Innen- und Sportsenator Andreas Geisel im Interview : "Wir wollen Hertha halten"

Berlins Sportsenator Andreas Geisel spricht im Interview mit dem Tagesspiegel über den Umbau des Olympiastadions, die Zukunft der Leichtathletik und Inklusion im Sport.

Volles Olympiastadion beim Istaf? So ein Bild könnte bald der Vergangenheit angehören. Womöglich verschwindet die Laufbahn im Stadion. Foto: Hannibal Hanschke/dpa
Volles Olympiastadion beim Istaf? So ein Bild könnte bald der Vergangenheit angehören. Womöglich verschwindet die Laufbahn im...Foto: picture alliance / Hannibal Hans

Herr Geisel, jetzt sind Sie Senator für Sport – haben Sie früher auch einmal von einer Karriere als Sportler geträumt?
Das nicht, aber ich habe in meiner Jugend gern im Fußballverein gespielt. Heute schaue ich leider zu viel zu.

Sie waren Torwart, dann hat Ihr Trainer Sie vom Platz genommen, haben Sie einmal erzählt…
Ja, das hat mich schwer getroffen. Da war ich 14 oder 15 Jahre alt, dann war mein Trainer bei Motor Lichtenberg der Meinung, dass ich nicht den Leistungsanforderungen entsprechen würde und hat mich aussortiert, wie das halt so ist. Bei dem einen früher, bei dem anderen später. Ich habe dann in den 90ern viel Squash gespielt, darin war ich ganz gut. Jetzt habe ich ein Abo für ein Sportstudio. Das steht regelmäßig im Kalender und fällt leider regelmäßig anderen Terminen zum Opfer.

Traditionell gehören das Innen- und das Sportressort in der Politik zusammen. Jetzt führen Sie es seit etwa einem Jahr. Passt es zusammen?
Natürlich hat das Sportressort Aufgaben, die bewältigt werden müssen, aber es geht hier nicht um Leib und Leben, wie im Innenressort. Das ist ein schöner Ausgleich. Aber es passt zusammen, weil wir in Zukunft duale Sportlerkarrieren besser fördern möchten. Auf Bundesebene engagiert sich die Bundespolizei hervorragend und da soll sich jetzt die Landespolizei stärker einbringen, ebenso die landeseigenen Unternehmen. Daran arbeiten wir in dieser Legislaturperiode. Da ist der Zugriff nützlich.

Im Februar und März stehen in Südkorea die Olympischen und die Paralympischen Spiele an. Ihr Vorgänger Frank Henkel hat 2014 in Sotschi vorbeigeschaut. Werden Sie nach Pyeongchang reisen?
Der Aufwand ist für den Steuerzahler schwer zu rechtfertigen. Die Kernkompetenz der Berliner Sportlerinnen und Sportler liegt nicht im Wintersport. Wir wissen noch nicht genau, wie viele in Korea an den Start gehen werden, ob sechs oder acht, aber diese Größenordnung scheint mir nicht ausreichend, um zu begründen, dass man mit einer ganzen Delegation nach Südkorea fährt.

Im März geht es für 25 deutsche Paralympische Athleten nach Südkorea. Aus Berlin kommt niemand, in der Stadt gibt es nicht mal ein Parahockey-Team. Muss man das nicht besser fördern?
Man kann dort mehr machen. Wir haben noch kein Förderprogramm aufgelegt, um Spitzensportlerinnen und -sportler im Para-Eissport zu fördern, das ist richtig. Aber die Frage, Sportlerinnen und Sportler zu Spitzenleistungen zu bringen, ist weniger ein Verwaltungsthema. Wenn wir Sportler haben, die für Para-Eishockey in Frage kämen, können wir darüber reden, aber so lange es die nicht gibt, wäre es vermessen, eine Eishalle zu bauen, um das möglich zu machen.

Was kommt zuerst? Der Sportler, der weiß, dass er spitze ist, oder die Halle, in der ein Sportler entdecken kann, ob er spitze ist?
Zuerst muss es die Initiative des Sports geben, die wir aufgreifen. Der Berliner Behindertensportverband ist stark aufgestellt. Ich habe keinen Zweifel, dass der sich einsetzt, wenn Bedarf besteht.

Nach den Sommerspielen in Rio hat der Regierende Bürgermeister zunächst das Olympische Team, dann das Paralympische Team in Berlin empfangen. Was halten Sie von der Idee, solche Veranstaltungen zusammenzulegen?
Ich halte es für eine gute Idee, um ein Zeichen für Inklusion zu setzen, Spitzensportler beider Events gemeinsam zu begrüßen. Das erörtern wir.

Wie sehen Sie grundsätzlich das Verhältnis zwischen Paralympics und Olympischen Spielen?
Das wird immer besser. Die Paralympics sind inzwischen eine absolute Selbstverständlichkeit und wir planen bei Großveranstaltungen ebenso selbstverständlich den Para-Sport mit ein. Gerade hatten wir die Blinden-Fußball-EM, die einen viel größeren Erfolg brachte, als wir es zu hoffen wagten.

