• Interview mit Eishockey-Bundestrainer Toni Söderholm: „Was in Schweden passiert, ist doch komisch“

Interview mit Eishockey-Bundestrainer Toni Söderholm : „Was in Schweden passiert, ist doch komisch“

Toni Söderholm spricht über Schweden, die schon wieder auf dem Eis sind, Positives in der Zeit des Coronavirus und über die Zukunft seiner Nationalmannschaft

Redseliger Finne. Toni Söderholm hat viel zu Erzählen.
Redseliger Finne. Toni Söderholm hat viel zu Erzählen.Foto: dpa/p-a

Toni Söderholm, 42, übernahm am 1. Januar 2019 das Amt des Eishockey-Bundestrainers von Marco Sturm. Zuvor hatte der Finne in Deutschland beim SC Rießersee als Trainer gearbeitet und war Co-Trainer bei RB München. Als Spieler wurde Söderholm 2007 mit Finnland Vizeweltmeister und spielte anderem für HIFK Helsinki, den SC Bern und RB München. Söderholm hatte bereits als Co-Trainer für die deutsche U-20-Auswahl gearbeitet, mit der A-Nationalmannschaft erreichte er 2019 bei der WM in der Slowakei das Viertelfinale.

Toni Söderholm, eigentlich sollten Sie an diesem Wochenende in Lausanne bei der Eishockey-Weltmeisterschaft hinter der deutschen Spielerbank stehen, doch die Krise hat das verhindert. Nun sind sie in ihrer Heimat statt in der Schweiz. Wie geht es Ihnen?

Als die Grenzen zugemacht wurden, bin ich nach Finnland gereist. Ich wohne mit meiner Familie in Espoo, nahe Helsinki. Was meine Gemütslage betrifft: Ich habe das Gefühl vom Nichtspielen schon so verinnerlicht, ich denke heute nicht mehr an das, was hätte sein können. Ich bin die meiste Zeit mit meiner Familie im Haus. Ab und an gehen wir raus, die Situation und die Beschränkungen sind so wie in Deutschland und werden jetzt langsam gelockert. Die Schulen öffnen am 14. Mai wieder, was gut ist.

Warum? Ist der Lehrer Söderholm weniger erfolgreich als der Eishockey-Bundestrainer Söderholm?

Bei meiner Ältesten habe ich kürzlich online eine Frage an die Lehrerin gestellt, weil ich etwas wohl eher Triviales nicht wusste. Das war mir etwas peinlich, man landet in diesen Tagen ganz schnell auf dem Boden. Aber es das hat doch etwas Gutes, nun lerne ich, an Grundlagen zu arbeiten, auch in Mathematik.  

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Sie können der Zwangspause auch etwas Positives abgewinnen?

Ja, ich kann der ganzen Situation Positives abgewinnen. Für mich war die erste Phase in dieser Zeit schwierig, aber jetzt bin ich innerlich zur Ruhe gekommen. Und dann habe ich bedeutsame Dinge gemacht, die mit Arbeit zu tun haben. Man kann die Zeit auch nutzen, um sich selbst zu reflektieren. Als Sportler oder Trainer oder Mensch oder was auch immer. Das kann jetzt auch der Anfang von etwas Neuem sein.

Was sind denn die bedeutsamen Dinge, die Sie so machen?

Ich habe intensiven Kontakt zu den Nationalspielern, schreibe ihnen viele Emails. Das ist schon anders als sonst, da rufst du die nur an. Ich lerne die Spieler durch die neue Art des Kontakts neu kennen und das ist sehr wertvoll, bringt mir Erkenntnisse, wie wir weiterarbeiten müssen. Man muss seine Sportler kennen, wenn man etwas aus denen herausholen will - und diese Zeit jetzt kann man zum Kennenlernen nutzen.

Zu welchen Spielern haben sie denn Kontakt?

Im großen Kader haben wir 70 Spieler auf der Longlist. Da sind alle drauf, von den ganz jungen bis zu den NHL-Spielern. Mit all denen bin ich in Kontakt. Zumindest habe ich allen die Möglichkeit gegeben, mit mir in Kontakt zu treten. Aber das müssen sie nicht machen.

"Ehrlich gesagt: Gesundheit geht vor, das sollten wir alle akzeptieren und respektieren"

Wie oder wann kann es denn mit Ihrer Sportart weitergehen?

Wenn grünes Licht kommt, haben wir einen Plan, der sofort an den Start gehen kann. Wir wollen dann sofort loslegen können und bereiten einen Plan vor für die U-Mannschaften und die Frauen. Für die A-Mannschaft wäre der Deutschland Cup im November die erste Maßnahme, und ich würde natürlich sehr gerne den Deutschland Cup auch ganz normal spielen können. Aber wir wissen nicht, wann die DEL loslegt. Ehrlich gesagt: Gesundheit geht vor, das sollten wir alle akzeptieren und respektieren.

