Hitzfeld zum Champions-League-Finale : „Wir haben nie mehr darüber gesprochen“

Ottmar Hitzfeld über das Trauma im Champions-League-Finale vor 20 Jahren, seine Beziehung zu Alex Ferguson und Machtkämpfe beim deutschen Rekord.

Unbegreiflich. Ottmar Hitzfeld nach dem sicher geglaubten Champions-League-Sieg 1999.
Unbegreiflich. Ottmar Hitzfeld nach dem sicher geglaubten Champions-League-Sieg 1999.Foto: Kay Nietfeld/dpa

Herr Hitzfeld, hatten Sie nach den gesundheitlichen Problemen von Sir Alex Ferguson, der Manchester United 1999 als Trainer zum Sieg in der Champions League führte, Kontakt zu ihm?
Ich habe ihm Genesungswünsche per SMS geschickt. Ich kann nicht mit ihm telefonieren, weil ich ihn nicht verstehe.

Wegen seines schottischen Akzents?
Mein Englisch ist einfach nicht gut genug. Aber wir hatten große Duelle zusammen. Schon zu meiner Zeit bei Borussia Dortmund haben wir zweimal gegen United gespielt. Bei Bayern auch, und so ein Finale wie 1999, das verbindet.

Das Finale im Camp Nou war von sieben Begegnungen Ihre einzige Niederlage gegen Trainer-Legende Ferguson. Eine beeindruckende Bilanz.
Ich habe aber zum falschen Zeitpunkt verloren. Als Trainer lernt man aber, fair zu verlieren. United hat daran geglaubt, sie hatten ein super Teamspirit.

Bayern war bis zur 91. Minute überlegen.
Wir waren eigentlich Sieger. Als dann das 1:1 gefallen ist, sind die United-Fans explodiert im Stadion, es war wie ein unglaublicher Orkan. Ich dachte in dem Moment: Schade, jetzt gibt's Verlängerung. Danach wäre ich glücklich gewesen, wenn es Verlängerung gegeben hätte. Die Euphorie hat United mitgetragen, wir waren wahrscheinlich geschockt. Es passierte ja alles in zwei Minuten.

Waren Sie von der Dominanz der Bayern zuvor überrascht?
Mir hat das Spiel gefallen. Die Spieler waren top motiviert. Vor allem Mario Basler war ein bisschen über sich hinausgewachsen in dem Spiel, er war ja immer ein 50:50-Spieler.

Basler hat die Bayern per Freistoß in Führung geschossen, danach gab es weitere Chancen. Carsten Jancker traf die Latte, Mehmet Scholl den Pfosten. Kamen Ihnen da schon Zweifel?
Zweifel nicht. Aber man spürt ja: Das wäre die Entscheidung gewesen. Als Trainer ist man immer konzentriert und hofft auf die nächste Chance. Es bringt nichts, sich Gedanken zu machen. Und es lief ja. Wir hatten das Spiel im Griff.

Wie erklären Sie, was dann passiert ist?
Ich kann es nicht erklären. Deswegen sprechen wir heute noch darüber. Ferguson musste was riskieren, deshalb warf er zwei Spieler ins kalte Wasser. Teddy Sheringham und Ole Gunnar Solskjaer, der das Tor seines Lebens geschossen hat.

Wie haben Sie an der Seitenlinie reagiert, als Sheringham den Ausgleich erzielte?
Mein Gefühl war, dass der Ausgleich unnötig war. Dass der Gegner jetzt den Vorteil hat. Sie kommen aus einer schlechten Situation, wir haben den Matchball vergeben. Da weiß man als Trainer, jetzt wird es heiß. Ich konnte aber gar nichts sagen zwischen den beiden Toren, es ging einfach zu schnell.

Nach dem Spiel hat Ferguson im englischen Fernsehen den berühmten Spruch ausgesprochen: „Football. Bloody hell!“ Was hat er Ihnen nach dem Schlusspfiff gesagt?
Es war sehr emotional, weil wir uns schon kannten und immer viel Respekt voreinander gehabt haben. Wir haben uns auch vom Typ her gemocht. Es gab eine herzliche Umarmung im Tunnel. Obwohl wir uns seitdem öfter gesehen haben, haben wir nie mehr darüber gesprochen. Jeder weiß, wie schön es für den einen ist und wie bitter für den anderen. Die Gesten, die Empathie, die man in dem Moment zeigt, sind wichtiger als tausend Worte.

Wie war es nach dem Spiel in der Kabine?
Es war grabesstill. Eine Horrorsituation. Die Enttäuschung war grenzenlos. Ich habe der Mannschaft gratuliert zur guten Leistung. Es war wichtig, dass wir weiterhin an uns glaubten und nicht anfingen, als Mannschaft auseinanderzufallen oder uns gegenseitig zu kritisieren. Das war die Herausforderung in den Wochen und Monaten danach.

Wie schwer war das? Mit Basler, Stefan Effenberg, Lothar Matthäus gab es eine Menge großer Persönlichkeiten im Team.
Es waren viele Spieler, mit denen man als Trainer sehr streng sein muss. Schon in Dortmund war ich mit Matthias Sammer, Karl-Heinz Riedle oder Jürgen Kohler gewohnt, mit solchen Typen umzugehen. Aber München ist eine Boulevardstadt mit vielen Schlagzeilen. Dortmund war eher Provinz. Als Trainer bin ich strenger in München aufgetreten.

Auch in der Vereinsführung waren große Persönlichkeiten wie Franz Beckenbauer.
Schlimmer war es in Dortmund, als mit Gerd Niebaum der Präsident ein Rechtsanwalt war, und auch mitreden wollte. Mit Beckenbauer gab es nur eine kritische Situation. 2001 hat er nach dem 0:3 gegen Lyon auf dem Bankett gesagt, eine Uwe-Seeler-Traditionsmannschaft hätte besser gespielt. Er hat meine Mannschaft damit beleidigt.

Wie haben Sie darauf reagiert?
Ich habe es öffentlich nicht kommentiert. Ich habe mich intern vor die Mannschaft gestellt. Effenberg wollte vor die Presse gehen und auf Beckenbauer losgehen. Ich habe ihm gesagt: Du kannst das schon machen, aber dann bist du entlassen. Einen Machtkampf gegen Franz Beckenbauer kann man nicht gewinnen.

Ein paar Monate später gewann Bayern dann das Champions-League-Finale gegen Valencia im Elfmeterschießen.
Der Druck war 2001 viel höher als 1999. Ich wollte nicht als der Trainer in die Geschichte eingehen, der mit dem FC Bayern zweimal das Champions-League-Finale verloren hat. Gegen Valencia waren wir nervenstärker. Vielleicht hat uns 1999 da geholfen.

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