Istaf in Berlin : Robert Hartings starker Abschied

Beim Internationalen Stadionfest verabschiedet sich der Olympiasieger von 2012 mit viel Applaus und Platz zwei. Besser ist nur sein Bruder.

Tschüss. Robert Harting winkt den Fans im Berliner Olympiastadion ein letztes Mal zu.
Tschüss. Robert Harting winkt den Fans im Berliner Olympiastadion ein letztes Mal zu.Foto: Soeren Stache/dpa

Den einen Versuch hatte er noch nach diesem langen Sportlerleben, nach 18 Jahren Leistungssport. Robert Harting stand am Sonntagabend kurz vor 18 Uhr im Berliner Olympiastadion. Er blies die Backen auf. Ob ihm im Zeitraffer große Momente seiner Karriere durch den Kopf gegangen sind? Wie er an Ort und Stelle vor neun Jahren im letzten Versuch Weltmeister wurde und das Maskottchen Berlino huckepack nahm? Oder wie er drei Jahre später bei den Olympischen Spielen in London siegte und seiner Freude durch einen spontanen Hürdenlauf Ausdruck verlieh? Harting blies also die Backen auf.

Dann drehte er seine Kreise im Ring und Robert Harting wäre nicht Robert Harting hätte er zum Abschied nicht noch einmal besonderen Gruß an seine Fans geschickt. Er feuerte den Diskus auf 64,95 Meter. Die 45 500 Zuschauer im Berliner Olympiastadion jubelten ohrenbetäubend laut. Es war ein großer Wurf zum Schluss. Auch wenn er bei der 77. Auflage des Leichtathletik-Meetings für den Sieg nicht reichte. Sein jüngerer Bruder Christoph hatte um winzige 72 Zentimeter weiter geworfen, Robert wurde Zweiter. Das wiederum barg schon einem Hauch von Tragik. Denn die beiden mögen sich nicht mehr. Sie sind mehr Rivalen denn Brüder.

Trotzdem, und auch das war das Schöne an diesem Abschied, spielte das am Sonntag keine Rolle. „Ich will jetzt nicht mehr lange quatschen“, sagte Robert Harting kurz nach dem Wettkampf. „Ich freue mich, wenn ich jetzt noch eine Runde durchs Stadion laufen kann und alle dableiben.“ Diesem rührenden Wunsch wollte sich kaum jemand widersetzen. Harting wickelte eine große Deutschland-Fahne um sich und lief die blaue Tartanbahn des Olympiastadions ab. Im Schlepptau befanden sich viele Athleten. Sie alle applaudierten ihm, auch sein Bruder Christoph.

Eine erfolgreiche 77. Auflage

Auch von vorne betrachtet war die 77. Auflage des Meetings geglückt. Schon am frühen Nachmittag hatten sich lange Schlangen an den Einlässen des Olympiastadions gebildet. Nach der erfolgreichen Europameisterschaft drei Wochen zuvor hatte es Befürchtungen gegeben, dass das Zuschauerinteresse nach Leichtathletik in der Stadt erst einmal erlahmt sei. Dem war aber nicht so.

Schon bei den Schulstaffeln feuerten tausende Zuschauer die Kinder an. Gerade bei den Kleinen spielten sich mittelschwere Dramen ab. Im Vorlauf der 16x50-Meter-Staffel etwa verpatzte das weit in Führung liegende Christophoros-Gymnasium den letzten Wechsel kolossal, der Staffelstab lag auf der Bahn und das Käthe-Kollwitz-Gymnasium zog vorbei. Auf den letzten Metern aber schaffte es die Christophoros-Schülerin mit einem fulminanten Schlussspurt doch noch als Erste ins Ziel. Jubel brandete auf, es muss sich wahnsinnig aufregend angefühlt haben für die teilnehmenden Kids.

Aufregend war dann auch der erste Wettkampf der Großen. Speerwurf Europameisterin Christin Hussong lag vor dem letzten Durchgang mit einer Weite von 61,51 Metern in Führung, ehe sie noch von der Australierin Kelsey-Lee Roberts abgefangen wurde (62,70 Meter). „Nach der EM war es für uns alle schwer, den Fokus zu behalten“, sagte Hussong.

LeBron James schaute auch vorbei

Sie sprach für viele Athleten. So verpassten es die deutschen Speerwerfer auch in diesem Jahr, endlich einmal in Berlin über die 90-Meter-Marke zu kommen. Europameister Thomas Röhler siegte mit 86,50 Metern vor seinen Landsmännern Julian Weber (85,54 Meter) und Andreas Hofmann (85,09). Und Konstanze Klosterhalfen scheiterte bei ihrem Vorhaben, den deutschen Rekord über die Meile zu knacken. Sie kam als Dritte ins Ziel. Den deutschen Rekord im Hochsprung von 2,37 Metern durch Carlo Thränhardt im Jahr 1984 verfehlte Europameister Mateusz Przybylko mit übersprungenen 2,28 Metern deutlich. Er wurde Zweiter hinter dem Weißrussen Maksim Nedasekau (2,30 Meter).

Der derzeit weltbeste Basketballer LeBron James war einer der Besucher im Olympiastadion. Der Spieler der Los Angeles Lakers applaudierte trotz verpasster Rekorde artig. Auch er machte den Anschein, als könne er der Veranstaltung etwas abgewinnen. Schließlich war das Ganze dramaturgisch auch geschickt inszeniert worden. Der Wettkampf steigerte sich mit fortlaufender Zeit. Im Kugelstoßen revanchierte sich Christina Schwanitz für die EM-Niederlage gegen die Polin Paulina Guba. Laut wurde es auch beim 100-Meter-Finale der Frauen. Gina Lückenkemper stürmte in 11,18 Sekunden als Dritte ins Ziel.

Schließlich steuerte der Abend auf seinen Höhepunkt hinzu. Die Diskuswerfer der Konkurrenz standen vor dem Wettkampf Spalier auf einem großen Podest. Sie warteten wie die 45 500 Zuschauer auf Robert Harting. Es ertönten die Klänge einer Coverversion von David Bowies „Heroes“ und der Berliner betrat mit viel Applaus das Stadion. In der Ostkurve hing ein riesiges Plakat mit seinem Konterfei. „Ich bin platt von dem Empfang“, sagte Harting und brüllte laut ins Mikrofon: „Lasst es uns noch einmal tun.“ Wenige Minuten später war es dann vollbracht.

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