Dabei lief die abgebrochene Saison aus Ihrer Sicht in der DEL sicher gut. Mit Tim Stützle, John-Jason Peterka und Lukas Reichel haben sich drei junge deutsche Spieler in den Vordergrund gedrängt. Sie werden jetzt vor dem NHL-Draft ganz groß gehandelt. Das muss Sie doch freuen. 

Ja, die Jungs haben viel Talent und sie haben sich wahnsinnig entwickelt, auch als Menschen. Klar, sie haben gut gespielt, aber sie sind fokussiert und bodenständig geblieben. Dabei wollen die Leute rechts und links was von ihnen, jeder will an sie ran. Aber ihre Klubs haben sie so geschützt, dass sie zur besten Version von sich selbst werden können und bis jetzt konnten.

"In Schweden dürfen sie trainieren. Das finde ich merkwürdig"

Das WM-Turnier hätten den Dreien sicher geholfen in ihrer Entwicklung? Da fehlt denen jetzt ein Stück, oder?

Ja, in diesem Zusammenhang gibt es etwas, was mich aufregt. Auch wenn es jetzt ein anderer Punkt ist. In Schweden dürfen sie momentan trainieren und sind alle wieder auf dem Eis, das finde ich schon ein bisschen komisch. Und in der restlichen Welt darfst du gar nichts machen.

Allerdings gibt es in Schweden auch im Verhältnis mehr Todesfälle nach Erkrankungen am Coronavirus…

Ja, genau. Ob die den richtigen Weg gehen oder nicht, weiß ich nicht. Bloß im sportlichen Bereich finde ich das schon seltsam, was da passiert. Zurück zu Stützle und den anderen Beiden: Ich weiß nicht, ob alle drei gespielt hätten bei der WM.

Sie wollten bei der WM in der Schweiz ohnehin ihre Mannschaft früh zusammenstellen und nicht kurz vor dem Turnier noch groß verändern, etwa mit Spielern der DEL-Finalisten. Finnland ist bei der WM 2019 mit dieser Herangehensweise Weltmeister geworden, die haben auf große Stars verzichtet.

Sehen wir es doch so: Wenn eine Finalserie in der DEL sieben Spiele dauert, ist das genau sechs Tage vor der WM vorbei. In welcher Verfassung kommen da die Spieler zur WM und was macht es mit der Chemie der Mannschaft? Da war es eine Überlegung, auf Spieler aus der Finalserie weitgehend zu verzichten, weil aus der NHL auch Spieler ihr Interesse für WM gezeigt haben und sowieso noch Spieler sehr spät zum Kader gestoßen wären. Wir überlegen uns in der Planung und während der Vorbereitung, ob es uns besser oder schlechter macht, dass wir die letzten Tage vor der WM viele Spieler austauschen. Wenn wir viele Spieler kurz vor dem Turnier dazubekommen, ist es eine große Herausforderung, eine Einheit zu formen. Wir können in den letzten zehn Tagen doch nicht die halbe Mannschaft austauschen, das wird kein homogenes Team.

Ihnen verstehen sie. Der Finne Toni Söderholm spricht exzellent Deutsch (hier beim Deutschland-Cup im November 2019).
Ihnen verstehen sie. Der Finne Toni Söderholm spricht exzellent Deutsch (hier beim Deutschland-Cup im November 2019).Foto: Imago/ActionPictures

Ist der Vorteil eingespielt zu sein so groß, wenn die anderen Mannschaften mit ihren Topstars kommen?

Wie bewerten Sie denn unsere Spieler? Wir reden immer von Topstars anderer Länder, ohne das wir überlegen, wie gut unsere Spieler sind.

Oft spielen in der deutschen Liga ausländische Profis die tragenden Rollen. Marcel Noebels von den Eisbären und Daniel Fischbuch aus Nürnberg haben zuletzt herausragend gespielt, sind Anführer ihrer Mannschaft. Die Jahre davor ist ihnen das nie so gelungen. Wurden die Beiden einfach nur falsch eingesetzt?

Ich kann nicht genau sagen, was da bisher passiert ist. Ob die Spieler dieselben Möglichkeiten bekommen oder nicht bekommen haben. Aber in der vergangenen Saison haben sie ihre Rollen und ihr Potenzial sehr gut ausgenutzt. Deshalb war so ein Wechsel wie der von Daniel von Berlin nach Nürnberg nur gut, da hat er eine komplett neue Rolle bekommen und sich gefunden.

