• Gehaltsobergrenzen im Fußball: „Einen Salary Cap mit Manchester City? Das ist idealistisch“

Gehaltsobergrenzen im Fußball : „Einen Salary Cap mit Manchester City? Das ist idealistisch“

Der Sportrechtler Stefan Schreiber über die Sinnhaftigkeit von Gehaltsobergrenzen im Fußball - und warum sie trotzdem scheitern werden.

Manchester City mit Trainer Pep Guardiola verfügt über einen der teuersten Spielerkader der Welt.
Manchester City mit Trainer Pep Guardiola verfügt über einen der teuersten Spielerkader der Welt.Foto: AFP

Herr Schreiber, die Coronavirus-Pandemie hat die Unterschiede im Profifußball noch sichtbarer gemacht. Nun soll eine Gehaltsobergrenze, ein sogenannter Salary Cap, diese Unterschiede nivellieren. Ist es nicht idealistisch, zu glauben, dass ein Klub wie Bayern in der Bundesliga genauso viel ausgeben darf wie, sagen wir mal, der 1. FC Union?
Stefan Schreiber: Man muss ja unterscheiden, es gibt mehrere Formen des Salary Caps. Einen harten Salary Cap, bei dem Bayern tatsächlich gleich viel Geld wie Union zur Verfügung hätte. Einen soften Salary Cap, bei dem, wenn ein Klub die Gehaltsobergrenze überzieht, er einen bestimmten Betrag, eine sogenannte Luxury Tax, an die Liga zahlt. So wird das zum Beispiel in der NBA praktiziert. Und dann gibt es noch den relativen Salary Cap, bei dem sich die Gehaltsobergrenze am Umsatz des Klubs orientieren.

Letzteres käme einer Zementierung der bestehenden Verhältnisse gleich.
Das stimmt. Es wäre eine Variante, die nicht so viel Sinn macht, wenn man an der aktuellen Situation, dieser großen Unterschiede innerhalb und außerhalb der Ligen, rütteln möchte. Sinn macht nur der absolute Salary Cap, also ein fester Betrag für einen Kader, unabhängig von soft oder hard.

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Würde der FC Bayern eine absolute Variante akzeptieren?
Ja, vor allem wenn es um die Champions League geht. Der Klub hat sich schon mehrfach dahingehend geäußert, dass er sich einen Salary Cap gut vorstellen könnte.

Damit wiederum der Abstand zu Klubs wie Real Madrid, Manchester City oder Paris Saint-Germain nicht zu groß wird. Aber er wird seine Vormachtstellung in der nationalen Liga nicht aufgeben wollen.
Das wird wohl stimmen und ist genau das Problem der Idee des Salary Caps. Es gibt im Fußball kein geschlossenes System wie in der NBA, sondern mehrere Ligen mit sehr starken Abweichungen, was die Umsätze betrifft. Die Top-Klubs in der Champions League und der Premier League stehen weit über den anderen. Dann kommen die anderen nationalen Ligen, die sich auf einem ganz anderen finanziellen Niveau befinden.

Wäre es eine Überlegung, dass der FC Bayern national mit einem anders budgetierten Kader als in der Champions League antritt?
Ich denke nicht, weil das wiederum die nationalen Ligen mit den niedrigeren Caps viel unattraktiver machen würde, wenn beispielsweise Robert Lewandowski aufgrund des geringeren Gehalts dort nie auflaufen würde. Außerdem hat auch der Klub ein Interesse daran, dass die besten Spieler in der nationalen Liga spielen.

Das klingt alles nicht erfolgversprechend für die Einführung einer Gehaltsobergrenze. Was spricht dennoch dafür?
Grundsätzlich spricht die Idee dafür, dass die Menschen einen spannenden, abwechslungsreichen Wettbewerb sehen wollen. Die x-te Meisterschaft des FC Bayern interessiert irgendwann keinen mehr.

Bisher hieß es immer, dass ein Salary Cap mit dem EU-Recht nicht vereinbar sei. Warum ist das plötzlich nicht mehr der Fall?
Eine Gehaltsobergrenze beschneidet zum einen die Wettbewerbsfreiheit und zum anderen die Arbeitnehmerfreizügigkeit. Das war bisher die Auffassung der Europäischen Kommission. Doch es ist in den vergangenen Jahren ein Prozess in Gang gekommen, der einen Salary Cap rechtlich zulässig machen könnte.

