Handball-EM und Medien : Zwischen Marktschreierei und Kartoffeldeutschen

Die Beweihräucherung der deutschen Handballer im Fernsehen ist unerträglich. Vor allem wird sie einer schönen Sportart nicht gerecht. Ein Kommentar.

Hurra, wir spielen um Platz fünf. Johannes Bitter beim Sieg gegen Österreich.
Hurra, wir spielen um Platz fünf. Johannes Bitter beim Sieg gegen Österreich.Foto: AFP

An sich war es ein belangloses Handballspiel. Die deutsche Mannschaft war am Montag bereits vor ihrem vorletzten Auftritt bei der EM ohne Chance auf das Halbfinale. Trotzdem wurde der schließlich klare Erfolg der Deutschen gegen Österreich in der ARD bejubelt, als ob die Mannschaft gerade in drei Sportarten gleichzeitig Weltmeister geworden wäre.

Dabei hatten die Deutschen nur das Spiel um Platz fünf bei einer Europameisterschaft sicher. So ein nebensächlicher Auftritt würde etwa bei der Fußball-Nationalmannschaft gnadenlos heruntermoderiert. Die Beweihräucherung des Handballs wird alle Jahre, im Wechsel WM und EM, unerträglicher.

So erfahren wir, dass natürlich beinahe alle Fußballprofis im Lande auch große Handballfans sind. Dass Fußballtrainer Friedhelm Funkel gesagt habe, dass „der Fußball vom Handball viel lernen kann“. Und für den Berliner Manager und Macher Bob Hanning, im Nebenjob Vize beim Deutschen Handball-Bund, ist Handball eh schon Nummer zwei plus im Sportland. Handball ist viel härter, spannender als Fußball, und eigentlich finden das die Menschen in Deutschland ohnehin so.

Die meistgesehene Fernsehübertragung einer Sportveranstaltung im Jahr 2019 war ein Handball-Länderspiel. Das war beachtlich, sagt aber noch nichts aus über die Popularität und Qualität einer Sportart. Und natürlich, wo viel gelobhudelt wird, da gibt es auch Gemoser. Schon 2016 und auch während dieser EM wurde in wohl weniger gewogenen Medien diskutiert, warum im deutschen Team nur „Kartoffeldeutsche“ am Start waren.

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Das alles wird einer an sich schönen und spannenden Sportart nicht gerecht. Fußball ist strukturell die mit Abstand stärkste Sportart im Land, ein 50-stöckiges Hochhaus inmitten des übrigen deutschen Sports, der in Flachbauten wohnt. Insofern ist es Unsinn, dass Handball in unsinnigen Vergleichen über den Fußball gestellt wird, und jetzt bald wieder wieder husch, husch mit seiner stärksten Liga der Welt in der Versenkung verschwindet. Hinter Fußball, und ja, auch Eishockey und Basketball.

Frommer Wunsch, Handballturniere genießen zu können

Denn die ersten Ligen dieser beiden Sportarten haben in Deutschland mehr Zuschauer als der Handball. Nicht nur in Berlin, dort spielen Eisbären und Alba in einer viel größeren Arena regelmäßig vor weit mehr Menschen als die Füchse – das ist in den ersten Ligen fast überall in ganz Deutschland so. Von München über Nürnberg bis Düsseldorf und Köln. Ausnahmen gibt es natürlich (etwa in Mannheim, aber dort ist Handball auch nur Nummer zwei hinter Eishockey).

Die Stärke des Handballs ist seine Simplizität. Sein Vorteil ist, dass viele Menschen mit diesem Sport schon mal Kontakt hatten. Und auch seine Tradition macht ihn aus – denn er ist eben eine deutsche Erfindung. Und Handball ist telegen, ein Telespiel für viele Menschen, die es nicht in die Hallen zieht. Ein Pop-up-Telespiel. Zwei Wochen im Jahr läuft es, und dann ist es wieder weg, dann wird wieder Fußball gespielt. 

So bleibt der fromme Wunsch, die kommenden Handballturniere einfach mal genießen zu können. Losgelöst von Marktschreierei und unsinnigen Diskussionen am Rand.

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