Interview mit dem Davis-Cup-Teamchef : Carsten Arriens: "Am Ende entscheide ich"

Davis-Cup-Teamchef Carsten Arriens spricht im Interview mit dem Tagesspiegel über mündige Profis, die Aufbruchstimmung im deutschen Männertennis und seine Vorstellung von Nationalstolz.

Carsten Arriens, 43, wurde vor wenigen Wochen zum Nachfolger von Patrick Kühnen als Teamchef deutschen Davis-Cup-Mannschaft ernannt. Er fungiert zudem als Bundestrainer. In seiner Profilaufbahn schaffte er bis auf Platz 109 der Tennisweltrangliste.
Carsten Arriens, 43, wurde vor wenigen Wochen zum Nachfolger von Patrick Kühnen als Teamchef deutschen Davis-Cup-Mannschaft...Foto: picture alliance / dpa

Herr Arriens, was war in den ersten Wochen Ihrer Amtszeit die größte Herausforderung?

Die bestand darin, einen Überblick zu bekommen. Das Konzept findet ja nicht nur auf Davis-Cup-Ebene statt, sondern ist weitreichender. Ich war z. B. gerade bei den deutschen Jugendmeisterschaften. Ich habe sehr viele Gespräche geführt, mich um organisatorische Dinge gekümmert, es gab eine Fülle von Anrufen und Emails. Besonders im U18-, U21-, U23-Bereich habe ich bemerkt, wie wichtig es ist, den Kontakt mit den Spielern und Heimtrainern zu halten.

Spüren Sie eine Art Aufbruchstimmung?

Alle haben Lust, mit mir und Michael Kohlmann zusammenzuarbeiten. Es gab bisher überall positive Rückmeldungen, das freut mich sehr. Viele sagen: 'Klasse, was ihr vorhabt und toll, dass ihr euch meldet.' Es ist eine Menge zu tun, aber dem wollen wir uns ja auch stellen. Nur braucht das einfach Zeit.

Hat Ihnen der DTB denn zugesichert, dass Ihre Ideen finanziert werden?

Eine Garantie oder Sicherheit konnte mir der DTB nicht geben. Aber ich habe ein Budget in Eigenverantwortung, auch wenn es nur ein kleines ist. Mit dem kann man einiges umsetzen bis ins nächste Jahr. Bis dahin, hieß es, sind die Gespräche so weit, dass wir dann den Topf auffüllen können, damit das Konzept auf allen Ebenen immer mehr anläuft.

Sie haben inzwischen mit allen Spielern aus dem Davis-Cup-Team gesprochen, sich teils auch mit ihnen getroffen. Was haben Sie ihnen gesagt?

Dass es ein Neuanfang ist. Das vergangene Jahr möchte ja wirklich keiner wiederhaben. Von daher schauen jetzt alle, dass sie da mitziehen. Der ein oder andere hat auch gemerkt, dass die Außendarstellung vielleicht nicht immer optimal war. Ich habe das Gefühl, alle sind momentan sehr sensibel im Sinne von: Wir schauen, was ist gut fürs Team, fürs deutsche Tennis, für mich. Und vielleicht erkennen sie jetzt: Wir sitzen ja alle in einem Boot. Wir wollen den Sport positiv darstellen und da kann ich auch meinen Teil dazu beitragen.

Fürchten Sie nicht neuen Ärger, wenn es mal nicht so läuft? Sie setzen ja auf die selben Spieler wie bisher.

Ich glaube, dass ich gerade in den kommunikativen Dingen gut bin. Jeder weiß, was von ihm erwartet wird und woran er ist. Das habe ich sehr deutlich gemacht. Die Schwierigkeiten, die es gab, waren am Ende ja auch mit Patrik Kühnen als Person verbunden. Wer immer dabei Recht oder weniger Recht hatte, ist Geschichte. Ich bin jetzt der Ansprechpartner und mit mir gibt es keine Konflikte.

Ein Streitpunkt war stets die späte Nominierung fürs Team. Wie werden Sie das handhaben?

Ich habe mich entschieden, einige Wochen früher zu nominieren. Vermutlich noch in diesem Jahr. Über das Wunschteam muss man ja nicht lange herumreden, es wären Kohlschreiber, Mayer, Haas und Petzschner. Normalerweise würde ich mich etwas bedeckt halten, aber in diesem Fall ist es so klar. Drei davon sind fest dabei, ich hoffe, dass Haas dazu kommt. Bei ihm liegt es mit seinen 35 Jahren einfach an seinem Körper.

Es spielt also keine Rolle, wer bei den Australian Open sonst gut abschneidet?

Wenn einer völlig überraschend das Turnier gewinnt, hätte sicher keiner etwas dagegen, ihn nachzunominieren. Aber ich glaube, so fahren wir am besten. Die Spieler haben etwas früher Klarheit, können besser planen. Das war ihr Wunsch, und das haben wir gemeinsam jetzt so festgelegt.

Sie wollen die Spieler also zu mündigen Partnern machen?

Mündig gefällt mir. Die sind alle Ende 20, Anfang 30, die sollen ihren Mund aufmachen. Dafür habe ich die Gespräche jetzt auch geführt. Ich will ihre Kommentare nicht in einem halben Jahr oder Jahr hören, sondern jetzt. Da durften sie deutlich sagen, was sie wollten. Und ich nehme sie in die Verantwortung. Sie fanden das klasse und hatten das Gefühl, ernst genommen zu werden. Bei so erfahrenen Spielern muss man auch ein bisschen gemeinsam gestalten. Sie wissen aber: Am Ende entscheide ich.

Sie haben bei Ihrer Vorstellung gesagt, dass Sie die deutsche Hymne nicht mitsingen wollen. Warum?

Ich habe nichts dagegen, wenn jemand inbrünstig die Hymne mitsingt. Ich konnte nur mit dem Nationalgedanken nie wirklich viel anfangen. Ich finde es einfach im Jahr 2012 nicht mehr so zeitgemäß – alles wächst zusammen, wir reden ständig über Europa. Ich muss nicht auf der Brust tragen, dass ich stolz bin, Deutscher zu sein. Es ist auch keine Leistung, in einem Land geboren worden zu sein. Es ist ein Glück, auch, dass es mir so gut geht. Ich habe mich in den letzten zehn Jahren eben viel mit Meditation und existenziellen Fragen beschäftigt, das war immer mein Thema. Ich würde aber niemandem den Nationalstolz wegnehmen. Nur habe ich dieses Gefühl nicht.

Sie würden sich aber trotzdem freuen, für Deutschland den Davis Cup zu gewinnen?

Es geht mir mehr um den Teamgedanken: Gemeinsam zu gewinnen und das noch mal auszuweiten auf alle anderen, die anwesend sind. Ohne Zuschauer geht es nicht, es ist ein Zusammenschluss. Eine Interaktion. Diese Energie zu spüren, in Verbindung mit allen zu sein, die Emotionen, die Stresssituation und dann die Glücksgefühle. Das ist das Besondere.

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