Handball-WM : Korea will nicht nur politisch Zeichen setzen

Bei der WM treten Handballer aus Süd- und Nordkorea gemeinsam an. Das Team will sportlich überraschen – auch beim Eröffnungsspiel gegen Deutschland.

Tobias Gutsche
Korea, hier Kang Jeon Gu am Ball beim Test gegen Oranienburg, trifft am Donnerstag auf Deutschland.
Korea, hier Kang Jeon Gu am Ball beim Test gegen Oranienburg, trifft am Donnerstag auf Deutschland.Foto: AFP

Ri Kyong-song schrieb koreanische Geschichte – in Potsdam. Er wusste es nach seinem Tor sofort und rannte am vergangenen Samstagabend euphorisiert über das Feld der MBS-Arena. Überglücklich klatschte Ri sich an der Seitenlinie mit all seinen Teamkollegen ab, die wiederum völlig aus dem Häuschen waren. Auf der Tribüne schrie und sang die große koreanische Delegation vor Begeisterung und wedelte aufgeregt mit den Fähnchen des vereinigten Koreas.

Ri Kyong-song ist einer von vier nordkoreanischen Handballspielern, die der gesamtkoreanischen Mannschaft angehören. Beim ersten offiziellen Spiel einer gemeinsamen Handballmannschaft seit der Trennung Koreas nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges erzielte Ri nun am Samstagabend als erster – und einziger – Nordkoreaner ein Tor.

Dass seine Mannschaft am Ende gegen den Drittligisten VfL Potsdam noch mit 26:30 verlor, war nur eine Randnotiz. Denn es war deutlich zu spüren, wie emotional sie ihre Mission empfinden: Sie wollen ein Zeichen des Zusammengehörigkeitsgefühls setzen. Und am Montag konnten Ri und seine Teamkollegen dann auch den ersten Sieg bejubeln – 34:29 bei dem Drittligisten Oranienburg. Die Generalprobe ist also geglückt für das große Spiel, das WM-Eröffnungsspiel an diesem Donnerstag um 18.15 Uhr in der Arena am Ostbahnhof gegen Mit-Gastgeber Deutschland.

Beobachtung direkt vor der Haustür

Die Testspiele der Koreaner haben Verantwortliche des Deutschen Handball-Bundes (DHB) organisiert. Denn der Assistenztrainer der deutschen Nationalmannschaft Alexander Haase ist Vizepräsident des Brandenburger Handball-Verbandes und zugleich sportlicher Leiter des VfL. Die Hilfe kam wohl nicht ganz ohne Selbstzweck. Dank Haases Kontakten bekamen er und Bundestrainer Christian Prokop nun direkt vor der Haustür die Möglichkeit, den ersten WM-Kontrahenten genauer zu beobachten. Videomaterial lag bis dato kaum vor. Nicht zuletzt, weil es das gegnerische Team auch streng genommen erst seit etwa drei Wochen gibt. Die gemeinsame koreanische Mannschaft wurde extra für die Weltmeisterschaft gebildet.

Eine solche Annäherung gab es bereits bei den Olympischen Winterspielen 2018 in Pyeongchang. Dort nahm eine gesamtkoreanische Eishockey-Frauenmannschaft teil. Der Handball-Weltverband griff nun für die WM die Vereinigungsidee auf. Dafür wurden sogar die eigenen Regeln abgeändert, denn eigentlich dürfen nur 16 Spieler im Kader eines Teams stehen. Den qualifizierten Südkoreanern wird aber erlaubt, vier zusätzliche Spieler aus Nordkorea ins Aufgebot zu nehmen.

Dass dieses Bündnis ausgerechnet die WM in Berlin miteröffnet, an dem Ort also, wo einst die deutsche Teilung überwunden worden war, erhöht die Strahlkraft der Geste. „Gerade Berlin ist ein Symbol für Friede und Einheit“, sagte Nationaltrainer Cho Young-shin. „Mit dem Fall der Mauer ist man den Weg des Friedens gegangen. Deshalb möchten wir als gemeinsames Team zeigen, dass wir als Koreaner auch diesen Weg gehen können.“

Sportlich ist von den Koreanern allerdings nicht allzu viel zu erwarten. Aufgrund ihrer für Handballer-Verhältnisse geringen Körpergröße setzen sie vorwiegend auf Tempospiel. „Sie kreieren dabei Angriffe, die man hier nicht so kennt“, sagte Potsdams Kapitän Yannik Münchberger nach dem Testspiel. „Ihre Aktionen waren etwas unorthodox und kamen deswegen zunächst überraschend.“ Mit der Zeit habe sein Team jedoch das Offensivschema gut durchschaut.

Flagge zeigen auf den Schuhen

Koreas Trainer Cho Young-shin betonte, das Vereinigungsprojekt sehr ernst zu nehmen. Bei jeder Partie, versprach er, werde mindestens einer der vier Nordkoreaner eingesetzt, obwohl diese leistungsschwächer sind als die Spieler des Olympiazweiten von 1988 aus dem Süden. Wer aus welchem Staat kommt, verrät dann auf den ersten Blick nur ein kleines Detail. Die Nordkoreaner tragen einheitliche Schuhe. Dabei zeigen sie doch Flagge. Die Schuhe sind rot, blau und weiß – passend zur nordkoreanischen Fahne.

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