"Özils Erfolg wurde durch Thilo Sarrazin zertrümmert"

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Interview mit Philosoph Gebauer : "Der Sport hat jede Vorbildwirkung verloren"

Der organisierte Sport spricht von einer Pyramide: Wir brauchen oben Idole, damit unten Jugendliche mit Sport anfangen, anstatt sich vor den Computer zu setzen.

Das hatte sich Pierre de Coubertin in den zwanziger Jahren des 20. Jahrhunderts ausgedacht. Aber dadurch wird sie nicht zutreffender. Man kann natürlich sagen, wenn ein Land sehr erfolgreiche Sportler hat, zieht das die Jugendlichen in diese Sportarten. Da entsteht ein großer Sog. Aber es gibt auf der anderen Seite auch ganz viele Sportarten, die ohne jedes Idol auskommen: Straßensportarten, Abenteuersportarten wie Mountainbike, Skateboard, Inline-Hockey. Es gibt zwar keine Zahlen, aber Schätzungen, nach denen die Hälfte der Jugendlichen von solchen Sportarten angezogen wird. Die denken gar nicht daran, in einen Sportverein zu gehen. Sie wollen auch mit den Idolautoritäten des Sports nichts zu tun haben.

Also ist diese Pyramide eine weitere Lebenslüge des Sports?

Würde ich sagen. Denn sie hilft, den Spitzensport zu rechtfertigen. Indem man sagt, der Spitzensport muss gefördert werden, weil dann der Nachwuchs kommt. Aber so einfach ist es nicht. Der Nachwuchs kommt eventuell, wenn irgendwo jemand hoch im Kurs steht. Aber wir sehen mindestens genauso viele, die den Spitzensport ablehnen – ohne auf Leistung zu verzichten. Also wenn man sich Skateboarder anschaut, sieht man teilweise ganz erstaunliche Leistungen auf Treppengeländern und Granitplatten und so weiter, atemberaubende Dinge. Dafür brauchen sie keine Vorbilder. Und wenn sie Vorbilder haben, sind es ihre Kameraden, die ganz besonders gut sind. Das ist ein normaleres Verhältnis.

Haben Spitzensportler dann für die Gesellschaft überhaupt eine Bedeutung?

Im Allgemeinen nicht. Das ist vorbei. Es wäre natürlich unfair, zu sagen, es gibt keine eindrucksvollen Sportler mehr. Aber man muss sehr vorsichtig sein. Ich finde, die Sportverbände machen es sich viel zu einfach, indem sie behaupten, dass ihre Spitzensportler die leuchtenden Vorbilder unserer Gesellschaft sind. Aber was sagt denn ein leuchtendes Vorbild wie Magdalena Neuner? Dass sie aus dem Sport ausscheidet, weil sie genug davon hat, von den Sportfunktionären bei den Olympischen Spielen im Deutschen Haus hin- und hergeschubst und gar nicht ernst genommen zu werden.

Armin Hary, für Gebauer eine Enttäuschung.
Armin Hary, für Gebauer eine Enttäuschung.Foto: picture-alliance/ dpa

Aber Sportler strahlen doch in irgendeiner Weise auf die Gesellschaft aus, als Rollenmodell. Zum Beispiel Oksana Tschussowitina zur Vereinbarkeit von Familie und Spitzensport. Sie ist schon Mutter und gewinnt im weiblichen Turnen, in dem sonst nur Minderjährige erfolgreich sind, mit 36 Jahren noch eine WM–Medaille.

Das ist grandios. Rollenmodell ist ein guter Ausdruck dafür. Da kann der Sport eine ganze Menge liefern. Aber das ist nicht dasselbe wie ein Vorbild. Ein anderes Rollenmodell ist, wie man Studium und Hochleistungssport vereinbaren kann, auch das kann der Sport zeigen. Also Olympiasieger und hinterher Zahnarzt wie der Fechter Arnd Schmitt. Man muss sagen, dass Sportler deshalb so gut für so ein Modell geeignet sind, weil es sehr willensstarke Personen sind mit phantastischem Zeitmanagement und unglaublicher Selbstdisziplin. Leider bringt der Sport gar nicht so rüber, welche imponierenden Lebensläufe er hat.

Was ist mit Mesut Özil als Beispiel für erfolgreiche Integration?

Ich glaube, dass er in der türkischen Community als ein Vorbild für gelungene Integration gilt und ich finde völlig zu Recht. Solche Gruppen ringen um Anerkennung in der Gesellschaft. Da hat Sport noch eine klassische Aufstiegsfunktion. Einer von uns schafft es. Und dadurch bekommt nicht nur er Ansehen, sondern die ganze Gruppe. Nun hat man leider gesehen, dass Özils Erfolg im Frühsommer 2010 in Südafrika durch den Bestsellererfolg von Thilo Sarrazin im Spätsommer grandios zertrümmert worden ist. Das Komische war, dass Sarrazin weitgehend unwidersprochen vor seinem Publikum behaupten konnte, Türken würden zu dieser Gesellschaft kaum etwas beitragen. Ich fand das bemerkenswert, weil das in Frankreich 1998 auch passiert war…

…die Equipe multiculturelle, die Fußball-Weltmeister wurde...

...ja 1998. Und 2000 kam Le Pen in die Stichwahl ums Präsidentenamt.

Gunter Gebauer, 67, ist Professor für Philosophie an der Freien Universität Berlin. In seiner wissenschaftlichen Laufbahn hat er sich intensiv mit der Philosophie und Soziologie des Sports beschäftigt.

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