• Fußball-WM in Russland: Einzelkritik: Kroos kippt nach drei Wodkas um, Khedira nach einem

Fußball-WM in Russland : Einzelkritik: Kroos kippt nach drei Wodkas um, Khedira nach einem

Die deutschen Nationalspieler sind wie angeheitert durch das Turnier getorkelt. Wir haben ihre Trinkfestigkeit bewertet.

Nicht wirklich standfest bei dieser WM: Die deutsche Nationalmannschaft.
Nicht wirklich standfest bei dieser WM: Die deutsche Nationalmannschaft.Foto: AFP/Luis Acosta

Russland und der Wodka – natürlich ist das ein schreckliches Klischee. Aber vielleicht passt es ganz gut als Metapher für den Weltmeister aus Deutschland, der wie angeheitert durch das Turnier in Russland torkelte. Als besonders trinkfest, bildlich gesprochen, hat sich die Nationalmannschaft jedenfalls nicht erwiesen. Unsere Wertung zeigt, welcher Spieler nach wie vielen Wodka wohl unter den Tisch gesunken wäre. Matthias Ginter und Kevin Trapp, die nicht zum Einsatz kamen, wurden auch hier nicht berücksichtigt.

Fünf Wodkas

Keiner.

Vier Wodkas

Manuel Neuer:
Erinnert sich noch jemand an die Debatten vor dem Turnier? Geht das? Darf das? Kann das? Einen Torhüter zur Nummer eins machen, der acht Monate nicht gespielt hat? Es ging! Das vermeintlich größte Problem im Kader des Weltmeisters stellte sich als das geringste heraus. Die Frage, ob in Russland der beste Manuel Neuer zu sehen war, wird man zwar seriös nicht beantworten können. Er war aber in jedem Fall gut genug, um positiv herauszustechen. Zur Überhöhung seiner Leistung besteht trotzdem kein Anlass, da der 32-Jährige gar nicht so umfassend geprüft wurde, wie es der letzte Tabellenplatz vermuten lässt. Neuer bewahrte sein Team gegen Schweden kurz vor der Pause vor dem vorentscheidenden 0:2 – und hielt damit für weitere vier Tage die Illusion am Leben, dass der Titelverteidiger noch was reißen kann. Dass er dem Land nur eine trügerische Hoffnung schenkte, kann man ihm nun wirklich nicht vorwerfen.

Julian Brandt: Für Bundestrainer Joachim Löw ist bei der WM wenig richtig gut gelaufen. Immerhin fällt die Kritik, dass er Leroy Sané zu Hause gelassen hat, nicht annähernd so heftig aus, wie man hätte vermuten können. Das hat Löw vor allem dem Leverkusener Brandt zu verdanken, der genau das spielte, was wohl auch Sané hätte spielen können. Brandt wurde dreimal spät eingewechselt, brachte dreimal neuen Schwung und traf zweimal den Pfosten. Dass jemand, der 22 Minuten (plus Nachspielzeit) auf dem Platz stand, bester deutscher Feldspieler war, sagt alles.

Sebastian Rudy: Wenn Rudy Anfang Juni beim finalen Cut aus dem deutschen Kader geflogen wäre, hätte das wohl kaum jemanden erregt. Seine Einsatzchancen bei der WM wurden von internationalen Ratingagenturen mit minus eins bewertet; dass er im Spiel gegen Schweden dann in der Startelf auftauchte, war entsprechend eine mittelschwere Überraschung. Hielt den Laden zusammen, weil er sich auf die einfachen Dinge beschränkte. Kaum war Rudy vom Platz, weil seine Nase in Trümmern lag, fiel das 0:1. Zufall war das nicht.

Mats Hummels: Wenn man sich in ein paar Jahren an Russland 18 erinnert, werden einem vielleicht die warnenden Worte von Mats Hummels nach dem Auftaktspiel gegen Mexiko einfallen, die in der allgemeinen Hysterie als unbotmäßige Kritik an der Mannschaft aufgefasst wurden. Es wäre unfair, die Performance des Münchners auf seine rhetorischen Leistungen zu reduzieren. Gegen Südkorea räumte er hinten alles ab und hatte vorne die besten Chancen. Dass Hummels bei diesem Turnier wenigstens einmal eine ganz starke Leistung auf den Platz brachte, unterscheidet ihn von den meisten anderen deutschen Spielern.

