• Hertha BSC: Pal Dardai im Interview: „Wer mit dem Konkurrenzkampf nicht klarkommt, hat hier nichts zu suchen“
Hertha BSC: Pal Dardai im Interview : „Wer mit dem Konkurrenzkampf nicht klarkommt, hat hier nichts zu suchen“

Trainer Pal Dardai über Herthas Aufschwung, das Geheimnis einer ungarischen Fischsuppe und was echter Paprika mit beidem zu tun hat.

Pal Dardai, 39, kam im Januar 1996 von BVSC Budapest zum damaligen Zweitligisten, schaffte gleich den Aufstieg in die Bundesliga und zwei Jahre sogar in die Champions League. Bis 2011 kam er auf 286 Spiele in der Bundesliga und ist damit Herthas Rekordspieler. Er trainierte Herthas U-15-Jugend, zeitweise auch die ungarische Nationalmannschaft. Im Februar 2015 löste er Jos Luhukay als Cheftrainer ab und schaffte mit der schwer abstiegsbedrohten Mannschaft noch den Verbleib in der Bundesliga.
Pal Dardai, 39, kam im Januar 1996 von BVSC Budapest zum damaligen Zweitligisten, schaffte gleich den Aufstieg in die Bundesliga...Foto: Imago/Sebastian Wells

Herr Dardai, wie sieht Ihr Matchplan für Weihnachten aus?

Mein Vater ist zu Besuch in Berlin. Normalerweise fahren wir Weihnachten nach Ungarn. Aber in Ungarn würde ich überall herumgereicht werden, da könnte ich nicht abschalten. Das brauche ich jetzt. Ich muss sagen: Ich bin schon müde. Der Sommer war sehr hart für mich, auch wenn ich das nicht gezeigt habe. Erst die Länderspiele mit Ungarn, dann die Vorbereitung mit Hertha. Ich habe im Sommer nur vier Tage Pause gehabt. Ich wollte ja auch nichts falsch machen.

Gibt es zu Weihnachten feste Traditionen im Hause Dardai?

Erst schmücken wir mit den Kindern den Weihnachtsbaum. Dann kocht mein Vater eine ungarische Fischsuppe, meine Frau ein anderes Gericht. Am Anfang ist der Heilige Abend immer schwierig für uns, weil meine Mutter und mein Bruder fehlen. Da kommen erst mal ein paar Tränen. Aber nach der Bescherung ist es schön und glücklich. Wir essen zusammen, alle an einem Tisch, da wird gequatscht und gelacht.

Was macht eine gute ungarische Fischsuppe aus?

Du musst echten ungarischen Pulverpaprika haben. Nicht den aus dem Supermarkt, sondern hausgemachten. Und natürlich brauchst du einen guten Karpfen. Dazu Salz, Knoblauch, Zwiebeln. Und ein bisschen Rotwein muss man zum Schluss auch reinkippen. Aber echter ungarischer Pulverpaprika ist das Allerwichtigste.

Wer ist der ungarische Pulverpaprika in Ihrer Mannschaft?

Wenn ich nur einen Spieler nennen sollte, dann wäre es Per Skjelbred. Per hat einen Riesenjob gemacht. Ihm geht es nicht darum, selbst zu glänzen. Er denkt immer für die Mannschaft, läuft gnadenlos die Lücken zu, ist sehr wichtig für die Spielverlagerung und führt Zweikämpfe ohne Ende.

Kommt es bei einer funktionierenden Mannschaft auch auf die richtige Mischung an – wie bei einer Fischsuppe?

Wenn Sie das unbedingt vergleichen wollen. Klar, wenn etwas fehlt, schmeckt die Suppe nicht. Die Stärke unserer Mannschaft ist ihr Teamgeist: wie wir leben, wie wir miteinander umgehen. Als wir letzte Woche nach Nürnberg zum Pokalspiel geflogen sind, habe ich auf dem Flughafen in Berlin gedacht: Wir haben das Spiel schon gewonnen. Noch bevor wir überhaupt losgeflogen sind.

Wieso?

Die Jungs haben da gesessen wie früher meine U 15. Alle zusammen, vorbildlich. Was für ein Anblick! Da habe ich gedacht: Mit diesen Spielern lohnt es sich zu arbeiten.

Woher kommt dieser Teamgeist? Aus der Mannschaft selbst? Oder haben Sie diesen Prozess aktiv angeschoben?

