Jaromir Jagr in der NHL : Der alte Mann und das Eis

Jaromir Jagr hat seine besten Zeiten hinter sich. Doch er spielt in der NHL einfach immer weiter. Warum es der Tscheche auch mit 45 Jahren nicht lassen kann.

Müde, aber nicht am Ende. Jaromir Jagr überlegt sich in der NHL inzwischen jeden Laufweg.
Müde, aber nicht am Ende. Jaromir Jagr überlegt sich in der NHL inzwischen jeden Laufweg.Foto: Sean M. Haffey/AFP

Das Haar ist wieder länger geworden. Die Frisur wirkt ein bisschen aus der Zeit gefallen, fast so wie er selbst. Die zottelige Mähne kommt optisch eigenwillig bis fehl am Platz daher neben den akkurat gebürsteten Kurzhaarschnitten der Kollegen bei den Calgary Flames. Aber die sind eben auch nur halb so alt. Jaromir Jagr ist inzwischen 45 und spielt seine 24. Saison in der nordamerikanischen Eishockey-Profiliga NHL.

Der Tscheche mit dem ergrauten Bart gehört zum erlesenen Klub jener, die eine Weltmeisterschaft (2005), den Stanley Cup (1991/92) und Olympia (1998) gewonnen haben. Seinen Nachfolgern wird das nicht mehr gelingen. Die NHL hat ihren Spielern für die Winterspiele ein Startverbot auferlegt. Jagr hat in seinem Sport schon Millionen verdient. Ist zur Ikone geworden. Sonst heißt es im Showbusiness, man soll aufhören, wenn es am schönsten ist. Warum spielt er noch immer?

100 Jahre ist die NHL jetzt alt, und Jagr hat fast ein Viertel dieser Zeit aktiv mitgestaltet. Er hat einmal quer über die Landkarte in Pittsburgh, Washington, New York, Philadelphia, Dallas, Boston, New Jersey und Miami gespielt. Nun hat jener Mann, der den Sinn des Leben abseits des Eises einmal mit "Geld, Stränden und schönen Frauen" beschrieb, den Sand von Florida gegen kanadisches Schneegestöber getauscht. Calgary ist Jagrs erste Station in Kanada. Die Umstellung vom Sunshine State zu Tiefstwerten von minus 30 Grad scheint ihm keine Probleme zu bereiten. Eis bleibt Eis, und für das Rahmenprogramm mit Nationalparks und Skigebieten bleibt im auch um den Jahreswechsel eng getakteten NHL-Kalender ohnehin keine Zeit.

Hartnäckige Unterleibsverletzung

Dem Vernehmen nach fühlt er sich wohl hier. Eigentlich ist in der Millionenmetropole wenig los, sieht man mal von der größten Rodeoshow der Welt in Stampede jeden Sommer ab. Aber Eishockey ist in der Ölstadt eine große Nummer, wie überall in Kanada. Es wird eng in der S-Bahn, wenn die Menschen sich wie lebendige Maskottchen in voller Montur in die C-Train drängen und Richtung Eistempel in den Süden der Stadt strömen. Allein ihren neuen Helden bekamen sie dort bislang kaum zu Gesicht. Rauf aufs Eis und wieder runter, das war bislang der Rhythmus am Fuße der Rocky Mountains. Jagr ärgert sich zurzeit vor allem mit Physiotherapeuten herum. Das Alter geht auch an einem Ausnahmetalent nicht spurlos vorbei. Eine hartnäckige Unterleibsverletzung zwang ihn in dieser Saison schon mehrfach zur Pause.

Sportlich hat Jagr seinen Zenit überschritten. Seine Statistiken sind längst nicht mehr spektakulär – allenfalls noch durchschnittlich. Mit 1733 Spielen in der regulären Saison kletterte er jüngst zwar auf Platz drei in den NHL-Geschichtsbüchern. Aber Quantität und Qualität sind eben zwei Dinge. Jagr überlegt sich jeden Weg auf dem Eis zweimal. Defensive war noch nie seine Stärke – inzwischen überlässt er sie komplett den Jungen.