Drei Wodkas

Toni Kroos: Erzielte gegen Schweden ein Jahrhunderttor – das Jahrhundert dauerte dann aber nur vier Tage. Trotzdem schenkte er dem Fußballvolk bei dieser traurigen WM wenigstens einen magischen Moment. Gemessen an seinen Fähigkeiten und den allgemeinen Erwartungen war es ein ziemlich mattes Turnier von Kroos. Wie es auch hätte sein können, zeigte er in der zweiten Halbzeit gegen Schweden, als er die Führungsqualitäten zeigte, die ihm viele absprechen.

Mesut Özil: Der Sündenbock. Dabei zeigte er die schlechteste Turnierleistung nicht in Russland, sondern einen Monat vor Turnierbeginn in einem Hotel in London, als er so dämlich war, mit dem Autokraten Erdogan für ein Foto zu posieren. Sein gesammeltes Schweigen seitdem machte die Sache nicht besser. Umso bemerkenswerter, dass Özil angesichts der aufgeheizten Stimmung überhaupt spielen konnte. Gegen Mexiko ganz sicher nicht der schlechteste Mann im Team – musste anschließend trotzdem raus. Bei seiner Rückkehr gegen Südkorea war er der einzig gute Offensivspieler. Sollte er sich jetzt, wie gemutmaßt wird, zum Rücktritt aus der Nationalmannschaft entschließen, verlöre der deutsche Fußball einen seiner letzten Unterschiedspieler.

Niklas Süle: Gab gegen Südkorea das fast perfekte Boateng-Double. Könnte das in Zukunft öfter tun – weil er einen entscheidenden Vorteil gegenüber seinem Münchner Vereinskollegen hat. Süles Körper ist von den Anforderungen des Profifußballs noch nicht annähernd so geschunden wie der von Jerome Boateng, der auf den Tag genau sieben Jahre älter ist.

Marc-André ter Stegen: Zerlegte weder sein Hotelzimmer, noch beschimpfte er den Bundestrainer als Suppenkasper, wie es Ersatztorhüter in der Vergangenheit schon getan haben. Von allen 23 Leuten in Löws Kader hatte er die beeindruckendste Saison im Verein hinter sich. Musste trotzdem hinter Manuel Neuer zurücktreten. Dass er es ohne Murren tat, war eine große Leistung.

Mario Gomez: Kam dreimal frei zum Kopfball – und traf nicht. Vergab dazu gegen Schweden eine hundertprozentige Chance, fast wie damals gegen Österreich. War trotzdem wichtig, weil er im Strafraum ein gewisses Bedrohungspotenzial ausstrahlt. Umso rätselhafter die Entscheidung des Bundestrainers, ihn gegen Südkorea wieder auf die Bank zu setzen.

Marco Reus: Wird als Unvollendeter in die Geschichte eingehen – was er sich mit seiner Leistung gegen Südkorea zum Teil selbst zuzuschreiben hat. Im finalen Gruppenspiel gelang ihm nichts von dem, was ihn gegen Schweden ausgezeichnet hatte. Kann sich zwar zugutehalten, an den deutschen Toren beteiligt gewesen sein, hat anstelle des goldenen Pokals allerdings nur die unschöne Auszeichnung eines Bierbrauers als „Man of the Match“ im Spiel gegen Schweden mit nach Hause gebracht.

Timo Werner: Kehrt zum ersten Mal von einem Turnier zurück – und ist nicht Torschützenkönig. Hätte dafür deutlich mehr als kein Tor erzielen müssen, was ihm leider nicht gelang. Bereitete immerhin einen Treffer vor, als er gegen Schweden in der zweiten Hälfte die linke Seite runterflitzte. Kehrte rätselhafterweise (siehe Gomez) gegen Südkorea ins Zentrum zurück, was weder ihm noch der Mannschaft guttat.

Zwei Wodkas

Jonas Hector: Ein Spieler, der das Fußballvolk spaltet. Die einen halten ihn für belanglos, die anderen für extrem wichtig, weil er so gut wie immer funktioniert. Durch seine Auftritte in Russland dürfen sich beide Lager bestätigt fühlen.

Marvin Plattenhardt: Erreichte in Russland weniger, als er sich erträumt (Weltmeister), und mehr, als er sich erhofft (ein Einsatz) hatte. Ersetzte im ersten Spiel den vergrippten Hector und musste sich später vorwerfen lassen, dass von ihm wenig zu sehen war. Zählte damit in einer Mannschaft, die vor allem Schlechtes von sich hatte sehen lassen, noch zu den Besseren.

Joshua Kimmich: Gilt als künftiger Kapitän der Nationalmannschaft. Führte sich in Russland so auf, als wäre er es schon. Auffällig war, dass er in allen drei Begegnungen in der zweiten Halbzeit klar besser spielte als in der ersten. Deutet darauf hin, dass er in der Pause vom Trainerteam immer noch einmal neu programmiert wurde – und spricht dagegen, dass er schon kurzfristig eine Führungsrolle übernehmen kann, weil er selbst noch Führung braucht.

Jerome Boateng: Hatte Glück, dass sein Platzverweis die Mannschaft über die Fairplay-Wertung nicht den Einzug ins Achtelfinale kostete. Hatte Pech, dass er gegen Südkorea fehlte, um das Vorrundenaus zu verhindern. Ob er es gekonnt hätte? Spielte wie das ganze Team: irgendwie indifferent. Will aber weitermachen.

Ein Wodka

Antonio Rüdiger: Ersetzte im zweiten Spiel den angeschlagenen Mats Hummels. Machte es aber nicht so überzeugend, dass er im dritten Spiel den gesperrten Boateng ersetzen durfte. Mit seinem Ballverlust nach zehn Minuten löste er eine gefährliche Schockstarre aus, von der sich die Mannschaft beinahe nicht mehr erholt hätte.

Julian Draxler: Hat gute Erinnerungen an Russland. Erinnerungen an Russland 2017, als er Kapitän jener Mannschaft war, die den Confed-Cup gewann. Vom Schwung des vergangenen Sommers war im deutschen Team nichts mehr zu spüren; bei Draxler auch nicht. Wurde nach der Hälfte der Vorrunde ausgewechselt und anschließend nicht mehr gesehen.

Leon Goretzka: Musste bis zum letzten Gruppenspiel warten, bis er sich endlich zeigen durfte. Spielte auf einer Position, die nicht unbedingt seine ist, hatte aber immerhin eine große Kopfballchance. Scheiterte am Torwart und verpasste es dadurch, dem Turnier doch noch einen völlig anderen Dreh zu geben. Wird in näherer Zukunft trotzdem eine wichtige Rolle in der Nationalmannschaft spielen, und das nicht nur, weil er jetzt bei den Bayern unter Vertrag steht.

Sami Khedira: Hielt sich für stärker als vor vier Jahren in Brasilien. Zeigte in Russland leider, dass er sich getäuscht hatte. Gegen Mexiko vogelwild unterwegs und deshalb zu Recht aus der Mannschaft verbannt. Kehrte gegen Südkorea zurück und beschränkte sich auf das Wesentliche. Insgesamt war sein Turnier kein Plädoyer dafür, dass die Mannschaft den inzwischen 31-Jährigen künftig noch braucht.

Thomas Müller: Hatte zwei gute Auftritte: in der Pressekonferenz vor dem Schweden-Spiel und in der Mixed-Zone nach dem Ausscheiden. Möglicherweise war er in Russland gar nicht als Spieler akkreditiert, sondern als Mitarbeiter der DFB-Kommunikationsabteilung.

Ilkay Gündogan: Leute, die Gündogan gut und lange kennen, haben es schon in der Vorbereitung prophezeit: Die massive Kritik infolge der Erdogan-Affäre wird seiner sensiblen Seele so sehr zusetzen, dass er in Russland eigentlich nicht zu gebrauchen ist. Hat Gündogan gegen Schweden, als er früh eingewechselt wurde und wie ein Gespenst spielte, eindrucksvoll bewiesen. Schade um so einen feinen Fußballer.

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