Hamburg und die Fußballnationalmannschaft : Als Deutschland gegen die DDR spielte

Hamburg war als Gastgeber nicht immer ein guter Platz für das deutsche Team: 1974 und 1988 gab es historische Niederlagen an der Elbe. Eine kleine Chronik.

Ost schlägt West. Jürgen Sparwasser jubelt, Sepp Maier (links) und Berti Vogts (rechts) sind geschlagen.
Ost schlägt West. Jürgen Sparwasser jubelt, Sepp Maier (links) und Berti Vogts (rechts) sind geschlagen.Foto: dpa/pa

Einen Tag vor dem großen Spiel gegen die Niederlande am Freitag hatte Joachim Löw keine große Freude im Hamburger Volksparkstadion. Der Bundestrainer monierte die Qualität des Rasens im Volksparkstadion. Der Ball hüpfte mitunter nicht so, wie Löws Spieler es wollten. Unebenheiten ließen ihn immer wieder verspringen. Zuvor hatte der deutsche Gegner Niederlande dort trainiert.

Es stand ja auch was auf dem Spiel in der EM-Qualifikation und gerade was Pflichtspiele betrifft, ist Hamburg kein guter Rasen für westdeutsche Fußballnationalmannschaften. Hier gab es am 22. Juni 1974 die historische WM-Niederlage gegen die DDR, und hier segelte die Mannschaft 1988 ins EM-Aus, beim 1:2 gegen die Niederlande.

Die Bilanz für deutsche Mannschaften in Hamburg ist verhältnismäßig schwach: Von 24 Länderspielen seit 1911 hat Deutschland in Hamburg nur zwölf gewonnen, vier Unentschieden und acht Niederlagen stehen dagegen. Wobei eigentlich hat Deutschland 13 mal gewonnen, bei acht Unentschieden und vier Niederlagen in 24 Spielen - das DDR-Spiel lässt sich allerdings nach der Kontinuitätstheorie (Westdeutschland als Nachfolger des 1945 untergegangen deutschen Reiches) als Niederlage dem Westen zurechnen.

Schon bei der Hamburg-Premiere gab es eine Niederlage - beim 1:3 verloren die Deutschen erstmals überhaupt gegen Schweden. Das war am 29. Oktober 1911, damals wurde noch im Stadion Hoheluft gespielt. Das erste Mal, dass die Deutschen in Hamburg nicht als Verlierer vom Platz gingen, war 1923, wiederum im Stadion Hoheluft hieß es 0:0 gegen die Niederlande.

Vor den Toren Hamburgs waren die Deutschen erfolgreicher, im Stadion von Altona gab es klare Siege - 1927 hieß es 6:2 gegen Norwegen und 1937 dann 5:0 gegen Schweden. Bei letzterem Erfolg traf der spätere Bundestrainer Helmut Schön für das Deutsche Reich zum 5:0 - es war sein erstes Länderspieltor. Nur gehörte Altona damals noch nicht zu Hamburg.

Im neuen Volksparkstadion spielte die Mannschaft der neuen Bundesrepublik erstmals im Jahr 1953. Das Team von Sepp Herberger rauschte am 22. November 5:1 im WM-Qualifikationsspiel über Norwegen hinweg. Wie es dann ein paar Monate später bei der WM in der Schweiz weiterging, ist bekannt: Die Deutschen wurden erstmals Fußball-Weltmeister.

In Hamburg spielte die deutsche Mannschaft in den 18 Jahren darauf nur fünf Mal, das nächste Pflichtspiel nach 1953 fand erst am 17. November 1971 statt: In der EM-Qualifikation (oder besser gesagt während der EM, die damals noch in einem anderen Format ausgespielt wurde), stand es am Ende 0:0 gegen Polen. Ein Jahr später wurden die Deutschen trotzdem Europameister, mit einer Mannschaft, die lange als das dominanteste deutsche Team aller Zeiten galt.

Drin ist er. Marco van Basten trifft im EM-Halbfinale von 1998, Jürgen Kohler (rechts kommt zu spät).
Drin ist er. Marco van Basten trifft im EM-Halbfinale von 1998, Jürgen Kohler (rechts kommt zu spät).Foto: dpa

1974 kam dann das Spiel, das auf ewig mit dem Volksparkstadion verbunden sein wird. Ein paar Tage zuvor hatten die Deutschen in Hamburg noch ihr zweites Gruppenspiel der Weltmeisterschaft im eigenen Land 3:0 gegen Australien gewonnen, aber das interessierte nicht mehr. 22. Juni, drittes Gruppenspiel für Deutschland West und Deutschland Ost. Beide Mannschaften waren bereits für die zweite Runde qualifiziert, zum Glück. Sonst wäre das Tamtam vor dem Spiel noch unerträglicher geworden. Denn es war auch trotz der geschlossenen Ostverträge noch für viele ganz Kalter Krieg. Die „Bild“ titelte damals die Ansetzung „Deutschland gegen DDR'“.

Die DDR siegte 1:0 durch das Tor von Jürgen Sparwasser. „Für uns Spieler war das aber kein Kampf der Systeme“, sagte der Torschütze später.  Der Westen war trotzdem getroffen, der Osten geadelt. Es war aber auch eine Enttäuschung für den Westen, die am Ende ihr Gutes haben sollte. Für den Westen. Vier Spiele nach dem DDR-Desaster wurden die Deutschen Weltmeister. Eine Niederlage in Hamburg war also der Wachmacher für den Titel - eine Parallele zu 1971/1972.

1988 traf in Hamburg der Niederländer Marco van Basten. Und wie. Er kegelte die Deutschen aus dem EM-Halbfinale. Die Niederlande wurden schließlich Europameister, da ließ sich für die Deutschen nichts mehr gut machen. Obwohl - zwei Jahre später wurden sie unter Franz Beckenbauer Weltmeister.

Überliefert ist die Geschichte, nach der Franz Beckenbauer am 21. Juni 1988 schon kurz vor Mitternacht auf dem Weg zum Mannschaftsbus noch einmal kehrt macht und zu den Niederländern geht, die in ihrem Bus gerade „Lothar, Lothar, alles ist vorbei“ und „Matthäus, du hast verloren“ trällern. Der deutsche Teamchef sagt ihnen, dass sie verdient gewonnen hätten und wünscht „Viel Glück fürs Finale!“

Nach der politischen Wende gab es bis zum dritten Spiel in Hamburg gegen die Niederlande am Freitag nur vier Länderspiele in Hamburg, allerdings keine Niederlage mehr für das deutsche Team.

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