Wir haben nach der letzten Saison sehr wichtige Einzelgespräche mit den Spielern geführt. Ich glaube, da hat etwas angefangen. Dass es sich seitdem in die richtige Richtung entwickelt hat, dafür sind letztlich die Führungsspieler verantwortlich. Schön zu wissen, dass wir gute Führungsspieler haben. Ich finde, die Umgebung macht dich: Wo du wohnst, was du machst – so bist du. Die Chemie in der Kabine stimmt. Wenn die Stimmung gut ist, entwickelt sich automatisch etwas in der Mannschaft. Die Siege haben dann das Übrige getan. Irgendwann kommt auch mal ein Knick. Das ist so im Fußball. Aber bisher hatten wir Glück, dass wir davon verschont geblieben sind.

Sie haben als Spieler für Hingabe gestanden, für Fitness und sich immer in den Dienst der Mannschaft gestellt. Täuscht der Eindruck, dass Sie gerade eine Mannschaft nach Ihrem Bilde bauen?

Ja, das täuscht. Als Trainer hast du einen Kader, aus dem du das Maximum herausholen willst. Du versuchst ein System zu entwickeln, eine fußballerische Idee, die zu diesem Kader passt. Die Spieler müssen an diese Idee aber auch glauben, damit sie mit ihr erfolgreich sind. Das geht nur für Schritt für Schritt wie auf einer Treppe. Viele machen den Fehler, dass sie alles auf einmal machen wollen. Das geht nicht. Das habe ich im Nachwuchs gelernt. Der beste Tipp, den mir Lucien Favre gegeben hat, war: „Pal, gehen Sie zu den Kindern, zwei, drei Jahre, und dann kann Ihnen niemand mehr etwas Neues erzählen!“ Das ist so. Im Nachwuchs habe ich unglaublich viele Dinge gelernt, die ich auch hier praktiziere.

Was denn?

Du brauchst im Training Übungen mit Sinn, bei denen auch der Kopf belastet wird. Wir trainieren immer mit Druck. Für die Jungs ist das selbstverständlich, und so spielen sie jetzt auch. Diese Automatismen bringen sie weiter.

Die Mannschaft ist defensiv stabil, für den Gegner schwer zu bespielen und vor dem Tor sehr effizient. Fühlen Sie sich an die erfolgreiche Saison unter Lucien Favre erinnert?

Gar nicht. Unser Spiel von damals: Das war Balleroberung, schnelles Umschalten – und Pantelic macht vorne die Tore. Damals hatten wir viele Individualisten. Das ist bei uns anders. Wir sind eine gut organisierte Mannschaft, wir haben viele kleine Diener, jeder erledigt seine Aufgabe mit Fleiß. Das Resultat kann man an der Tabelle ablesen.

Finden Sie, die Mannschaft steht zu Recht dort oben?

Wir können über plusminus drei Punkte diskutieren: Wir könnten drei Punkte mehr haben oder drei weniger. Mehr nicht. Wenn du drei wegnimmst, ist es auch okay. Wenn du drei mehr hast, musst du dir eigentlich an den Kopf packen. Das Schöne ist: Wir haben uns alles erarbeitet. Das ist der Unterschied zum letzten Jahr. Wenn mich letzte Saison jemand gefragt hat, was er uns wünschen soll, habe ich geantwortet: nur Glück. Ohne Glück schaffen wir es nicht. Wenn unsere Tore aus der vorigen Saison Geräusche gemacht hätten, hätte sich das wie in einem Comic angehört: Zack! Bong! Zisch! Oink!

Herthas Entwicklung kommt für viele überraschend. Nur Sie haben das schon im Sommer vorhergesagt.

Aber wo ist die Überraschung, wenn man systematisch arbeitet? Du bist in der Schule ausgebildet, bist Ex-Profi, hast gelernt zu unterscheiden, was ist Quatsch, was nicht; du hast eine Idee, hast die richtigen Spielertypen dafür, dann bekommst du auch eine richtige Ordnung auf den Platz. Bei vielen Mannschaften hat das funktioniert, nur bei Hertha war das systematische Passspiel in den letzten Jahren nicht zu sehen. Aber das kannst du üben, und dafür gibt es tausende Methoden. Jede Mannschaft hat ihre Art, jeder Trainer auch. Wir haben Spielformen, in denen die Taktik gewissermaßen mit drinsteckt. Der Fußball ist so schnell geworden, dass du diese Automatismen einfach brauchst. Ein halber Meter macht den Unterschied. Wenn du der Mannschaft als Trainer einen Plan mitgibst, hast du ihr schon geholfen.

