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Handball-Nationalmannschaft : Christian Prokop bleibt Bundestrainer

Nach vierwöchiger Beratungsphase entscheidet der Deutsche Handball-Bund: Christian Prokop bleibt trotz der schlechten EM Bundestrainer.

Christian Prokop muss nach weniger als einem Jahr im Amt als Bundestrainer gehen.
Christian Prokop muss nach weniger als einem Jahr im Amt als Bundestrainer gehen.Foto: dpa

Vier Wochen lang jagte ein Gerücht das nächste, potenzielle Nachfolger wurden gehandelt, personelle Konstellationen im Kopf durchgespielt. Wer könnte gegebenenfalls wen ersetzen? Gibt es auf die Schnelle überhaupt geeignete Kandidaten? Und wer übernimmt nun die Verantwortung für das schlechte Abschneiden der Handball-Nationalmannschaft bei der jüngsten Europameisterschaft in Kroatien, die der hochgehandelte Titelverteidiger nur auf Rang neun beendet hatte?

Andreas Michelmann, dem Präsidenten des Deutschen Handball-Bundes (DHB), genügten am Montagnachmittag in einem Hannoveraner Flughafenhotel ein Satz und ein paar Sekunden Sprechzeit, um alle Spekulationen schlagartig zu beenden und neue, alte Gewissheiten zu schaffen. „Das Präsidium hat sich dafür entschieden, die Zusammenarbeit mit Christian Prokop fortzusetzen“, sagte Michelmann – und das überraschte dann doch sehr. Nach allem, was bei der EM und im Nachgang des Turniers passiert war, galt es eigentlich als ausgemachte Sache, dass Michelmann seinen Satz mit dem Wort „beendet“ abschließt. In der lang angekündigten und mit Spannung erwarteten EM-Analyse sind die Entscheidungsträger aber offensichtlich zu der Erkenntnis gelangt, dass sie Prokop sehr wohl eine erfolgreiche Heimweltmeisterschaft zutrauen. In nicht einmal zwölf Monaten, vom 9. bis 27. Januar 2019, richtet Deutschland das Kontinentalturnier gemeinsam mit Dänemark aus. Dann erhält der jüngste Handball-Bundestrainer der Geschichte eine zweite Chance, es besser zu machen als bei der EM. Bei seinem ersten großen internationalen Turnier hatte Prokop phasenweise überfordert gewirkt, auch im alltäglichen Umgang mit seinem Team gab es nicht zu übersehende Differenzen.

Nach einem gemeinsamen Mittagessen, führte Michelmann weiter aus, habe die Verbandsspitze zwei Stunden beisammengesessen, ehe sie zu einem finalen Entschluss gelangte. Sportvorstand Axel Kromer informierte Prokop anschließend telefonisch darüber, dass er entgegen vieler Erwartungen und öffentlicher Prognosen weitermachen darf. „Ich kann nicht sagen, ob ihn das überrascht hat“, berichtete Kromer, „aber er hat sich natürlich über die Entscheidung gefreut.“

Erstaunlich war in jedem Fall, dass eben jene Protagonisten, um die es im Kern ging, gar nicht erst auf dem Podium Platz nahmen, um Auskunft zu erteilen. Bei Prokop war dieser Umstand noch halbwegs nachvollziehbar, schließlich war der alte und neue Bundestrainer nicht in den Entscheidungsprozess involviert. Bob Hanning hingegen schon – und doch verzichtete der DHB-Vizepräsident auf einen öffentlichkeitswirksamen Auftritt, wie man ihn angesichts der Ereignisse von ihm hätte erwarten können, ja müssen. In Hannover war Hanning zwar anwesend, entgegen aller Traditionen bei Pressekonferenzen des DHB äußerte er sich aber ausnahmsweise erst im Anschluss an die offizielle Fragerunde. „Wir haben die Fakten auf den Tisch gelegt“, sagte Hanning, „jetzt werden wir alle Kraft in das Projekt WM-Medaille hineinstecken.“

Dass der DHB mit Prokop weitermacht, ist auch in Hannings Interesse; der Vizepräsident hatte den 39-Jährigen vor gut einem Jahr gegen die Zahlung einer Ablöse von 500 000 Euro zum Bundestrainer befördert und sein weiteres Wirken im Verband zuletzt an Prokops Zukunft geknüpft; wenn Prokop gehen muss, hieß es vor dem Termin am Montag, würde höchstwahrscheinlich auch Hanning hinschmeißen, der den DHB seit seinem Amtsantritt vor fünf Jahren auf vielen Ebenen reformiert hat. Es ist nicht ausgeschlossen, dass Hanning im kleinen Kreis mit eben diesem Szenario drohte, dass er gewissermaßen zum Weitermachen überredet werden wollte und mit dem gleichen Schachzug seinen erklärten Wunschkandidaten für den Trainerposten rettete. „Es hat sich im Präsidium aber niemand erpresst gefühlt“, betonte Michelmann.

Wie verlässlich der plötzliche Burgfrieden tatsächlich ist, wird nicht zuletzt von Prokops Bereitschaft abhängen, sein taktisches System und seine Herangehensweise anzupassen. Diesbezüglich habe es „eine deutliche Entwicklung beim Trainer gegeben, was uns dazu veranlasst hat, ihm zu glauben, dass er diesen Weg auch weiter gehen kann“, sagte Michelmann. „Christian hat Fehler eingeräumt und ganz klar gesagt, wo er Veränderungen in seinem eigenen Handeln vornehmen wird, weil er gemerkt hat, dass es nicht in allen Bereichen richtig war“, ergänzte Sportvorstand Axel Kromer.

Der 41-Jährige, der für gewöhnlich im Hintergrund wirkt, war in der Causa Prokop eine der, wenn nicht sogar die wichtigste aller beteiligten Personen. Kromer fungierte als eine Art Mediator zwischen Mannschaft, Trainer und Vorstand; er führte Einzelgespräche, holte sich Meinungen und Standpunkte ein und fasste sie schließlich in einem Arbeitspapier zusammen, das offenbar von hohem Wert für Prokops Weiterbeschäftigung war. „Es gab keine Differenzen in irgendeiner Art und Weise, dass sie uns die allergrößten Sorgen bereiten und nicht behoben werden können“, sagte Kromer.

Damit dementierte der Sportvorstand auch Gerüchte, wonach einige Spieler mit ihrem Rücktritt gedroht hätten. „Wir gehen davon aus, dass auch weiterhin die besten Spieler Deutschlands für Deutschland spielen werden“, sagte Kromer. Am 4. April wird sich zeigen, wieviel Wahrheit in diesem Satz steckt. Dann bestreitet die Nationalmannschaft in Leipzig ihr nächstes Länderspiel, Gegner ist Serbien.

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