Hertha BSC nach dem 2:4 gegen Gladbach : Spektakel ist gut, Kontrolle ist besser

Die Spiele von Hertha BSC sind plötzlich überraschend unterhaltsam – doch das geht bei den Berlinern auf Kosten der defensiven Stabilität.

Blick nach unten. Hertha BSC und Salomon Kalou sind nach der Niederlage gegen Gladbach auf Platz 14 zurückgefallen. Foto: Stache/dpa
Blick nach unten. Hertha BSC und Salomon Kalou sind nach der Niederlage gegen Gladbach auf Platz 14 zurückgefallen. Foto:...Foto: dpa

Pal Dardai war als Fußballspieler ein Sechser durch und durch. Einer, der die gegnerischen Angriffe durch beherztes Eingreifen zu unterbinden wusste. Der auch mal hart zur Sache ging, wenn es notwendig war. Und der immer das Wohl der Mannschaft über sein eigenes stellte. Vieles davon hat er sich auch als Trainer erhalten. Und damit ist nicht nur gemeint, dass er Wert legt auf eine gute Ordnung und defensive Stabilität.

Dardai schritt am Samstag beherzt ein, als das Wohl seiner Mannschaft auf dem Spiel stand. Der Trainer des Berliner Fußball-Bundesligisten war nach der 2:4- Heimniederlage gegen Borussia Mönchengladbach zur schwindenden defensiven Stabilität seines Teams befragt worden. Der Ungar grätschte die Frage weg wie zu seinen besten aktiven Zeiten. Über die defensive Stabilität müsse man nicht sprechen. „Die Zweikampfführung war da, die Räume waren zu“, sagte Dardai. Und dann leitete er mit einem Zuspiel in die Spitze umgehend den Gegenangriff ein. „Die Mannschaft war bereit zu kämpfen, zu laufen, zu kombinieren. Ich bin stolz auf die Mannschaftsmoral, den Charakter.“

Xabi Alonso, der frühere Münchner, hat einmal gesagt: „Ich bin ein Mann des Mittelfelds, und das heißt Kontrolle.“ Dardai ist ebenfalls ein Mann des Mittelfelds. Struktur, Kontrolle – das sind die Eigenschaften, die für Herthas Spiel unter dem Ungar kennzeichnend sind. Oder muss man jetzt schon sagen: waren?

Den Berlinern ist oft vorgehalten worden, dass ihr Spiel wenig spektakulär und mitreißend sei. In dieser Hinsicht aber gibt es aktuell nichts zu bekritteln. An den beiden jüngsten Spieltagen schien es so, als hätte Hertha das Spektakel für sich entdeckt. Schon vor der Länderspielpause gab es beim 3:3 in Wolfsburg sechs Tore, wie auch jetzt gegen Gladbach; nur dass die Tore diesmal nicht ganz so gleichmäßig verteilt waren. Trotzdem sagte Herthas Mittelfeldspieler Per Skjelbred: „Es war kein schlechtes Spiel von uns.“ Und auch Dardai fand: „Einen Vorwurf kann ich der Mannschaft nicht machen.“

Hertha hatte gegen die Gladbacher viel Ballbesitz. Hertha spielte nach dem frühen 0:3-Rückstand beherzt nach vorne. Hertha hatte viele Chancen (wenn auch zumeist nach Standardsituationen), und Hertha steckte nie auf. Zur Pause, beim Stand von 1:3, ging es in der Kabine nicht etwa darum, wenn möglich noch den Ausgleich zu schaffen. Es ging darum, „dass wir es ganz drehen, dass wir es gewinnen wollen“, berichtete hinterher Manager Michael Preetz.

Seit dem ersten Spieltag hat Hertha BSC nicht mehr zu null gespielt

Schon die Aufstellung wirkte so, als hätte Dardai sämtliche Ordnungsprinzipien genussvoll über Bord geworfen. Zum ersten Mal standen mit Vedad Ibisevic und Davie Selke zwei Stoßstürmer in der Anfangsformation. „Dafür dass wir keinen großen Vorlauf hatten, hat es ganz gut funktioniert“, sagte Selke. „Es ist auf jeden Fall eine weitere gute Option.“ Ibisevic traf nach seiner langen Flaute im zweiten Spiel hintereinander, und Selke durfte zumindest eine halbe Vorlage für sich reklamieren. Nach seiner Hereingabe scheiterte Ibisevic noch an Torhüter Yann Sommer, im zweiten Versuch traf der Bosnier schließlich zum 1:3. „Man sieht, was Tore bei einem Stürmer ausmachen“, sagte der frühere Stürmer Preetz. Nach seinem Treffer in Wolfsburg habe Ibisevic eine ganz andere Körpersprache gezeigt. Und überhaupt: „Beide haben sich gute bewegt, beide hatten gute Szenen“, sagte Preetz.

Aber um mehr Wucht in die Offensive zu bekommen, musste Dardai einen zentralen Mittelfeldspieler opfern. Das führte nicht nur dazu, dass das Spiel bis Mitte der ersten Halbzeit nahezu komplett an den beiden Stürmern vorbeilief, weil Hertha trotz massig Ballbesitz kaum einmal in die gefährliche Zone vor dem Gladbacher Tor kam. Es führte auch dazu, dass die Berliner anfällig waren für das schnelle Umschaltspiel der Gäste. Ein Konter, ein Elfmeter, ein Sonntagsschuss – die Tore seien nicht zu verteidigen gewesen, sagte Dardai. Aber das war natürlich eine recht beschönigende Sicht der Dinge.

Vor dem 1:0 konnte Denis Zakaria den Ball von der Mittellinie 40 Meter Richtung Berliner Tor schleppen, ohne dass irgendjemand bei Hertha sich zum Eingreifen genötigt sah. Und auch die beiden anderen Treffer hätten mit etwas mehr Aufmerksamkeit in der Zone vor dem eigenen Strafraum durchaus unterbunden werden können.

Innenverteidiger Sebastian Langkamp bezeichnete die ersten 20 Minuten bis zum 0:3 als „mit das Schlechteste, was wir in dieser Saison gezeigt haben“. Im Unterschied zu seinem Trainer erkannte Langkamp sehr wohl ein generelles Problem. „Tore schießen wir wieder, das ist gut“, sagte er. „Aber es sind zu viele Gegentore. Wir müssen die Balance wieder finden.“ Seit dem ersten Spieltag (2:0 gegen Stuttgart) hat Hertha nicht mehr zu null gespielt. Zum gleichen Zeitraum der Vorsaison waren es bereits fünf Zu-null-Spiele. „Wir werden in Zukunft keine Spiele gewinnen, wenn wir immer drei oder vier Gegentore kassieren“, sagte Langkamp. In dieser Hinsicht könnte es ganz hilfreich sein, dass Hertha nächsten Sonntag beim 1. FC Köln antritt. Die Kölner haben in der ganzen Saison erst vier Tore erzielt.

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