Könnte es ein Problem werden, dass Hertha im neuen Jahr etwas zu verlieren hat?

Ich sehe überhaupt keine Gefahr, weil in dieser Saison nicht zählt, auf welchem Platz wir landen. In dieser Saison zählt nur, dass die Mannschaft die Spielphilosophie durchzieht. Wenn die Jungs das verinnerlichen, hast du für die nächsten Jahre richtig was in der Hand. Dann kannst du dir andere Ziele setzen. Aber wir können nicht von null auf hundert durchstarten. Wir brauchen keine unnötigen Ziele. Weil das nur unnötigen Druck bedeutet. Ein falsches Wort – und am nächsten Tag wird das gleich ausgeschlachtet. Darauf kann ich verzichten. Die Mannschaft muss sich erst einmal mental stabilisieren. Und sie soll es auch genießen, mit diesem positiven Druck umzugehen. Das ist was ganz anderes als der Druck, den du hast, wenn du in der Tabelle hinten stehst.

Sie haben für den DFB-Pokal mit dem Erreichen des Finales das Ziel sehr offensiv formuliert. Was spricht dagegen, auch für die Liga ein hohes Ziel auszugeben?

Dass ich nicht beurteilen kann, ob die Mannschaft schon so weit ist. Wichtig wird sein, wie wir uns nach Weihnachten vorbereiten und wie wir in die Rückrunde reinkommen. Wenn wir gut starten und – pickpack – ganz schnell 40 Punkte haben, kannst du sagen: Ho, ho, Männer, wir müssen reden: Was machen wir jetzt damit? Aber so weit sind wir noch nicht. Es ist viel zu früh, sich schon damit zu beschäftigen. Jetzt ist erst mal Pause, Weihnachten, essen, trinken, geistig wieder frisch sein. Im Kopf entscheidet sich alles.

Wo sehen Sie noch Steigerungspotenzial für das neue Jahr?

Wenn wir das Niveau, das wir jetzt erreicht haben, halten, wird es immer einfacher. Nehmen Sie das Spiel in Nürnberg. Da haben wir uns in der ersten Halbzeit zwei hundertprozentige Torchancen herausgespielt. Das waren keine Käseaktionen. Das war eine gezielte Vorbereitung durch Ballzirkulation, Tempoverschärfung, Spielverlagerung. Wir müssen dahin kommen, dass wir von solchen Chancen vier oder fünf in einer Halbzeit haben. Das andere ist, dass es in der Rückrunde mehr Konkurrenzkampf geben wird.

Pal Dardai (links) als Spieler mit Lucien Favre.
Pal Dardai (links) als Spieler mit Lucien Favre.Foto: Imago

Ist das gut oder schlecht?

Das ist gut. Wenn jemand damit nicht klarkommt, muss er mir das ehrlich sagen. Ich bin nicht nur der Trainer, sondern auch der Mensch Pal, ich kann das verstehen. Aber dann muss der Spieler mit dem Manager reden, weil er hier nichts zu suchen hat. Ein gesunder, guter Konkurrenzkampf – das ist das Beste. Jeder Spieler brennt, ist konzentriert und total auf seine Aufgabe fixiert. Die schwierigste Aufgabe haben wir eigentlich hinter uns: eine Struktur und ein System zu finden, eine Philosophie zu implementieren. Jetzt muss jeder Spieler um seine Position in diesem System kämpfen, weil es für sie noch andere ähnlich gute Spieler gibt. Auch auf der Bank. Ich weiß, dass das hart ist. Ich habe das selbst erlebt. Bei Falko Götz habe ich sieben Monate nicht gespielt. Natürlich ist für mich damals vieles schiefgelaufen, aber für die Mannschaft nicht. Ich habe nicht den Affen gemacht, sondern immer mitgemacht. Ein guter Sportler trainiert hart, und wenn seine Chance kommt, ist er da.

Hatte der Spieler Pal Dardai irgendwelche Eigenschaften, mit denen der Trainer Pal Dardai Probleme gehabt hätte?

