuschenden Erzählungen. Jedes Nazi-Gold ist ein Klecks der Geschichte gegenüber dem Schutthaufen der goldenen Generationen, die an ihren und den an sie gestellten Ansprüchen scheiterten.

Einen Luxus-Kader hat Belgien schon seit einigen Jahren. Bei dieser WM scheint aber tatsächlich alles möglich.
Einen Luxus-Kader hat Belgien schon seit einigen Jahren. Bei dieser WM scheint aber tatsächlich alles möglich.Foto: dpa

Und so schien auch vor dieser Weltmeisterschaft klar, dass nichts klar ist, außer, dass es ganz bestimmt keiner der sogenannten Geheimfavoriten wird. Die Vorrunde nun machte Hoffnung auf Veränderung. Belgien hat plötzlich nicht nur Talent ohne Ende, sondern auch noch einen gesunden Mannschaftsgeist. Kolumbien scheint zäher als ein Stück Leder aus dem Pleistozän und hat mit dem Argentinier José Pékerman einen der vielleicht besten Trainer des Turniers. Kroatien hingegen verfügt mit Luka Modric und Ivan Rakitic über das vielleicht beste Mittelfeld dieser WM. Wäre doch schön, wenn das mit der alten Leier endlich mal ein Ende finden würde. Und es beim nächsten Mal heißt: Geheimfavorit? Deutschland!

Die Debütanten

Panama und Island wecken jede Menge Assoziationen. Nur eben nicht unbedingt solche, die mit Fußball zu tun haben. Gut, die Isländer reüssierten schon während der Europameisterschaft vor zwei Jahren und eroberten die Herzen so ziemlich aller Fans im Huh. Aber eine Weltmeisterschaft ist dann eben doch noch mal etwas anderes. Und plötzlich erfuhr der ganze Globus vom Trainer, der eigentlich Zahnarzt ist, von Rurik Gislason, der eigentlich beim SV Sandhausen spielt, und nun trotzdem und dank argentinischer Schauspiel-Sternchen zum Instagram-Phänomen und Sex-Symbol wurde.

Für Island bei der WM, für Sandhausen in der zweiten Liga: Mittelfeldspieler Rurik Gislason.
Für Island bei der WM, für Sandhausen in der zweiten Liga: Mittelfeldspieler Rurik Gislason.Foto: NICOLAS ASFOURI/AFP

Manche nervte der Hype dann auch schnell wieder, für die gab es dann aber noch Panama. Am Ende aller Resultate ist der Fußball ja vor allem wegen seiner Geschichten so großartig. Und von denen haben schließlich besonders Debütanten noch jede Menge ungehobene Schätze.

Irans Frauen

Durften, anders als in ihrer Heimat, zu den Spielen ihrer Nationalmannschaft. Nutzten das für einen wunderbaren Support und dazu, der Weltöffentlichkeit ihr Anliegen vorzutragen: offene Stadien für alle. Und tatsächlich hoben sich in Teheran zeitgleich uralte Vorhänge. Im Nationalstadion der Stadt war es Frauen erstmals seit 37 Jahren erlaubt, zu einem Fußballspiel das Azadi-Stadion zu betreten. Wenn auch vorerst nur zum Public Viewing. Jeder Anfang braucht einen ersten Schritt.

Iranische Frauen schauen einer Übertragung der Partie Portugal gegen den Iran im Azadi-Stadion von Teheran zu.
Iranische Frauen schauen einer Übertragung der Partie Portugal gegen den Iran im Azadi-Stadion von Teheran zu.Foto: ATTA KENARE/AFP

FLOPS

Der Videobeweis

Ja gut, äh. Wo Licht ist, ist auch Schatten. Und jede Medaille hat ihre Kehrseite. Der Videobeweis klappt bei dieser WM zwar sehr viel besser als noch während der Bundesliga-Saison. Trotzdem raubt er dem Spiel auch weiterhin ein Kernelement seiner Faszination. Dadurch, dass jedem Tor eine Vorläufigkeit eingeschrieben steht, bleibt die reflexartige, reine Freude automatisch auf der Strecke.

Die afrikanischen Mannschaften

Zum ersten Mal seit 1982 hat es in diesem Jahr kein Team aus Afrika in die K.O.-Runde geschafft. Zumindest bei Nigeria und Senegal war das immerhin eine knappe Kiste. Das ist zwar trotzdem enttäuschend, vor allem aber: Schade. Je mehr die WM zu einem Vergleich zwischen Europa und Südamerika verkommt, desto langweiliger.

Haarige Angelegenheit: Brasiliens Star Neymar in der Vorrunde.
Haarige Angelegenheit: Brasiliens Star Neymar in der Vorrunde.Foto: Damir Sagolj/REUTERS

Neymar

Man soll sich ja nicht an Äußerlichkeiten festhalten, aber: diese Frisur! Als hätte jemand den Auswurf eines Spaghetti-Monsters auf seinen Schädel drapiert. Dazu wälzte sich Brasiliens Superstar nach richtigen oder auch nur vermeintlichen Fouls am Boden, als wolle er in die postnatale Phase zurück.

Defensiv-Fußball

Was bei den Isländern aus Gründen blinder Liebe noch alle toll fanden, nervte bei anderen Mannschaften doch gehörig. So verständlich es ist, dass die Außenseiter dieser Welt ihren Fokus auf eine blitzsaubere Defensivarbeit legen, so ärgerlich sind die Achter-Abwehrreihen schlussendlich anzusehen. Und auch wenn bei dieser Weltmeisterschaft kein Team ohne eigenes Tor bleiben wird, stellt sich doch die Frage nach dem Sinn der Übung. Denn wer seine Taktik darauf einzig darauf auslegt, nicht zu verlieren, übersieht, dass es im Endeffekt noch immer darum geht, zu gewinnen.

Granit Xhaka (l.) und Xherdan Shaqiri fühlten sich nach ihrem Torjubel zur Provokation genötigt. Leider.
Granit Xhaka (l.) und Xherdan Shaqiri fühlten sich nach ihrem Torjubel zur Provokation genötigt. Leider.Foto: dpa

Nationalismen

Fußball ist ein Spiegelbild der Gesellschaft. Sagt man. Deswegen darf es im Grunde niemanden überraschen, wenn neu aufgewärmte Nationalismen aus Europas Parlamenten auch auf das sportliche Geschehen in Russland überschwappen. Durch die kroatische Kabine schallt faschistisches Liedgut und die Spieler grölen textsicher mit.

Schweizer Nationalspieler mit Wurzeln im Kosovo formen beim Torjubel den albanischen Doppelkopfadler. Auch weil die serbischen Fans zuvor „Tötet die Albaner!“ skandiert haben. Und der Zuschauer kann gar nicht so viel weggucken, wie er eigentlich müsste, um den Eindruck einer unbeschwerten WM zu gewinnen.

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