Italien bei der Fußball-WM der Frauen : Überraschender Aufschwung in Blau

Die italienischen Fußballerinnen stehen vor dem größten Erfolg seit fast 30 Jahren. Trotz aller Euphorie im Land sind die Strukturen noch ausbaufähig.

Barbara Bonansea (vorne) ist der größte Star im italienischen Team und hat bei dieser WM bereits zwei Tore erzielt.
Barbara Bonansea (vorne) ist der größte Star im italienischen Team und hat bei dieser WM bereits zwei Tore erzielt.Foto: FRANCOIS LO PRESTI / AFP

Es gibt im italienischen Fußball ein ungeschriebenes Gesetz: Die Nationalmannschaft ist bei Weltmeisterschaften immer dann erfolgreich, wenn sie über einen starken Blocco Juve verfügt. Solch einen Kern aus Spielern von Juventus Turin hatten die Azzurri, die Blauen, schon 1934 beim ersten WM-Titel und auch in der näheren Vergangenheit, 1982 und 2006, lieferte der Rekordmeister das Gerüst der Weltmeister-Mannschaften.

In den letzten Wochen ist in Italien wieder ziemlich häufig vom Juve-Block die Rede, denn der ist auch beim überraschenden Erfolg der Frauen-Nationalmannschaft stilprägend, die am Dienstag (18 Uhr in Montpellier, live im ZDF) im Achtelfinale auf China trifft. Gleich acht Spielerinnen vom italienischen Double-Sieger stehen im Kader, sechs gehören zum Stammpersonal – darunter Torhüterin Laura Giuliani, Spielführerin Sara Gama, Torjägerin Cristiana Girelli und der größte Star des Teams, Barbara Bonansea.

Dass die Weltmeisterschaft in Frankreich in Italien überhaupt ein Thema ist, war noch vor wenigen Monaten nicht zu erahnen. Die Azzurre hatten sich seit 1999 nicht mehr für eine WM qualifiziert. In der heimischen Liga werden die Spiele vielerorts auf Trainingsplätzen oder in winzigen Stadien ausgetragen und in den Sporttageszeitungen kaum thematisiert.

Doch seit einiger Zeit ist eine positive Entwicklung erkennbar. Immer mehr Spitzenklubs aus der Serie A der Männer bauen Frauenteams auf, im März kamen – bei freiem Eintritt – fast 40.000 Zuschauer zum Ligaspiel zwischen Juve und dem AC Florenz. Auch medial geht es aufwärts. Das Magazin „Rivista Undici“ widmete Bonansea die Titelseite der Juni-Ausgabe. Am Dienstag sahen 7,3 Millionen Fernsehzuschauer das 0:1 im letzten Gruppenspiel gegen Brasilien – noch nie hatten in Italien so viele Menschen ein Frauen-Fußballspiel verfolgt. Nebenbei waren es auch etwa zwei Millionen Zuschauer mehr als beim EM-Qualifikationsspiel der Männer wenige Tage zuvor gegen Griechenland.

Fußballerinnen in Italien sind offiziell Amateurinnen

Das junge Team von Nationaltrainerin Milena Bertolini hat eine Begeisterung entfacht, wie es sie im Land für die Azzurre noch nie gegeben hat. Durch den überraschenden Gruppensieg vor den deutlich stärker eingeschätzten Australierinnen und Brasilianerinnen ist das Selbstvertrauen gestiegen. Mit einem Sieg am Dienstag würde Italien das beste Abschneiden bei einer WM egalisieren – 1991 scheiterte die Nationalmannschaft bei der Weltmeisterschaft in China im Viertelfinale an Norwegen. Selbst die Qualifikation für die Olympischen Spiele 2020 in Tokio scheint nicht unmöglich. Dafür müssten die Azzurre bei der WM allerdings eines der drei besten europäischen Teams werden.

Alle Euphorie darf jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Strukturen im italienischen Frauenfußball ausbaufähig sind. Die Spielerinnen in der Serie A sind offiziell Amateurinnen. „Es gilt rechtlich nicht als Beruf und dadurch haben Fußballerinnen keinen Mindestlohn, keine Pensionsansprüche und sind gesundheitlich nicht abgesichert“, sagte die ehemalige Lazio-Spielerin Katia Serra der Nachrichtenagentur „La Presse“.

Auch in der Breite besteht noch großer Nachholbedarf. Der Verband Figc gibt die Zahl der aktiven Spielerinnen für 2017 mit 23.655 an. Zum Vergleich: Der DFB hat etwa eine Million weibliche Mitglieder, auch wenn diese nicht alle selbst spielen. Gerade die regionalen Unterschiede in Italien sind enorm. Während es im Norden verhältnismäßig viele Vereine gibt, findet man südlich von Rom nur sehr wenige Strukturen für junge Fußballerinnen.

Bonansea glaubt dennoch an eine erfolgreiche Zukunft. „Als ich angefangen habe mit Fußball, wusste ich nicht einmal, dass es Frauenfußball gibt“, sagte Bonansea dem Online-Medium „Freeda“. „Heute sehen die Mädchen, dass wir es zu Juve, Milan oder der Fiorentina geschafft haben und können träumen, selbst Fußballerinnen zu werden.“

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