Handball-Europameisterschaft : Deutschland beginnt glanzlos, aber erfolgreich

Deutschland hat zum EM-Auftakt gegen die Niederlande am Ende wenig Mühe. Aber richtig zufrieden kann die Mannschaft mit dem Sieg nicht sein.

Torhüter Andreas Wolff verhinderte das ein oder andere Mal Schlimmeres für die deutsche Mannschaft.
Torhüter Andreas Wolff verhinderte das ein oder andere Mal Schlimmeres für die deutsche Mannschaft.Foto: dpa

Handball kann ein ganz einfaches Spiel sein. Das bewiesen die deutschen Vertreter bei ihrem Auftaktspiel in die Europameisterschaft in Norwegen, Österreich und Schweden allerdings erst Mitte der zweiten Hälfte. Als haushoher Favorit war die Mannschaft von Bundestrainer Christian Prokop in die Begegnung mit den Niederlanden gegangen, doch der Turnierdebütant erwies sich als harte Nuss.

Die 4000 Zuschauer in der 9000 Menschen fassenden Halle in Trondheim mussten sich von daher lange gedulden, ehe nach 40 Minuten eine beinahe fehlerfreie Phase der Deutschen begann, in der sich der Olympiadritte aus Rio standesgemäß absetzen konnte. Am Ende leuchtete dann der erwartete und gleichermaßen beruhigende 34:23 (15:13)-Sieg für Deutschland auf der Anzeigetafel auf.

„Wir haben heute gegen einen sehr guten Gegner gespielt“, sagte Prokop nach der bestandenen Prüfung im Interview mit dem ZDF: „Nach dem Bruch mit der Roten Karte hatten wir richtig zu knabbern bis Mitte der zweiten Hälfte.“

Was war passiert?

Gensheimer zielt auf den Kopf

Die deutschen Handballer waren am Donnerstagabend nur schwer ins Rollen gekommen. Gegen die vom ehemaligen Füchse-Trainer Erlingur Richardsson gut eingestellten Niederländer lagen sie erst einmal 0:2 zurück und es dauerte ganze acht Minuten, bis der Favorit zu seiner ersten Führung kam, die bis zur 16. Minute auf 10:5 anwuchs.

Es hatte sich nun der Spielverlauf eingestellt, den ein jeder Experte vorhergesagt hatte. Doch dann kam es zu dem Bruch, von dem Prokop anschließend sprach.

Uwe Gensheimer trat an zu seinem dritten Siebenmeter in diesem Spiel. Nach dem Pfiff des Schiedsrichters zögerte der deutsche Kapitän mit seinem Wurf, er täuschte an, holte erneut aus und traf den niederländischen Torhüter mit seinem Wurf schließlich hart am Kopf.

Bart Ravensbergen fiel rücklängst hin und blieb erst einmal liegen. Die Schiedsrichter überprüften die Szene mithilfe des Videoassistenten und die Bilder ließen keinen anderen Schluss zu als dass Gensheimer den Torhüter gezielt am Kopf getroffen hatte und sich nicht etwa der Kopf des Torhüters zum Ball bewegte. Dies bedeutete die Rote Karte und damit die Hinausstellung des Deutschen.

Gensheimer, der beim nächsten Spiel wieder mitwirken darf, schlich mit ernster Miene vom Feld.

Prokop trägt zur Verunsicherung bei

Die deutsche Mannschaft verlor in der Folge nun ihren gerade erst aufgenommenen Faden, die gute Phase der vergangenen zehn Minuten war plötzlich vorüber, Bundestrainer Prokop tat mit seiner munteren Wechselei sein Übriges zur Verunsicherung der Spieler bei.

Seine zweite Reihe ließ die wacker kämpfenden Niederländer, bei denen einige neben dem Sport noch anderen Berufen nachgehen, nun gewähren und nach einem Vier-Tore-Lauf hatten sie sich beim Stande von 11:12 (24. Minute) wieder voll in Stellung gebracht.

Der deutschen Mannschaft schien bereits jetzt zum Nachteil zu werden, was erst für die Spiele gegen Mannschaften ganz anderen Kalibers erwartet wurde: Prokops Team war ohne gelernten Spielmacher zu diesem Turnier angereist, nach etlichen verletzungsbedingten Absagen im Vorfeld hatte der Berliner Paul Drux diese Rolle übernehmen sollen.

Es haperte jedoch am Zusammenspiel, Drux versuchte sich zwar in die Partie hineinzukämpfen, vor allem aber im Vergleich mit dem Regisseur der Holländer fiel seine Leistung ab. Luc Steins – gute 40 Kilo leichter als Drux – war auf dem Feld überall zu finden und kam nach seinen vielen wendigen Einzelaktionen auf sechs Tore.

Die spielentscheidende Phase leitete Mitte der zweiten Hälfte dann Andreas Wolff ein. Den „Auflösungserscheinungen“, die er seiner Abwehr später attestierte, stellte sich der deutsche Torhüter nun ganz alleine entgegen. An Wolff ging in dieser Phase kein Ball mehr vorbei und weil seine Vorderleute nun endlich kontinuierlich trafen, schoss sich die deutsche Mannschaft nach einem Sieben-Tore-Lauf auf 29:19 davon.

Sogar das Zusammenspiel mit Kreisläufer Jannik Kohlbacher klappte nun, Kai Häfner brachte ihn eins ums andere Mal in Position. (Tsp)

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