Heiner Brand vor der Handball-WM : „Ich habe viele Sachen durchgehen lassen“

Weltmeistertrainer Heiner Brand über die Handball-WM in Deutschland, den Druck des Gastgebers und nächtliche Pizza-Lieferungen.

Heiner Brand, 66, ist neben dem Franzosen Didier Dinart einer von zwei Menschen, die als Spieler und Trainer die Handball-WM gewannen.
Heiner Brand, 66, ist neben dem Franzosen Didier Dinart einer von zwei Menschen, die als Spieler und Trainer die Handball-WM...Foto: dpa

Herr Brand, in drei Tagen beginnt die Handball-Weltmeisterschaft in Deutschland und Dänemark. In welcher Funktion werden Sie das Turnier verfolgen?

In erster Linie als WM-Botschafter der Stadt Köln, dort wird die deutsche Mannschaft ja ihre Hauptrundenspiele bestreiten. Es gab auch ein paar Anfragen als TV-Experte, aber das funktioniert nicht, weil ich bereits bei einem anderen Sender unter Vertrag stehe, der regelmäßig über die Handball-Bundesliga berichtet. Ich kann mir die Spiele also größtenteils als interessierter Zuschauer ansehen.

Wie ist es um die Handball-Euphorie im Land bestellt?

Ich nehme mit Freude zur Kenntnis, dass großes Interesse besteht – auch bei Leuten, die dem Handball sonst nicht sehr nahe stehen. Ich werde jedenfalls oft auf das Turnier angesprochen. EM oder WM haben einfach einen ganz anderen Stellenwert. Grundsätzlich ist der Januar ja die Zeit des Jahres, in der der Handball glänzen kann und auch höhere Fernsehquoten erzielt als viele andere Sportarten.

Bei der letzten Handball-WM in Deutschland waren Sie Bundestrainer und durften mit ihrer Mannschaft den Titel bejubeln. Woran denken Sie zuallererst, wenn Sie auf das Turnier 2007 zurückblicken?

Richtig präsent ist das nicht mehr, dazu müsste ich mir vielleicht nochmal ein paar alte Videos ansehen. Insgesamt war es ein außergewöhnliches Ereignis für unsere Sportart, das ist ganz klar. In der Spitze hatten wir mehr als 20 Millionen Fernsehzuschauer, das ist schwer zu toppen. Andererseits kann ich mir einen ähnlichen Hype vorstellen, wenn die deutsche Mannschaft gut ins Turnier findet.

Ihr Team hatte damals Probleme damit, die ersten Spiele waren durchwachsen.

Das kann man nicht anders sagen. Zum Auftakt gegen Brasilien in Berlin waren alle Beteiligten extrem nervös, aber das ist beim Einstieg in ein Turnier völlig normal. Wir haben dann ja auch gegen Polen in der Vorrunde verloren und hatten so unsere Sorgen. Umso besser ist es dann im weiteren Verlauf geworden. Wir haben uns in einen Rausch gespielt, als sich die Verkrampfung gelöst hat und eine gewisse Lockerheit eingekehrt ist.

Stichwort Druck.

Der ist natürlich vorhanden, keine Frage. Da kann man sich drauf vorbereiten und sagen: Wir freuen uns riesig aufs Turnier und gehen das selbstbewusst an. Aber das stimmt in den meisten Fällen nicht. Bei einer WM im eigenen Land treten automatisch gewisse Dinge auf, über die man sich Gedanken macht. Jeder weiß, dass die Aussichten für den Gastgeber meistens ziemlich gut sind. Diesen Druck spüren die Spieler auch von außen und von den Medien, die Erwartungshaltung ist groß. Aber dem muss man als Leistungssportler einfach Stand halten.

Welche Maßnahmen gibt es, um die Atmosphäre als Rückenwind zu nutzen und eben nicht als Belastung zu empfinden?

Mannschaft und Trainer müssen sich auf unterschiedlichste Situationen vorbereiten, sie besprechen und durchspielen. Alle Beteiligten sollten wissen, dass es kein Selbstläufer wird, nur weil ein paar tausend Menschen in der Halle die Daumen drücken, brüllen, mitfiebern. Der Fokus muss auf der eigenen Leistung liegen, man darf sich von Dingen außerhalb des Sportlichen nicht zu sehr ablenken lässt.