Die Mehrheit der Berliner will weder Olympia noch Paralympics in der Stadt haben.
Das halte ich für eine ziemliche Bigotterie. Bei der Stadtentwicklung, gerade im Bereich Barrierefreiheit, und für die Sportinfrastruktur einer Stadt sind mit solchen Events Quantensprünge möglich. Deshalb war ich unglücklich darüber, dass die Berliner Bewerbung nicht zum Zuge kam. Aber die Bürgerinnen und Bürger haben eben das IOC vor Augen. Wenn die Spiele einer Gigantomanie unterliegen und eine Stadt mit entsprechender Verschuldung zurückbleibt, ist das nachzuvollziehen. Man kann aber auch die Olympischen Spiele in London vor Augen haben, die mit schwarzen Zahlen endeten. Das war bei unserer Bewerbung ja der Punkt, dass wir auf einer bestehenden Infrastruktur aufbauen und es nicht zu einer Verschuldung kommt.

Was meinen Sie mit Bigotterie?
Der Breitensport ist unbedingt zu fördern. Aber Spitze und Breite gehören zusammen. Und deshalb ist es bigott, dass wir uns einerseits gegen Großveranstaltungen aussprechen, dann aber der Medaillenspiegel ganz genau gezählt und beklagt wird, dass die deutschen Sportlerinnen und Sportler zurückfallen würden. Wir brauchen solche Großveranstaltungen. Unter sportlichen Gesichtspunkten: Weil Sport Vorbilder braucht, wenn wir Kinder und Jugendliche für ihn begeistern wollen. Und unter touristischen Aspekten braucht die Stadt diese Ereignisse für die Wirtschaftsförderung. Nehmen wir als jüngstes Beispiel das Turnfest 2017. Die Sportgeräte sind danach in den Turnhallen in den Schulen geblieben. Ein unmittelbarer Nutzen für die Stadt.

Ist es denkbar, dass sich Berlin doch einmal für die Spiele bewirbt?
Ja, ich halte das für denkbar, aber das ist dann kein Thema nur für Berlin. Wir brauchen eine nationale Bewerbung.

Andreas Geisel, 51, ist seit 27 Jahren in der SPD und seit Dezember 2016 Senator für Inneres und Sport in Berlin. Zuvor war Geisel von 2014 bis 2016 Senator für Stadtentwicklung und Umwelt.
Andreas Geisel, 51, ist seit 27 Jahren in der SPD und seit Dezember 2016 Senator für Inneres und Sport in Berlin. Zuvor war Geisel...Foto: Monika Skolimowska/dpa

Im August findet die Para-Leichtathletik-EM im Jahn-Sportpark statt. Kurz davor findet im Olympiastadion die Leichtathletik-EM statt. Der Jahn-Sportpark ist ziemlich marode und zugig. Wieso können die Behindertensportler nicht auch im Olympiastadion starten?
Wir wollen die Athleten nicht vor leeren Rängen antreten lassen. Wir arbeiten schon sehr daran, dass die Leichtathletik-EM dieses Jahr mit entsprechender Resonanz laufen wird. Wir wollen deshalb eine Europameile am Breitscheidplatz einrichten, für die Fans, um Aufmerksamkeit zu schaffen. Denn so groß die EM auch sein wird, in einer Metropole wie Berlin kann die schnell untergehen. Die Idee ist, wie beim Turnfest 2017, das Event in die Stadt zu tragen und möglichst viele teilnehmen zu lassen. Die 70.000 Plätze im Olympiastadion sind eine Herausforderung – die letzte EM in Zürich hatte eine Höchstbelegung von 14 000. Das müssen wir weit übertreffen. Das ist bei Para-Leichtathletik eine noch größere Herausforderung.

Dabei ist es doch schon schwer genug, das Stadion beim Istaf voll zubekommen.
Das Istaf war ein Erfolg, auch weil wir neue Ideen umgesetzt haben. Wir hatten die Laufbahn auf der Ostseite mit einer Brücke überbaut und dort die Siegerehrungen abgehalten. So waren wir näher an den Zuschauern. Das Olympiastadion war gut gefüllt. Das muss man erst einmal schaffen.

Andernorts werden die neuen Ideen oder Vorhaben nicht so schnell umgesetzt. Für den Jahn-Sportpark gibt es einen Masterplan. Für 170 Millionen Euro soll das Stadion umgebaut werden. Anscheinend wird das aber erst ab 2021 angegangen. Wieso dauert das so lange?
Weil das sehr viel Geld ist. Und weil wir uns dafür entschieden haben, dass wir Schulen in Berlin sanieren und den öffentlichen Nahverkehr besser ausstatten als bisher. Weil die Mitarbeitenden der öffentlichen Verwaltung besser bezahlt werden müssen und weil wir mehr Mitarbeitende in der öffentlichen Verwaltung brauchen. Wir können nicht alles gleichzeitig finanzieren.