Stefan Schreiber ist auf sportrechtliche Themen spezialisiert, insbesondere im Fußball.
Stefan Schreiber ist auf sportrechtliche Themen spezialisiert, insbesondere im Fußball.Foto: Promo

Können Sie das genauer erklären?
Die an sich verbotene Wettbewerbsbeschränkung könnte entweder gerechtfertigt sein oder vom Kartellverbot freigestellt werden. Nach dem Kern der Argumentationen pro Salary Cap ist es im Interesse aller Akteure, dass der sportliche Wettbewerb attraktiv und spannend ist. Das ist nur möglich, wenn es eine Chancengleichheit gibt.

Dann würde das Interesse des Kollektivs über dem des Individuums stehen.
Das ist richtig. Bei einer Rechtfertigung geht es hauptsächlich um die Verhältnismäßigkeit und die Abwägung der Interessen. Und um das individuelle Recht der Spieler und das Interesse an einem freien Wettbewerb zu berücksichtigen, gibt es wiederum die Möglichkeit der Abmilderung der Beeinträchtigungen.

Jetzt wird es sehr terminologisch. Was heißt das?
Dass die Spieler zum Beispiel Jahr für Jahr an den steigenden Umsätzen insoweit partizipieren, als sie – organisiert über eine Spielergewerkschaft – neue, höhere Caps mit Klubs und Verbänden verhandeln. Die Gehälter wären nicht auf Jahre fest in Stein gemeißelt. Ein Beispiel: In der NBA hat der Salary Cap in der Spielzeit 2015/16 70 Millionen Euro pro Team betragen. In der vergangenen Saison waren es schon 109 Millionen. Zudem gibt es die Idee, Gehaltsuntergrenzen einzuführen, um die Einschnitte in die individuelle Freiheit abzumildern.

Das heißt, dass der Ersatztorhüter mit seinem Gehalt näher an den Starspieler heranrückt.
Das vielleicht nicht. Aber es könnte verhindern, dass der Klub wegen des Caps weiterhin beispielsweise EUR 10 Millionen pro Jahr für die absoluten Topspieler zahlt, dafür aber die übrigen Spieler aufgrund dessen weniger Gehalt bekommen würden. Das heißt aber nicht, dass im Profifußball der Sozialismus Einzug hält. Die besten Spieler würden immer noch am meisten Geld verdienen. Es geht aber darum, diese ganz großen Auswüchse zu stoppen.

Welche Ebenen gibt es noch, um einen Salary Cap rechtlich zulässig zu machen?
Im Rahmen der Rechtfertigung, die Ebene der Geeignetheit. Das heißt, die Europäische Kommission müsste zu der Einsicht kommen, dass es Sinn macht, einen Salary Cap einzuführen.

Wenn nur die allerreichsten Klubs einen Salary Cap in der Champions League aushandeln, dann würde die Europäische Kommission womöglich nicht zu der Einsicht kommen.
Warum nicht? Dann wäre zumindest in diesem Wettbewerb eine höhere Chancengleichheit gegeben.

Hand aufs Herz, glauben Sie, dass ein Salary Cap eine Chance hat?
Vom rechtlichen Standpunkt gesehen, glaube ich, dass gute Argumente dafür sprechen, wenn die Beeinträchtigungen abgemildert werden. Mit der praktischen Umsetzung dagegen ist es schwierig. Wegen des offenen Systems. Alle Verbände, Ligen und Klubs müssten an einem Strang ziehen, sich einigen. Es ist wahrscheinlich, dass es erst gar nicht zu einem gemeinsamen Vorschlag kommt, weil sich vorher schon alle die Köpfe einschlagen. Und grundsätzlich ist es natürlich idealistisch zu glauben, dass ein Klub wie zum Beispiel Manchester City die Einführung eines Salary Caps begrüßen wird.

Ist die Diskussion ohnehin nur eine temporäre Erscheinung, die der Coronavirus-Krise geschuldet ist?
Das kann natürlich sein, wie so vieles, was gerade diskutiert wird. Gut möglich, dass – sollte die Corona-Krise bald vorbei sein – sich dann niemand mehr für das Thema Salary Cap interessieren und die Kuh Profifußball wie bisher gemolken wird.

Stefan Schreiber, 35, ist auf sportrechtliche Themen spezialisiert. Er berät mehrere Bundesligaklubs. Seine Dissertation hatte unter anderem das Financial Fairplay der Uefa zum Thema.  

Das Gespräch führte Martin Einsiedler

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