Bestimmt hätte ich mit meiner Art mal Ärger bekommen. Ich bin kein einfacher Mensch, aber ich versuche immer, korrekt zu sein. Mir kann jeder seine Meinung sagen. Man muss nur ehrlich sein. Wenn die Spieler meinen: Pal, das war ein Scheiß-Training, werde ich nie beleidigt sein. Ich werde beim nächsten Mal versuchen, ein gutes Training zu machen. Es ist nicht meine Absicht, ein schlechtes Training zu machen oder die Mannschaft mit einer falschen Taktik aufs Feld zu schicken. Ich will nur gewinnen. Das wissen die Spieler, das spüren sie. Ich habe gute Jungs; ich habe einen guten Trainerstab, dem ich tausende Fragen stellen kann. Die ganze Woche über diskutieren wir, bis wir die richtige Lösung gefunden haben. Vor dem Darmstadt-Spiel war es extrem schwierig, ein passendes Konzept zu finden.

Wieso?

Bei Darmstadt ist viel Zufall im Spiel. Langer Ball und wird schon. Wie willst du dagegen pressen? Wie willst du dein eigenes Spiel aufziehen? Ich habe alle möglichen Leute gefragt, Ideen gesammelt, und am Schluss versuchst du, deine Gedanken zu ordnen und einen Spielplan daraus zu entwickeln. Am Abend vor dem Spiel gegen Darmstadt war ich mit Michael Preetz in Mainz. Im Auto habe ich ihm gesagt: „Micha, ich habe immer noch keinen Plan. Das ärgert mich.“ In der Nacht ist mir dann noch was eingefallen, und am Ende hat es ja auch gut ausgesehen, was die Mannschaft gemacht hat.

Kommen Ihnen gute Ideen manchmal im Schlaf?

Ich träume so etwas nicht, ich kann nicht abschalten, wenn ich nicht fertig bin mit meinen Gedanken. Zwei Tage vor einem Spiel will ich eigentlich wissen, was los ist. In diesem Jahr hat es ein, zwei Spiele gegeben, wo das nicht der Fall war. Ich will den perfekten Plan, von dem ich weiß: Damit helfe ich meiner Mannschaft. Das ist meine Verantwortung. Mit Rainer Widmayer kann man immer gut diskutieren, das funktioniert. Ich rede auch ständig mit meinen Vater, der sich unsere Spiele anschaut. Zu viele Meinungen darfst du aber auch nicht einholen. Das verwirrt dich nur. Ich will mich nicht manipulieren lassen.

Sie sind ein sehr authentischer und ehrlicher Mensch, aber eins nehmen wir Ihnen nicht ab: Wenn es irgendwann mit Hertha nicht mehr laufen sollte ...

... gehe ich in den Nachwuchs zurück!

Genau das glauben wir Ihnen nicht.

Niemand glaubt mir das, aber genau so wird es sein! Und dann werden Sie mir ein Essen ausgeben müssen, weil Sie danebengelegen haben. Wissen Sie, was mir das bedeutet, Trainer bei Hertha zu sein, für Hertha zu arbeiten? Ich kenne den Verein und diese Kabine seit gefühlt hundert Jahren. Wenn ich nach Hause komme, mache ich die Tür zu, dann bin ich wieder Familienvater, rede nur noch Ungarisch und bin in meiner eigenen Welt. Wirklich, ich bin ein komischer Mensch. Wenn man mir bei Hertha sagt, es geht nicht mehr – ob das in sechs Wochen ist oder in sechs Jahren –, dann sage ich: Dankeschön, und alles ist gut. Ich gehe im Kabinentrakt einfach eine Etage höher. Mein Schreibtisch steht immer noch in der Nachwuchsabteilung.

Steht in Ihrem Vertrag wenigstens, dass Sie dann wieder ungarischer Nationaltrainer werden dürfen?

Nein, das ist auch nicht meine Absicht. Ich wollte eigentlich immer erst Hertha-Trainer und dann irgendwann Nationaltrainer werden. Jetzt habe ich den Spieß umgedreht. Mit der Nationalmannschaft beschäftige ich mich nicht mehr. Ich bin froh, dass ich im richtigen Moment da war und helfen konnte. Das war schön. Gott sei Dank hat Bernd Storck gute Arbeit geleistet und die Qualifikation für die EM geschafft. Jetzt muss der Verband auch etwas damit anfangen. Die wissen noch gar nicht, wie schön das wird im Sommer.

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