Die deutschen Spieler haben in der DEL insgesamt vielleicht nicht den Bonus, den ausländische Profis genießen. Es gibt Mannschaften wie Bremerhaven, in denen deutsche Spieler keine Rolle spielen. Würden Sie einem jungen Spieler empfehlen, dort hinzugehen?

Ein junger Spieler muss eine Rolle haben - und die kann er in Berlin oder Bremerhaven haben. Ich sage es mal so: Bremerhaven wäre ja eigentlich ein perfekter Standort für die Entwicklung junger Spieler. Die haben einen sehr, sehr guten Trainer, der die Spieler unterstützt. Du hast gute Trainingsmöglichkeiten dort, du hast Ruhe da oben im Norden und sehr gute Fans. Du hast gutes Potential dort.

Ist es nicht eigentlich seltsam, dass die größten Klubs der Liga, Mannheim und München, mit ihrem Geld am meisten für den Nachwuchs machen. Die haben Akademien, viele Trainingshallen und fördern ihre jungen Spieler. Dabei könnten sich diese Klubs auch alles zusammenkaufen.

Die entwickeln Spieler, einige behalten sie, andere nicht. Sie geben den jungen Spielern die Chance, an ihre Grenzen zu gehen. Diese Klubs investieren eben mehr, haben viele Trainer. In kleineren Klubs ist das schwieriger, wenn sich ein überarbeiteter Trainer um alles kümmern muss.

Sie sind Ende 2018 der Nachfolger von Marco Sturm geworden, zu einem Zeitpunkt, als dem deutschen Eishockey mit der olympischen Silbermedaille ein großer Erfolg gelungen war. Bei der WM vergangenes Jahr sind sie dann bis ins Viertelfinale gekommen, dort etwas unglücklich hoch beim 1:5 an Tschechien gescheitert. Wie sehen sie die Entwicklung des deutschen Eishockeys?

Insgesamt absolut positiv. Es ist ja nicht so, dass hinter Stützle und den anderen nichts nachkäme, da kommt noch viel in den nächsten Jahren. Aber wir sollten nicht immer in die Ferne schauen. Ich bin der Meinung: Bei der WM letztes Jahr war noch mehr drin - und das ist auch eine positive Sache. Was ich gut finde, dass wir international bei den Spielern mehr Qualität haben, als wir selbst gedacht haben. Das Selbstbewusstsein ist stärker geworden, aber da gibt es noch mehr Möglichkeiten. Wir müssen unsere Identität stärken. Wenn die Möglichkeit da ist, müssen wir sie nutzen. Ich hasse es einfach, wenn wir das nicht machen, wie in dem Viertelfinale der WM gegen Tschechien. Wir müssen mit Killerinstinkt spielen, egal, wer der Gegner ist. Wenn wir ihn schlagen können, müssen wir ihn schlagen. Im Topspiel müssen wir ein Topspiel liefern, 90 Prozent reichen nicht.

"Es gibt keine großen oder kleinen Gegner"

Gegen große Gegner sicher nicht.

Mich stört es, dass man im deutschen Eishockey zu oft von großen und kleinen Gegnern redet. Das kommt aus der Vergangenheit, man schützt sich mit so einer Behauptung bei einer Niederlage. Dabei ist das mental komplett der falsche Weg, die völlig falsche Vorbereitung. Wir tun unseren Jungs auch unrecht, wenn wir sie so klein machen…

Die Tschechen haben aktuell keinen Leon Draisaitl, oder?

Nein. Und daher kommen wir mit dem Kleinreden mental auch nicht weiter. Wir müssen uns sagen: Wir haben einen Gegner und den schlagen wir. Wir sollten nicht im Kopf haben, dass wir gegen das Land verlieren können oder gegen einen sogenannten kleinen Gegner nicht verlieren dürfen. Solche Gedanken darfst du vor einem Spiel nicht haben.

Das ist klingt so nach der Mentalität, mit der die Finnen zuletzt vom Außenseiter zum Weltmeister wurden. Wie wird denn eigentlich Ihre Arbeit in Finnland gesehen?

Positiv. Ich bekomme viel Unterstützung, habe viele Kontakte, die Kollegen wollen wissen, wie das in Deutschland so läuft.

Wie läuft es denn für sie so in Deutschland? Sie sprechen wahnsinnig gut Deutsch, haben gesagt, dass sei nötig um die Mentalität der Menschen zu verstehen.

Also wahnsinnig gutes Deutsch – ich weiß nicht. Aber im Ernst, in der Kabine der Nationalmannschaft ist es wichtig, dass der Trainer deutsch spricht. Das ist wichtig für die Identifikation des Teams.

Was ist denn Ihr größter Wunsch für die Zukunft?

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