Fußball-WM: Geschichten des Scheiterns : Auf eine Zigarette mit Jupp Derwall

Seit der EM 2004 ist die deutsche Fußball-Nationalmannschaft bei einem großen Turnier nicht mehr so früh gescheitert wie bei der dieser WM. Ein Rückblick.

Der ist drin. Letschkow jubelt, Matthäus staunt. Bulgarien ist weiter, Deutschland bei der WM 1994 im Viertelfinale gescheitert.
Der ist drin. Letschkow jubelt, Matthäus staunt. Bulgarien ist weiter, Deutschland bei der WM 1994 im Viertelfinale gescheitert.Foto: Imago

Bern 1954. Wankdorf-Stadion. Das 3:2 gegen Ungarn. Wer hat nicht schon davon gehört im Lande. Es war der erste große Erfolg der deutschen Fußball-Nationalmannschaft nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges. Die Mannschaft war ein gemeinsamer Nenner, etwas zum Festhalten, wurde zur erfolgreichen Konstante. Und wenn Erfolg selbstverständlich erwartet wird, dann ist es genauso so selbstverständlich, dass Misserfolg zum unerwünschten Unfall wird. Acht Jahre lang ging das mehr oder weniger gut nach dem Gewinn der Weltmeisterschaft 1954 in der Schweiz für Sepp Herberger und seine Mannen. Trotz schwacher Ergebnisse zwischen den Turnieren, schaffte es das Team 1958 bei der WM in Schweden bis ins Halbfinale gegen die Gastgeber, wo es dann es dann 1:3 verlor. Im Spiel um Platz drei Platz 3 gab es dann ein 3:6 gegen Frankreich – aber trotzdem gelang es dem bauernschlauen Herberger, dies insgesamt als Erfolg hinzustellen.
Es war das letzte Atemholen vor Enttäuschungen bei großen Turnieren, die es dann ab 1962 für die Stand heute erfolgreichste Fußballnation Europas immer wieder einmal gab:

1962. WM in Chile, Aus im Viertelfinale

In der Vorrunde läuft es noch gut für die Deutschen, im Viertelfinale allerdings sehen 64.000 Zuschauer im Nationalstadion von Santiago den Favoriten gegen Außenseiter Jugoslawien wanken. Fünf Minuten vor Schluss überwindet Petar Radakovic dann Torwart Wolfgang Fahrian. Jugoslawien gewinnt 1:0 und Herberger fliegt mit seiner Mannschaft zurück – und ist dann erstaunt, als er nach der Landung auf dem Flughafen in Frankfurt von den Reportern belagert wird. Die Defensivtaktik des Bundestrainer wird heftig kritisiert. Herberger wird zum „Maurer von Santiago“, der inzwischen 65 Jahre alte Trainer klammert sich allerdings an seinen Posten und wird erst 1964 zurückgetreten.

1968. Verpasste EM-Qualifikation. 17. Dezember 1967 in Tirana, im deutschen Team um Willi Schulz und Wolfgang Overath stehen immerhin noch fünf Spieler aus dem WM Finale von 1966. Sepp Maier, Franz Beckenbauer, Gerd Müller oder Uwe Seeler fehlen allerdings. Das Spiel endet 0:0, Deutschland scheitert in der Qualifikation für die EM. Der Tagesspiegel schrieb am 19. Dezember 1967: „Man steht fast vor einem Rätsel, warum elf in zahlreichen Länderspielen und Bundesliga-Kämpfen gehärtete und ausgefuchste Könner in Tirana vergeblich der entschwindenden Zeit und dem in immer weitere Ferne rückenden Sieg hinterherliefen.“ Und die Stimmung muss auch großartig gewesen sein in Tirana: „30.000 fanatische albanische Zuschauer entfachten im Quemal-Stafa-Stadion Freudenfeuer aus ihren Programmheften.“