Worauf kommt es Ihrer Erfahrung nach an bei der Vorbereitung auf ein Turnier?

Auf einen guten Team-Spirit. Aber den kann ich nicht voraussetzen, so etwas wächst mit der Zeit. Die Leute müssen sich kennen und schätzen lernen, einander vertrauen, Spaß haben. Das ist ein Prozess, der sich hinzieht. Geschlossenheit ist eine wichtige Geschichte, weil Handball nun einmal ein Teamsport ist. Nur in ganz seltenen Ausnahmefällen können Teams erfolgreich sein, in denen das Miteinander nicht so ausgeprägt ist.

Wie haben Sie die Balance zwischen Spaß und Enthusiasmus auf der einen und Konkurrenzkampf sowie Ernsthaftigkeit auf der anderen Seite hinbekommen?

Wo viele Menschen zusammen sind und miteinander zu tun haben, muss es eine gewisse Disziplin und ein gewisses Verhalten geben, keine Frage. Ich habe immer versucht, Spaß und harte Arbeit zu kombinieren. Dafür gibt es unterschiedlichste Maßnahmen, es kommt auch immer auf die individuelle Zusammensetzung der Mannschaft an. Für Spaß und sportlichen Erfolg ist ein Vertrauensverhältnis jedenfalls unerlässlich.

Im WM-Dokumentarfilm „Projekt Gold“ gibt es eine legendäre Szene…

…jetzt kommt die Nummer mit der Pizza.

Genau. Damals haben Sie die Spieler zusammengefaltet, weil sie einen Abend vor einem wichtigen Spiel Pizza bestellt hatte.

Ich weiß nicht, wie oft wir uns im Nachhinein darüber amüsiert haben. Wir haben damals eine Besprechung abgehalten, die dazu diente, den Fokus auf den nächsten Gegner zu legen. Ich lasse mal dahingestellt, ob es gut ist, mir am Abend vor einem WM-Spiel eine Riesenpizza einzuverleiben, zum Schlafen sicher nicht. Als Trainer wusste ich sofort: Hier muss ich eingreifen, weil ich eine gewisse Disziplin voraussetze. Grundsätzlich habe ich viele Sachen durchgehen lassen, aber das war dann selbst mir zu viel und zu wild.

Heute können Sie drüber schmunzeln.

Auf jeden Fall. Das hat auch damals schon zu vielen Lachern geführt und uns noch einmal zusammengeschweißt. Es gab immer wieder Gerüchte, wer aus der Mannschaft auf diese Schnapsidee gekommen ist und wer so clever war, die Pizza direkt ins Hotel zu bestellen. Aber diese Gerüchte wurden nie aufgeklärt. Vielleicht ist es auch besser so.

War es für Sie als Bundestrainer seltsam, ständig von einem Dokumentarfilmer begleitet zu werden?

Nein, gar nicht. Die Filmemacher waren sehr zurückhaltend mit der Kamera, irgendwann haben wir sie gar nicht mehr wahrgenommen. Aber ich muss auch gestehen, dass ich zunächst sehr skeptisch war. In die Kabine gehören einfach keine Fremden, ebenso wenig zur Teambesprechung. Daran musste ich mich gewöhnen. Nachdem wir in einem Länderspiel einen Testlauf mit dem Kamerateam absolviert hatten, war für mich und die Mannschaft klar: das stört uns nicht weiter. Und der Film ist wirklich toll geworden, darauf bin ich heute noch sehr stolz.

Was ist bei der WM 2019 drin?

Wenn die deutsche Mannschaft ihr Potenzial abruft: alles. Ich sehe keine Team, das wir nicht schlagen können. Auch wenn es langweilig klingt: Die Mannschaft muss von Spiel zu Spiel schauen.

Kurz vor Weihnachten waren Sie mit Bundestrainer Christian Prokop im ZDF- Sportstudio. Welchen Eindruck hatten Sie vom Bundestrainer, der vor einem Jahr beinahe seinen Job verloren hätte?

Mein Eindruck war: Christian hat die Lehren und Konsequenzen aus der Europameisterschaft gezogen, Trainer und Mannschaft haben sich angenähert. Wenn die Spieler das auch tun und die Konsequenzen aus der EM gezogen haben, wird es deutlich besser laufen als noch vor einem Jahr in Kroatien.

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