Fußball-WM 2018 : Toni Kroos und die wunderbare Kraft des Moments

Ein einziges Tor, das zeigen vergangene Turniere, kann eine gewinnbringende Dynamik entfalten. Darauf hofft nun auch Deutschland. Ein Kommentar.

Plötzlich alles gut? Vielleicht. Deutschland jubelt nach dem 2:1 durch Toni Kroos.
Plötzlich alles gut? Vielleicht. Deutschland jubelt nach dem 2:1 durch Toni Kroos.Foto: Sergei Grits/AP/dpa

Ein kurzer Anlauf, ein Schuss und alles ist plötzlich wunderbar. Die Kraft des Moments, sie ist im Sport nicht zu unterschätzen, sie kann ein kriselndes Team zu einem starken Team, sogar zu einem Champion machen. Ob Deutschland nach dem 2:1 gegen Schweden in der 95. Minute durch den Freistoß von Toni Kroos nun durch dieses Turnier getragen wird, ist derzeit noch ungewiss.

Kühl betrachtet waren es immer noch zwei Vorrundenspiele gegen zwei mittelmäßige Mannschaften. Eines davon verlor Deutschland und das andere am Samstag gegen Schweden gewann das Team von Bundestrainer Löw mit Ach und Krach durch einen Standard in der Nachspielzeit. Deutschland tritt in Russland nicht auf wie ein Weltmeister, der im Vorfeld laut den Anspruch formulierte, auch nach nach dem 15. Juli weiter Weltmeister bleiben zu wollen.

Und dennoch: Kroos' Treffer kann eine gewinnbringende Dynamik bewirken. Dieser besondere Moment, die im Sportlersprech häufig formulierte Initialzündung hat in der Vergangenheit schon häufig die Wendung bedeutet. Man braucht gar nicht einmal so lange zurückblicken in der deutschen Nationalmannschaftshistorie. Streng genommen gab es in fast jedem großen Turnier der vergangenen Jahre, die allesamt recht erfolgreich verliefen, einen solchen Moment.

Auch bei der WM in Brasilien rumpelte sich Deutschland anfangs durch das Turnier

Bei der WM 2014 in Brasilien, das wird gerne vergessen, rumpelten sich die Deutschen durch dieses Turnier, bis André Schürrle in der Verlängerung des WM-Achtelfinals gegen Algerien das 1:0 erzielte. 2010, das wird genauso gerne vergessen, stand Deutschland gegen Ghana nicht weit entfernt vom Vorrunden-Aus, ehe Mesut Özil mit seinem fulminanten Treffer das Team erlöste.

Zwei Jahre zuvor nahm die Nationalmannschaft erst nach dem Gewaltschuss von Michael Ballack im letzten Gruppenspiel gegen Österreich Fahrt auf für die EM. 2006, das ist vielleicht das prominenteste Beispiel, war es die Koproduktion von David Odonkor und Oliver Neuville im Gruppenspiel gegen Polen, die aus der Heim-WM das Sommermärchen machte.

Nun waren die Konstellation bei den genannten Ereignissen für die deutsche Mannschaft alle unterschiedlich. Aber gemeinsam war diesen Toren die Euphorie, die sie auslösten. Man hatte plötzlich das Gefühl, dass doch was gehen könnte für die deutsche Nationalmannschaft. Und wer nach dem Kroos-Tor gegen Schweden den jubelnden Deutschen in die Gesichter gesehen hat, der konnte durchaus auf den Gedanken gekommen sein, dass dieser Moment gerade die Geburtsstunde eines Champions war.

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