Sport : Gegen den Ruf

Britta Steffen wird bei der Schwimm-WM in Australien mit Dopingvorwürfen konfrontiert

Frank Bachner

Melbourne - Britta Steffen hat kein Handy dabei. Das könnte sie ablenken, sagt sie. Kein Handy, das ist die Radikallösung. Kurz nach ihrem Weltrekord über 100 Meter Freistil, im Sommer 2006 bei der Schwimm-EM in Budapest, war es ähnlich, das hatte sie einfach niemanden angerufen. Das fand Regine Eichhorn, ihre Managerin, schon radikal genug. „Ich dachte, sie meldet sich jetzt bei drei oder vier Leuten“, sagt Eichhorn. Aber Britta Steffen wollte sich auf ihre Rennen konzentrieren. Insgesamt holte Steffen vier Titel.

Britta Steffen besetzt jetzt eine neue Rolle. In Budapest kam sie aus dem Nichts, eine spektakuläre Aufsteigerin. Jetzt, in Melbourne, bei der Schwimm-Weltmeisterschaft, ist sie eine Favoritin. Und „eine außergewöhnlich geheimnisvolle Figur, selbst in der kleinen Welt des Schwimmens“. Der Kolumnist der australischen Zeitung „Herald Sun“ hat das am Samstag geschrieben. Das Geheimnis könnte Doping heißen, deuten in Melbourne viele an. Im australischen Frühstücksfernsehen hat das ein Moderator offen behauptet.

Steffen muss gegen ein Image ankämpfen, gegen einen zweifelhaften Ruf. Die vierfache Europameisterin sitzt auf einem Podium, fixiert von Reportern aus aller Welt. Natürlich blickt sie jedem ins Gesicht, wenn sie redet. Das ist für sie ein Akt der Höflichkeit, hier fördert es ihre Authentizität. „Ich bin die Favoritenrolle noch nicht so gewohnt“, sagt sie. „Aber ich habe einen Weg gefunden, mit dem Druck umzugehen.“ Details nennt sie nicht. Aber dass sie Blut für ein DNA-Profil abgibt, dass sie darum bittet, öfter kontrolliert zu werden, dass sie alles für einen Antidopingkampf tun möchte, das erfährt man. Sie hat es schon ein Dutzend Mal gesagt. Aber hier ist es besonders nötig.

Steffen möchte die Fans in Australien nicht durch ein zweifelhaftes Image zu Pfeifkonzerten anstacheln. Die 23-Jährige kann nicht einschätzen, wie sehr ihr Lisbeth Lentons Kommentar hilft. Lenton, die australische Weltklasseschwimmerin, direkte Gegnerin von Steffen, sagte zu den Dopingverdächtigungen gegen die Deutsche: „Ich war schockiert und verletzt, als so etwas gesagt wurde. Das ist eine traurige Situation, aber hoffentlich kann Britta da durch.“

Sportlich sind die Erwartungen enorm. „Das ist wie früher bei Franziska van Almsick“, sagt Örjan Madsen, der deutsche Cheftrainer. Aber er sagt auch: „Britta kann sich trotz allem sehr gut konzentrieren. Sie braucht sich keine Vorwürfe zu machen.“ Heute schwimmt die Berlinerin erstmals bei der WM mit der 4-x-100-Meter-Staffel. Madsen kann sich vorstellen, dass die Siegerstaffel mit Weltrekord gewinnt. Den Weltrekord halten die Deutschen.

Britta Steffen wirkt auch deshalb authentisch, weil es keine klare Trennschärfe zwischen der öffentlichen und privaten Britta Steffen gibt. Sie lässt sich nicht bei Selbstinszenierungen ertappen. Bei ihr fehlt das Künstliche. Steffen ist in der Öffentlichkeit dieselbe Frau, die unverändert in ihrem Ein-Zimmer-Appartement im Sportinternat von Hohenschönhausen wohnt und die sagt: „Ich muss erst beweisen, dass ich viele Erfolge habe. Vorher kann man in Sachen Werbeverträge nicht viel erwarten.“ Britta Steffen ist auf dem Boden geblieben. Auch Franziska van Almsick war in ihrem Kern nie abgehoben.

Aber sie spielte schon immer in einer anderen Liga als Steffen. Regine Eichhorn war auch Managerin von Franziska van Almsick, sie kann beide vergleichen. Van Almsick war früh ein Superstar, Britta Steffen hat bisher nur einen Teil von van Almsicks Erfolgen. Die 23-Jährige hat Interviewanfragen aus der ganzen Welt, aber das sind noch Momentaufnahmen. Erfüllt sie in Melbourne die Erwartungen nicht, darf sie gegen die Rolle der überschätzten, nervenschwachen Aufsteigerin ankämpfen.

Dann hätte die geheimnisvolle Figur Britta Steffen in der kleinen Welt des Schwimmens viel von ihrer Besonderheit verloren.

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