Läuft es nur mäßig, ist selbst eine Legende nicht mehr unumstritten. In Calgary diskutieren selbst die glühendsten Verehrer inzwischen über Sinn und Unsinn der Verpflichtung. "Jagr, for better or worse" ist das Kapitel in einem Fan-Forum online betitelt. Grummelnd verweisen Nutzer auf den Leistungsnachweis. 22 Einsätze, ein Tor, sechs Vorlagen – eben nicht so doll. Anderswo heißt es, immerhin habe man nun einen Kontrapunkt zum ewigen Regionalrivalen der Provinz Alberta, den Edmonton Oilers, die mit Wayne Gretzky die andere große Legende der Liga in ihren Reihen wussten und noch immer vom Mythos zehren. "Ist mir egal, ob er spielt", schreibt ein Fan. "Allein für das Jersey hat sich die Million schon gelohnt." Auf dem Rücken trägt Jagr in Erinnerung an den Prager Frühling noch immer die 68. Die Bedeutung werden in Amerika wohl nur wenige kennen.

Doch für die Flames ist Jagr weit mehr als eine Marketingmasche, die den Trikotverkauf ankurbelt. Jagr ist inzwischen auch ein Mentor für die Jungen. Das erkennen selbst die sonst so statistikverliebten Amerikaner an. „Selbst wenn er nicht spielt, ist er unschätzbar wertvoll. Ihn nach Statistiken zu beurteilen, ist völlig sinnlos“, behauptet ein Anhänger. Das Wissen, das er Talenten wie Sam Bennett und Johnny Gaudreau vermittle, sei das Geld allemal wert. Eine Million lässt sich Calgary das Engagement kosten. Nach nordamerikanischen Maßstäben ist das ein Schnäppchen. Zum Vergleich: Jung-Star Leon Draisaitl verdient bei den Edmonton Oilers das Achtfache.

Zuvorkommend und launisch

Jagrs Selbstbewusstsein scheint das nicht zu schaden. "Ich halte den Puck immer noch ein bisschen länger als die meisten Jungs in der NHL", sagte er bei seiner Verpflichtung lässig. Mit seiner Technik und Übersicht kann er noch immer den Unterschied machen. Selbst wenn er beim Tempo einer immer schneller werdenden Liga nicht mehr mithalten kann.

Beobachter beschreiben Jagr als zuvorkommend und launisch zugleich, als egozentrisch, schwierig, durch und durch widersprüchlich. Auch das trägt zum Mythos bei – dass man nie so richtig weiß, woran man ist. Nach außen hin ist man bei den Flames um Harmonie bemüht. Kürzlich ließ man sogar öffentlich verlauten, dass Jagr im Locker-Room voll integriert sei. Selbstverliebtheit und Arroganz? Beklagte bislang keiner.

Befragen kann man Jagr dazu nicht. Er ist in Calgary weder telefonisch noch persönlich zu sprechen. Man sei, heißt es aus der PR-Abteilung ungewöhnlich schroff für sonst auf Höflichkeit bedachte Kanadier, wegen der hohen Nachfrage auf dem eigenen Markt nicht in der Lage, auch noch fünf Minuten für internationale Wünsche aufzubringen. Im Gespräch bleibt der Verein mit der Personalie ohnehin. Sportlich ist das sonst eher selten. Die Flames sind in der Western Conference ein eher mittelmäßiges Team. Der einzige Stanley-Cup-Gewinn des Teams datiert von 1989. Da hat selbst der ewige Jagr noch daheim im böhmischen Kladno gespielt.

Calgary soll, so sagte es Jagr bei seiner Verpflichtung, diesmal wirklich die letzte Saison sein. Aber wer mag das schon glauben? Auch von seinem Vokuhila hatte sich Jagr zwischendurch mal verabschiedet und ist nun doch wieder – gegen jegliche Mode – dazu zurückgekehrt. Bislang hat der alte Mann auf dem Eis noch immer weitergespielt.

Jetzt neu: Wir schenken Ihnen 4 Wochen Tagesspiegel Plus!