Ist nicht zumindest eine Teilsanierung des Jahn-Sportparks vor 2021 möglich?
Ein Quasi-Neubau des Stadions will genau geplant sein. Der Betrieb des Stadions müsste eingestellt werden, weil es an vielen Stellen nicht mehr den heutigen Standards entspricht. Wenn wir das neu bauen, dann müssen wir das auch mit einer Vision machen. Und die Vision muss die von einem modernen, barrierefreien Leichtathletik-Stadion sein, das die vielfältigste Art von Sport ermöglicht. Es ist noch keine Entscheidung gefallen, ob wir das Stück für Stück angehen. Sicher ist es eine Frage des Geldes. Aber dass wir etwas tun müssen, ist unstrittig. Wir sind die Planungen mit einem Stadion für 20 000 Zuschauer angegangen, wollen aber nun 30 000. Weil das nur acht Millionen Euro mehr kostet. Wenn wir Leichtathletik-Großveranstaltungen haben wollen, dann brauchen wir 30.000 Plätze. Und der Jahn-Sportpark wird auch für Fußballspiele der Regionalliga benötigt und hoffentlich mal wieder für Drittligaspiele.

Künftig gäbe es dann im Olympiastadion aber keine Leichtathletik mehr. Bekommt Hertha BSC den Stadionumbau also?
Die Entscheidung steht noch aus. Wir sind dabei, die einzelnen Sachverhalte zu überprüfen und müssen sehen, was baulich und architektonisch möglich ist.

Es könnte sein, dass aus dem Olympia- ein Fußballstadion wird? Ohne Laufbahn?
Ich fange mal so an: Ich verstehe die Leichtathleten. Aber eine Leichtathletik-Weltmeisterschaft oder Europameisterschaft findet im Durchschnitt alle 17 Jahre im Olympiastadion statt. Hertha spielt dort 17 Mal im Jahr oder häufiger. Die Wirtschaftlichkeit eines solchen Stadions muss gewährleistet werden. Wenn man also sagt: Leichtathletik muss weiter im Olympiastadion stattfinden, dann muss man auch eine Antwort darauf geben, wie man das wirtschaftlich gestalten kann. An der Nutzung von Hertha hängen über 50 Prozent der Veranstaltungen im Olympiastadion. Wenn Hertha also zu uns sagt: Wir haben ein Problem – dann sind wir gut beraten, darüber zu reden. Mit dem Ziel, Hertha in der Stadt zu halten. Für die Laufbahn kann man auch mobile Varianten finden, wenn man das will und ein Stadion von der Größe des Olympiastadions für eine Leichtathletikveranstaltung benötigt. Das ändert aber nichts daran, dass wir dauerhaft ein leistungsfähiges Leichtathletikstadion für bis zu 30.000 Zuschauer brauchen und das soll der Jahn-Sportpark werden.

Die Idee vom Umbau des Olympiastadions ist nicht neu.
Nein, die gab es schon vor der WM 2006. Es gibt verschiedene Varianten. Die werden alle geprüft. Genau wie auch Herthas Plan vom Stadionneubau auf dem Olympiagelände, wobei der Neubau fast 50 Prozent mehr Fläche in Anspruch nähme als zunächst gedacht. Ich brauche viele Flächen um das Stadion herum, Fluchtwege und so weiter. Wir müssen alle Varianten gut durchrechnen.

Andernorts rechnen Sie auch noch. Die Sanierung des Sportforums stockt. Warum?
In die Sanierung werden jetzt 22 Millionen Euro gesteckt, über das Sonderprogramm ,Wachsende Stadt Berlin’. Das ist schon eine deutliche Förderung. Wobei ich sagen muss, dass sich die Sportstätten im Sportforum im Bundesvergleich in einem guten Zustand befinden.

Das Abgeordnetenhaus hat schon vor zwei Jahren einen Plan zur Sanierung gefordert...
Ja und den setzen wir jetzt um. Wir haben fünf oder sechs Hallen, die jetzt umgebaut werden. Das ist finanziell untersetzt. Das Sportforum steht im nationalen und internationalen Vergleich sehr gut da. Die Überlegung, dass wir uns national mit den Stützpunkten verschiedener Sportarten besser aufstellen müssen, ist aber absolut richtig. Ein fünfter Platz im Medaillenspiegel ist gut, aber es kann noch besser werden. Bei der Sportförderung ist Deutschland zu schlecht aufgestellt, da spielt Geld eine Rolle. Hier ist der Bund noch stärker gefordert als bisher. Wenn Berlin sich als Sportmetropole behaupten will, brauchen wir mehr Geld und müssen es langfristig an den richtigen Stellen ausgeben.

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