Gewinner der Vuelta : Primoz Roglic' Sieg über den zweiten Bildungsweg

Primoz Roglic war einst Skispringer. Inzwischen ist der kühle Slowene Radprofi – und hat in den vergangenen drei Wochen die Vuelta dominiert.

Fühlt sich wohl in der Höhe. Primoz Roglic war in den Bergen und im Zeitfahren der Beste bei der Spanien-Rundfahrt – und behielt auch sonst immer die Ruhe.
Fühlt sich wohl in der Höhe. Primoz Roglic war in den Bergen und im Zeitfahren der Beste bei der Spanien-Rundfahrt – und behielt...Foto: dpa

Manchmal merkt man Primoz Roglic noch an, welche Sportart er einst ausgeübt hat. Dann, wenn er kühl bleibt, obwohl es heiß hergeht. So wie jetzt bei der Vuelta, als der frühere Skispringer einige heikle Situationen überstehen musste. Am Freitag krachten gleich mehrere Radfahrer seines Jumbo Visma-Teams 65 Kilometer vor dem Ziel bei einem Massencrash auf die Straße. Den Thüringer Tony Martin, einen der wichtigsten Helfer für Roglic auf den Flachetappen, hatte es so schwer erwischt, dass er ins Krankenhaus gebracht werden musste. Auch Roglic hatte Bodenkontakt. Seine Rivalen von Team Movistar fuhren weg und hatten schnell eine Minute Vorsprung. Roglic drohte seine Führung bei der Spanien-Rundfahrt zu verloren.

Movistars Vorstoß löste heftige Debatten aus. Als „die immergleiche Sache der immergleichen Dummköpfe“ wertete ihn etwa Miguel Angel Lopez, der zum damaligen Zeitpunkt auf Platz vier im Klassement lag. Der Fairness halber bleibt festzuhalten, dass sich die Strategen in den Teamautos von Movistar genau diese enge Kurve schon am Morgen als Ort der Attacke ausgesucht hatten. „Wir haben alle Kraft in die Pedalen gelegt und die sportlichen Leiter haben uns gesagt: ’Weiter, weiter!’“, erzählte Nairo Quintana später. Die sportlichen Leiter allerdings müssen die schrecklichen Szenen auf der Straße bemerkt haben. Ein Handy-Video, schnell ins Netz gestellt, zeigte, wie auf der linken Straßenseite Rennfahrer umfielen wie Dominosteine, während auf der rechten, der Innenseite der Kurve, die Glücklicheren vorbeizogen.

Weil kein anderes Team vorn mit für Tempo sorgte und weil auch der starke Gegenwind ins Gesicht blies, nahm Movistar nach etwa zehn Kilometern aber wieder Tempo raus und ließ Roglic und den Rest des Feldes aufschließen. Vor allem Alejandro Valverde, der Zweitplatzierte hinter Roglic, musste empörte Zurufe der eintreffenden Fahrer von den anderen Rennställen über sich ergehen lassen. Nur Roglic blieb gefasst.

Er verteidigte seine Führung. Im Ziel umkurvte er geschickt auch alle Polemik- Fallgruben. „Ich war so damit beschäftigt, mein Rad zu wechseln, dass ich gar nicht mitbekommen habe, was vorn passierte. Ich müsste mir alles noch einmal auf Video angucken, um eine Einschätzung abgeben zu können“, sagte er – und wirkte dabei souverän wie ein Staatsmann.

Roglic hat sich die wesentlichsten Aspekte des Radsports als junger Erwachsener beigebracht

Nur noch einen weiteren kritischen Moment hatte Roglic bei dieser Vuelta zu überstehen, als er bei einer Spaltung des Pelotons in der hinteren Hälfte steckte. „Ich habe einen Fehler gemacht“, sagte er so schlicht wie schmucklos. Seine Dominanz konnte auch das nicht erschüttern. Dazu war er dem Rest der Konkurrenz auch physisch zu überlegen. Im Zeitfahren nahm er den Rivalen anderthalb Minuten ab. In den Bergen war er gemeinsam mit seinem Landsmann Tadej Pogacar ebenfalls der Stärkste. Letztlich aber erwies sich seine Gemütsruhe als der Schlüssel zum Gesamterfolg für den 29-Jährigen.

Roglic hat sich die wesentlichsten Aspekte des Radsports als junger Erwachsener beigebracht, mit all der Motivation und auch der Reife jener, die Schulabschlüsse auf dem zweiten Bildungsweg erlangen. Strukturierte Training- und Wettkampfgestaltung hat er bereits in seiner ersten Karriere als Skispringer gelernt. „Das half ihm auch beim Umstieg. Er weiß einfach, worauf es ankommt, lernt sehr schnell und hat überhaupt eine ausgeprägte Sportintelligenz“, sagte Bogdan Fink, der Roglics Talent für den Radsport einst entdeckte. Bei dessen Rennstall Adria Mobil heuerte Roglic 2013 an.

Zu diesem Zeitpunkt war Milan Erzen noch Manager des Teams. Er verließ es im selben Jahr, um in der Entourage des Prinzen von Bahrain den Platz des wegen Dopingvergehen verhafteten Mediziners Alberto Beltran Nino einzunehmen. Erzen soll sich, so ergaben die Ermittlungen der „Operation Aderlass“, beim Erfurter Dopingarzt Mark Schmidt nach einer Blutzentrifuge erkundigt haben – einem Instrument zum Blutdoping. Eine enge Zusammenarbeit mit Erzen hat Roglic allerdings stets bestritten. Ob zu seinen Radsportfähigkeiten auch Dopingkenntnisse gehören, und ob er sie einsetzt, ist bislang nicht erwiesen.

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Als erster slowenischer Grand–Tour-Sieger und mit seinem in der nächsten Saison durch Tom Dumoulin weiter verstärkten Team dürfte Primoz Roglic zu einem ernsten Herausforderer von Team Ineos mit dem Toursiegertrio Chris Froome, Egan Bernal und Geraint Thomas heranwachsen. Kühl, schlicht und ruhig.

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