"Stadionverbote stärken nur die Ultraszene und machen sie aggressiver"

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Fußballfans und Gewalt : "Dann wird es Tote geben"
Der Kriminologe Thomas Feltes, 61, lehrt an der Ruhr-Uni Bochum. Bis September war der Gewaltexperte im Beirat der DFL.
Der Kriminologe Thomas Feltes, 61, lehrt an der Ruhr-Uni Bochum. Bis September war der Gewaltexperte im Beirat der DFL.Foto: privat

Viele Ultras befürchten, verdrängt zu werden. Sind Sie auch so pessimistisch?

Das Fatale ist, dass sie sich unter Zugzwang fühlen, und immer mehr Gewalt, immer mehr Pyrotechnik anwenden. Die Polizei und die Vereine können nicht anders, als das zu unterbinden. Am Ende kann es nur einen Gewinner geben. Gerade die extensive Pyrotechnik können die Vereine nicht weiter mit ansehen, denn irgendwann wird es Verletzte oder gar Tote geben.

Wie hat sich die Pyrotechnik verändert?

Wenn bei 80.000 Zuschauern Pyrotechnik abgebrannt wird und sich der Rauch unter dem Tribünendach sammelt, ist das etwas anderes als früher in den alten Stadien – mit Laufbahn und ohne Dach. Da konnte der Rauch abziehen. In unseren modernen, voll besetzten, eng gebauten Stadien geht das nicht. Die Qualität und Intensität der eingesetzten Pyrotechnik hat sich zudem verändert. Was da inzwischen eingeschleust wird aus Polen oder woher auch immer, hat eine andere Qualität. Die heutige Pyrotechnik ist deutlich gesundheitsschädlicher als noch in den Siebzigern oder Achtzigern.

Was halten Sie von einem legalen Abbrennen von Pyrotechnik unter Vereinsregie?

Das würde bedeuten, dass man bestimmte Bereiche freihält, vor dem Spiel oder in der Pause. Das ist dann Pseudopyrotechnik. Wie beim Madonna-Konzert in der Arena auf Schalke. Das ist aber nicht das, was die Ultras wollen.

Sehen Sie eine Zukunft für die Pyrotechnik?

Ich sehe im Moment keine Möglichkeit, in den deutschen Stadien Pyrotechnik anzuwenden – höchstens wie bei Konzerten kontrolliert durch den Veranstalter. Aber das spontane Zündeln, dass schon bei der Anreise am Bahnhof die ersten Böller fliegen, das geht so nicht weiter.

Sind auch die Stehplätze in deutschen Stadien bedroht?

Wenn es so weiter geht, sehe ich tatsächlich irgendwann das Verbot der Stehplätze und personalisierte Tickets wie bei ähnlichen Großveranstaltungen. Die Ultras denken in der konkreten Situation nicht so rational, dass sie abwägen und für Stehplätze auf Pyrotechnik verzichten würden. Es gibt wenige, die Pyrotechnik abbrennen, aber viele, die es dulden und gut finden. Und die, die es machen, denken nicht so weit. Zumal DFL-Präsident Reinhard Rauball ja gesagt hat, dass die Stehplätze unverzichtbar sind. Das ist alles sehr vertrackt.

Was können Stadionverbote bewirken?

Stadionverbote werden beim DFB als Allheilmittel angesehen, ähnlich wie die Geldstrafen gegenüber den Vereinen. Aber sie haben keine positive Wirkung. Im Gegenteil: Sie stärken nur die Ultraszene; die Stadionverbotler werden dort wie Helden gefeiert. Und je mehr ich sie stärke, umso mehr unterstütze ich indirekt ihre Aggressivität. Es wäre wichtig, mehr über diese Personengruppe zu wissen, gegen die Stadionverbote verhängt werden. Da wäre eine Analyse der Strafregistereinträge sinnvoll gewesen, wie ich es vorhatte. Es sollte ernsthaft überlegt werden, das Stadionverbot als strafrechtliche und nicht als zivilrechtliche Maßnahme anzuwenden. Das würde den Geruch der Beliebigkeit nehmen. Denn im Moment werden die meisten Stadionverbote aufgrund von rechtlich nicht einwandfrei nachgewiesenen Verdachtsmomenten verhängt.

Was erwartet uns in den nächsten Monaten in den Stadien?

Wenn DFB und DFL nicht alsbald auf die Fans zugehen, Geld in Fanarbeit und weitere Forschung stecken, dann wird uns ein heißer Winter bevorstehen.

Das Gespräch führte Jan Mohnhaupt.

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