1978. Aus in der WM-Zwischenrunde gegen Österreich

Es wurde die „Schmach von Cordoba“ und das wohl bis heute spektakulärste Scheitern einer deutschen Mannschaft und gleichzeitig das Ende der Ära von Helmut Schön als Bundestrainer mit der Mütze. Zwei Tore, darunter das entscheidende 3:2 im Spiel gegen Deutschland, erzielte Hans Krankl, der daraufhin von seinen Landsleuten und insbesondere vom österreichischen Rundfunk-Reporter Edi Finger in einer als legendär eingestuften Berichterstattung gefeiert wurde. Berti Vogts, späterer Bundestrainer, schoss per Eigentor das 1:1 – in einer Mannschaft, in der bei der WM in Argentinien so gut wie gar nichts funktionierte. Dem vom Amt müden Helmut Schön, seit 1964 als Nachfolger von Herberger im Amt, entfuhr vor der WM schon der Satz: „Ich wollte, die WM wäre schon vorbei.“ Nach der WM in Argentinien war dann die Zeit von Helmut Schön als Bundestrainer vorbei.

1984. Aus in der EM-Vorrunde

Zum ersten Mal in der Geschichte des Fußballs scheidet Deutschland in der Vorrunde einer EM oder WM aus. Maceda bezwingt mit einem späten Tor aus Nahdistanz Toni Schumacher beim letzten Gruppenspiel im Pariser Prinzenpark das Schicksal des deutschen Teams und von Jupp Derwall als Trainer. Zusammen mit Bundestrainer Jupp Derwall (damals 57 Jahre alt und 1980 immerhin Europameister geworden) geht Schumacher nach dem Duschen noch einmal aufs Spielfeld. „Da haben wir erst mal zusammen eine geraucht“, erzählte Schumacher später. „Um den Jupp hat es mir leidgetan.“ Sechs Tage später tritt der Jupp zurück.

1994. Aus im WM-Viertelfinale in den USA

Unvergessen der Stinkefinger von Stefan Effenberg im Vorrundenspiel gegen Südkorea und dann eben das 1:2 gegen Bulgarien im Viertelfinale. Den entscheidenden Treffer erzielt Jordan Letschkow, damals beim Hamburger SV aktiv. Uwe Seeler sagte nach dem Spiel leicht erbost: „Darüber rede ich dann in Hamburg dann mal mit dem Letsche.“ Hängen geblieben auch nicht: „Böörti Böörti Vogts“, von Stefan Raab. Textprobe: „Wer sing gern mit Village People? Keiner, keiner.“

1998. Aus im WM-Viertelfinale

Nach der verkorksten WM von 1994 hatte es 1996 den EM-Titel in England geben – ohne Lothar Matthäus. 1998 waberte dann noch einmal der Geist von 1990 durch das deutsche Team und das stürzte bitter ab, im Viertelfinale gab es ein 0:3 gegen Kroatien. Berti Vogts musste gehen.

2000. Aus in der EM-Vorrunde

Mit Trainer Erich Ribbeck erlebt der deutsche Fußball ein ganz trübes Turnier in Belgien und in den Niederlanden. Der Legende nach rauften sich die Spieler von Bayern München und Bayer Leverkusen im Trainingslager zusammen, um die Entmachtung von Erich Ribbeck zu planen. Wie der "Focus" schrieb, sollte Lothar Matthäus dessen Amt übernehmen. Doch daraus wurde nichts. Matthäus spielt weiter und war mit 39 Jahren ältester Spieler bei der EM sollte der Defensive als Libero Sicherheit geben. Ein Abwehrsystem, das schon damals im Vergleich zur Viererkette als überholt galt. Deutschland holte nur einen Punkt beim 1:1 gegen Rumänien und wurde nach Niederlagen gegen England (0:1) und Portugal (0:3) Gruppenletzter.

2004. Aus in der EM-Vorrunde

Auch 2004 bei der EM in Portugal gelang den Deutschen kein Sieg in der Vorrunde. Nach zwei Unentschieden gegen die Niederlande (1:1) und Lettland (0:0) scheidet das deutsche Team nach dem 1:2 gegen Tschechien aus und Teamchef Rudi Völler besteigt den Mannschaftsbus. Mit einem ausgedehnten Kopfschütteln. Das Ende einer tristen Phase im deutschen Fußball kommt dann zwei Jahre später: 2006 ist Sommermärchen, das deutsche Team surft fortan auf einer Welle des Erfolges, die erst 2018 bei der WM in Russland jäh mit dem ersten Scheitern in einer WM-Vorrunde abebbt.

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