Hallenhockey-WM in Berlin : Ein Familientreffen mit 8000 Leuten

In erster Linie geht es bei der Hallen-Weltmeisterschaft um den Titel – aber sie führt in Berlin auch Freunde des Hockeysports aus der ganzen Welt zusammen.

Insgesamt gibt es in der Max-Schmeling-Halle an fünf Tagen 80 WM-Spiele. Die vier letzten finden am Sonntag statt.
Insgesamt gibt es in der Max-Schmeling-Halle an fünf Tagen 80 WM-Spiele. Die vier letzten finden am Sonntag statt.Foto: Sebastian Schlichting

Vormittags um zehn ist die Welt noch ein lauschiges Plätzchen. Globalisierung? Spielt sich draußen ab, in den Straßen von Prenzlauer Berg, wo die Party-Internationale vom Easyjetset gerade auf ein vorletztes Getränk zusammenkommt. In der Max-Schmeling-Halle bestimmen allein Kasachen und Südafrikaner das Bild. Bei der Hallenhockey-Weltmeisterschaft steht das erste Endspiel an, es geht um Platz elf bei den Männern. Gespielt wird nicht in der 8000 Zuschauer fassenden Haupthalle, sondern in einem Seitenflügel der Betonburg im Berliner Norden. Der Anbau heißt während der WM offiziell „Pitch 2“. Eine halbe Stunde vor dem Spiel um Platz elf finden sich auf vier Stuhlreihen handgezählt 37 Zuschauer ein, dazu ein paar Volunteers, Ordner, Ballkinder und ein Reporter.

Hockey wird auf der ganzen Welt gespielt, aber die Variante in der Halle ist doch vor allem ein europäisches Vergnügen. Der Weltverband hat sich vor ein paar Jahren an einem Export nach Südamerika versucht und die WM 2018 nach Argentinien vergeben, aber die Begeisterung dort war überschaubar. Also sprang Berlin als Ausrichter ein und die Welt ist gern gekommen, wie auch die Berliner gern kommen. 8000 Zuschauer sitzen am Samstag in der Schmeling-Halle, so viele wie noch nie beim Hallenhockey.

Calypso Stickmen in Aktion

Von diesem Weltrekord ist auf Pitch 2 nichts zu spüren. Kasachen und Südafrikaner haben im Alltag eher wenig miteinander zu tun, da fördert so eine WM das Kennenlernen, wie ja auch die großen Hockeynationen durchaus interessiert schauen, was die anderen so anstellen. Martin Häner vom Berliner HC, Olympiasieger 2012 und einer der besten Abwehrspieler der Welt, hat beim 15:0 im ersten WM-Spiel Bekanntschaft mit den kasachischen Kollegen gemacht und später mit Trinidad & Tobago, die sich selbst „Calypso Stickmen“ nennen. „War schon interessant, was ganz anderes als sonst so im Alltag“, sagt Häner. „Das ist ein bisschen so wie bei Olympischen Spielen, wo du im olympischen Dorf die ganze Welt triffst und beim Schwimmen auch schon mal einen, der kurz vorm Ertrinken steht“ – allerdings mit dem Unterschied, „dass das Niveau hier schon ganz anständig ist. Die Jungs aus Trinidad hatten ganz geschickte Hände.“

Der intime Rahmen verleiht dem Treffen der weltumspannenden Hockeyfamilie trotz des ungewohnt großen Fanandrangs eine Liebenswürdigkeit, wie sie den gigantischen Großveranstaltungen des IOC schon längst abhandengekommen ist. So eine WM leistet, was Olympia nicht mehr leisten kann. Ein allgemeines Kennenlernen an der Basis, zu der nicht nur die Sportler gehören, sondern auch die Zuschauer. Alle Mannschaften haben ihre Fans mitgebracht, am lautesten sind interessanterweise die Ukrainer und am zahlreichsten natürlich die Deutschen. Einmal finden sich Spielerinnen der namibischen Frauen-Mannschaft an einem Imbissstand ein und verzehren etwas, von dem ihr Ernährungsberater besser nichts erfährt. Alle paar Meter laufen einem im Wandelgang der Halle Spieler und Spielerinnen über den Weg, sie freuen sich über jeden, der das Gespräch sucht. Wer einmal erlebt hat, wie Fußballprofis bei einem beliebigen Bundesligaspiel abgeschirmt werden, will die Max-Schmeling-Halle gar nicht mehr verlassen.

