Sport : Gespielte Einigkeit

Trainer Pierre Pagé geht, will aber vorher Meister werden – doch die Eisbären wirken verunsichert

Claus Vetter

Berlin - Pierre Pagé wirkt gedankenverloren. Er spielt mit seinem Schlüsselanhänger, der vor ihm liegt. „I’m not weird – I’m gifted“ ist darauf zu lesen. Das heißt so viel wie: Ich bin nicht verrückt, ich bin begabt. Seine Frau habe ihm den Anhänger geschenkt, sagt Pagé. Er sieht sehr müde aus, der Noch-Trainer der Eisbären. Am Mittwoch hat sein Klub offiziell verkündet, dass eine erfolgreiche Zusammenarbeit nach über fünf Jahren und zwei deutschen Eishockeymeisterschaften zum Saisonende Geschichte ist.

Der Donnerstag, so scheint es, hat für Pagé im Sportforum Hohenschönhausen nicht gut begonnen. Obwohl sich der Kanadier alle Mühe gibt, das Gegenteil vorzuspielen. „Ich habe heute auf dem Eis einen meiner Spieler beobachtet, der hat so trainiert wie seit fünf Jahren nicht mehr.“ Er spüre, sagt Pagé, dass sein Team in den letzten beiden Hauptrundenspielen am Freitag in Nürnberg und am Sonntag gegen Augsburg und dann in den Play-offs viel erreichen wolle. Vor sich hat der Trainer einen Zettel mit den Play-off-Terminen der Deutschen Eishockey-Liga – die Daten gehen bis zum 22. April, dem Tag des letztmöglichen Finalspiels. Peter John Lee versucht, einen verbalen Schulterschlag mit dem trübe auf den Zettel blickenden Trainer. „Pierre und ich, wir wollen beide gewinnen“, sagt der Manager, „alles andere ist uninteressant.“

Ist es das? Kann sich die Mannschaft angesichts der Unruhe im Umfeld überhaupt noch konzentrieren, schafft sie kommende Woche in der Qualifikation für die Play-offs, in der die Eisbären wohl nur als Tabellenneunter spielen werden, die nötigen zwei Siege in maximal drei Spielen? Natürlich, sagt Steve Walker. „Das ist jetzt keine harte Situation für uns Spieler“, findet der Mannschaftskapitän. „Pierre ist immer noch Trainer, alle Unklarheiten sind beseitigt, das Thema muss nun raus aus den Köpfen.“ Auch Angreifer Denis Pederson glaubt, dass die Sache mit Pagé „kein großer Faktor sein wird“. Teampsychologe Markus Flemming sieht es auch so. „Als Profi hast du die Fähigkeit, dich sehr gut zu konzentrieren. Die Spieler schalten im Spiel alles aus.“ Flemming wirkt fast euphorisch als er das sagt. Er muss ja daran glauben.

Andere im Sportforum wirken nicht unbedingt so, als würden sie zurzeit noch an viele gute Dinge in ihrem Beruf glauben. Peter John Lee wirkt so abgespannt wie sein Trainer. Er sagt: „Jetzt wollen wir nach vorne schauen und uns für die Play-offs qualifizieren.“ Lee blickt auf, so als will er sagen: „Noch Fragen offen?“ Ja, muss die Antwort lauten. Wohin geht Pagé? Nach Salzburg oder nach neuen Gerüchten sogar zur Düsseldorfer EG? Lee kann das nicht beantworten. Und einen Nachfolger Pagés werde er erst bekanntgeben, „wenn er unterschrieben hat“.

Die einzige Frage, die sich beantworten lässt, ist wohl die, warum sich Klub und Trainer trennen: Das Ende von Pagés Amtszeit ist das Ende eines langen Ringens zwischen Trainer und Manager Lee, bei dem Pagé schon Anfang der Saison aufgegeben hatte. Lee habe schon im August gewusst, dass er nach der Saison die Eisbären verlassen würde, sagt Pagé nun. „Ich habe viele Sachen falsch gemacht, aber auch viele Fehler nicht zu vertreten. Und ich würde nicht gehen, wenn ich nicht einen guten Grund hätte.“ Das klingt beleidigt, das klingt nach Frustration.

Nirgendwo war Pagé so lange Trainer wie in Berlin, an keinem anderen Ort war der Kanadier mit jahrzehntelanger Erfahrung so erfolgreich. Pierre Pagé schaut auf seinen Schlüsselanhänger. „I’m not weird – I’m gifted“: Vielleicht war Pierre Pagé den Eisbären manchmal ein wenig zu verrückt, der temperamentvolle Mann, dem man seine 58 Jahre nicht anmerkt.

Mehr lesen? Jetzt E-Paper gratis testen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar