Jeder kämpft für sich allein : Das Problem der Europaspiele

Bei den Europaspielen gibt es so viel verschiedene Formate, dass man die Übersicht verlieren kann. Es ist fraglich, wie es mit dem Event weitergeht.

Katja Sturm
Die deutschen Tischtennisspielerinnen Xiaona Shan (rechts) und Nina Mittelham haben den Teamwettbewerb gewonnen und qualifizierten sich für Olympia.
Die deutschen Tischtennisspielerinnen Xiaona Shan (rechts) und Nina Mittelham haben den Teamwettbewerb gewonnen und qualifizierten...Foto: REUTERS

Es war nicht einfach für Nina Mittelham, all die Eindrücke zu verarbeiten, die während dieser Tage der Europaspiele von Minsk auf sie einprasselten. Zumal die Tischtennisspielerin des TTC Eastside nur für den Mannschaftswettbewerb angereist war, der Mitte der Woche begann – und somit vor ihrem ersten Aufschlag tagelang die Spannung halten musste. Doch die 22-Jährige hatte sich von Kollege Patrick Franziska aus Erfahrung sagen lassen, dass vieles von dem, was sie jetzt als „wahnsinnige Herausforderung“ wahrnimmt – der Trubel im Athletendorf etwa, die beeindruckende Eröffnungsfeier oder der ungewohnt weite Weg zur Wettkampfhalle – bei Olympischen Spielen ähnlich ist. Nur noch ein bisschen größer. Das Multisportevent vor Olympia sei deshalb eine perfekte Vorbereitung auf das Großereignis, sagt der Ersatzmann des Bronzeteams von Rio de Janeiro.

Der Tenor unter den Athleten ist überall der gleiche. Der damals siegreiche Schütze Christian Reitz hatte schon die erste Auflage der kontinentalen Spiele 2015 in Baku immer wieder wohlwollend „Klein-Olympia“ genannt. Auch jetzt dominiert unter den Sportlern die Meinung, dass die Europaspiele einen geeigneten Test für das darstellen, was sie alle als ihr ehrgeizigstes Ziel bezeichnen. Üben für Olympia, so könnte man das zusammenfassen. Das betrifft den Nachwuchs ebenso wie diejenigen, die in Tokio 2020 zum ersten Mal nach olympischen Medaillen greifen dürfen, weil ihre Sportart dort Premiere feiert.

Die deutschen 3x3-Basketballerinnen etwa erlebten als Vertreterinnen einer sowieso noch jungen Disziplin erstmals überhaupt ein Turnier in dieser Dimension. „Wir haben hier eine tolle Erfahrung gemacht“, sagte Svenja Brunckhorst. Sie und ihre Mitspielerinnen hoffen, bei ihrem weiteren Werdegang davon zu profitieren. Karateka Ilja Smorguner freute sich über die ungewohnte mediale Aufmerksamkeit, die man ihm als Randsportler und seiner für Laien kaum verständlichen Variante des Kata schenkte.

Routiniers wie Kanu-Olympiasieger Ronald Rauhe hoben die starke Gemeinschaft hervor, die zwischen den Athleten aus ganz Europa herrsche. Der frühere Judo-Weltmeister Alexander Wieczerzak lobte trotz des schwachen Abschneidens der Mattenkämpfer die hervorragende Organisation bei der Veranstaltung. Diejenigen, für die die Europaspiele veranstaltet werden, scheinen alle zufrieden bis begeistert und äußerst motiviert. Ansonsten mangelt es der Veranstaltung weiter an Akzeptanz, und die Teilnehmer müssen sich sogar mit Blick auf das Ausrichterland mit seinem autokratisch herrschenden Präsidenten Alexander Lukaschenko immer wieder für ihren Start dort rechtfertigen. Dabei geht es für einige um die Olympiateilnahme oder EM-Titel.

Die einen so, die anderen so

Doch genau darin liegt das Problem. Die Wertigkeit in den einzelnen Sportarten ist zu unterschiedlich. Während die Spiele für manche einen Saisonhöhepunkt darstellen, mutet etwa das neue Format in der Leichtathletik, Dynamic New Athletics (DNA), mit seiner finalen und entscheidenden Staffel über vier verschiedene Strecken wie ein spielerischer Zeitvertreib an. Nicht nur der Deutsche Leichtathletik-Verband (DLV) hatte darauf verzichtet, seine Topleute aus der ersten Reihe dafür zu nominieren. Dazu kommen nicht-olympische Sportarten wie Sambo, die außerhalb Osteuropas kaum bekannt sind.

Bei Funktionären wie der deutschen Delegationsleiterin Uschi Schmitz oder dem europäischen Tischtennis-Verbandspräsidenten Ronald Kramer herrscht Einigkeit darüber, dass die Europaspiele ohne Einigkeit auf Dauer wohl schwerlich eine Zukunft haben. Die Idee, im vorolympischen Jahr einen kleinen Probelauf zu veranstalten, ist keine schlechte. Sie funktioniert aber nur, wenn alle dazu beitragen, dass es dabei um mehr geht als nur um die riesigen Plaketten, die den Besten in Weißrussland um den Hals gehängt werden.

Dem steht entgegen, dass jede Sportart mittlerweile ihren eigenen Qualifikationsweg zu Olympia hat. Nicht für alle spielt dabei ein europäischer Entscheid eine Rolle. Zudem lassen sich kontinentale Titelkämpfe vom Zeitpunkt her schwer auf einen Nenner bringen. Und dann gibt es mittlerweile ja noch die European Championships, die 2018 in Berlin und Glasgow debütierten. So werden sich die Europaspiele auch bei ihrer dritten Auflage 2023 in Krakow weiter beweisen müssen.

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