"Ach, da ist ja meine Cousine"

Nike Lorenz kommt aus der deutschen Kabine. Die Studentin mit der schönen Fächerkombination Kultur und Wirtschaft hat anstrengende Tage hinter sich, denn das Semester liegt in den letzten Zügen und Klausurtermine richten sich nur bedingt nach dem internationalen Hockey-Kalender. Also hat sie eine Prüfung mit Einwilligung der Universität Mannheim nach Berlin verlegt. An die Technische Universität, zur Beaufsichtigung saß eine Sekretärin mit im Raum. Das war am Mittwoch, einen Tag vor dem ersten WM-Spiel. „Alles gut gelaufen“, sagt Nike Lorenz, die Klausur wie auch das mit 8:1 gewonnene Spiel gegen Russland. Aber am schönsten ist es, dass in diesen Tagen die halbe Familie auf der Tribüne sitzt. Nike Lorenz wurde vor 21 Jahren in Berlin geboren, ist als Dreijährige mit den Eltern Richtung Südwesten gezogen. Da ist so eine Weltmeisterschaft für die Spielerin vom Mannheimer HC ein willkommener Anlass, den Berliner Teil der Familie zu sehen, „um die zehn Leute kommen schon zusammen.“ In dem Augenblick sieht sie ein Mädchen auf der Tribüne. „Ach, da ist ja meine Cousine“, ruft Nike Lorenz, „und da ist auch meine Tante.“

Bei den deutschen Männern steht neben Martin Häner dessen BHC-Kollege Martin Zwicker für das Berliner Element. Er ist seit zehn Jahren Nationalspieler, aber eher ein Feldspezialist, die WM 2018 ist sein erstes großes Turnier in der Halle. Gegen Trinidad & Tobago schießt Zwicker aus spitzestmöglichem Winkel ein spektakuläres Tor, was den Hallensprecher derart euphorisch stimmt, dass er dem Publikum einen „Ururur-Berliner“ anpreist. Zu viel der Ehre für die WM-Stadt. Martin Zwicker ist gebürtiger Köthener und vor ein paar Jahren zum Studieren nach Berlin gekommen.

Helene Fischer und Andreas Gabalier

Der Mann am Mikrofon gibt sich gern aufgedreht und arbeitet hartnäckig an seinem Ruf als Nervensäge, bevorzugt mit einem gebrüllten: „Das ist über“ – „...ragend“, müssen die armen Zuschauer ergänzen. Am Samstag, als der zuvor mit schwarzen Vorhängen abgehängte Oberring geöffnet wird und die Halle erstmals ausverkauft ist, werden die unvermeidlichen Klatschpappen unters Volk gebracht, natürlich in Schwarz-Rot-Gold. Vor den deutschen Spielen dröhnt unter anderem Helene Fischers „Atemlos durch die Nacht“, Tore der Österreicher erhalten Andreas Gabaliers „Hulapalu“ als akustische Begleitung.

Auf Pitch 2 wird zum Spiel um Platz elf „Jolene“ von Dolly Parton eingespielt, warum auch immer. Die Volunteers an der Seitenlinie swingen jedenfalls begeistert mit. Das Spiel ist einseitig und endet mit 6:1 für die Südafrikaner, die damit ihren elften Platz von der WM 2015 in Leipzig erfolgreich verteidigen. Auch der Verlierer räumt zufrieden den Platz. Für Südafrika und Kasachstan ist das Turnier beendet und in der Nacht zu Sonntag kann es mit der eigentlichen Globalisierung losgehen. Auf den Straßen von Prenzlauer Berg, auf ein Getränk mit der Party-Internationale vom Easyjetset.

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