Jubiläum in der Max-Schmeling-Halle : Wie der Volleyball in Berlin groß wurde

Vor zehn Jahren spielte der SCC Berlin erstmals in der Max-Schmeling-Halle. Es war dies ein riskantes Experiment einer vermeintlichen Randsportart.

Klatschpappenalarm. Die BR Volleys spielen im Schnitt vor knapp 5000 Zuschauern. Das ist im nationalen mit großem Abstand spitze. Das erste Spiel in der Max-Schmeling-Halle bestritten die Berliner am 18. November 2008 gegen Düren.
Klatschpappenalarm. Die BR Volleys spielen im Schnitt vor knapp 5000 Zuschauern. Das ist im nationalen mit großem Abstand spitze....Foto: imago sportfotodienst

Gegen Rituale ist nichts einzuwenden, findet Carsten Buchhauser. Und so wird er heute wie bei jedem Heimspiel des Bundesligisten BR Volleys seinen angestammten Platz in der Max-Schmeling-Halle einnehmen. Er wird beobachten, wie wieder Feuerfontänen aufsteigen, wenn Berlins Spieler den Gegner aus Frankfurt am Main empfangen (16 Uhr). Charly, das Tiger-Maskottchen, wird wieder jeden einzelnen der Berliner Volleyballer mit festem Handschlag begrüßen. Begleitet wird das Ganze wie gewohnt von wummernden Bässen aus den Lautsprechern und schätzungsweise fünfeinhalbtausend Zuschauern, die mit ihren Klatschpappen einen Höllenlärm veranstalten. Und dennoch ist das Spiel für Buchhauser, einer ihrer treusten Fans, etwas Besonderes. Auf den Tag genau vor zehn Jahren fing der 53-Jährige das erste Mal richtig Feuer. „Ich erinnere mich noch sehr gut daran“, sagt er. „Plötzlich war Volleyball in der Königsklasse angekommen.“

Es war ein aufregender Tag nicht nur für Buchhauser, sondern auch für die Volleys, ja sogar den deutschen Volleyball. Der Klub, damals noch unter dem Namen SCC Berlin, bestritt am 18. November 2008 sein erstes Spiel in der hiesigen Max-Schmeling-Halle. Es war ein Experiment, von dem keiner wusste, wie es ausgehen würde. Volleyball war bis dahin in Deutschland noch dimensioniert wie Kreisliga-Fußball. Der SCC spielte im Schnitt vor knapp anderthalbtausend Zuschauern in der Sömmeringhalle in Charlottenburg, es gab Klatschpappen, aber es gab keinen Charly, keine wummernden Bässe, und wenn wichtiger Besuch da war, schmierte der frühere Geschäftsführer Günter Trotz noch selbst die Stullen. Volleyball war geradezu mickrig, obwohl er hierzulande schon damals in der Breite viel gespielt wurde.

Carsten Buchhauser ist schon seit vielen Jahren treuer Begleiter der BR Volleys.
Carsten Buchhauser ist schon seit vielen Jahren treuer Begleiter der BR Volleys.Foto: Promo

„Dann kam der 18. November 2008 und der war von historischer Bedeutung für den deutschen Volleyball“, sagt Kaweh Niroomand. Schon an diesem Satz ist erkennbar, dass Niroomand ein sehr ambitionierter Mensch ist. Der Unternehmer war dem Volleyball verfallen, seit Ende der siebziger Jahre war er in verschiedenen Funktionen bei verschiedenen Berliner Vereinen tätig. In der Spielzeit 1988/89 stieg er als Geschäftsführer beim SCC ein und seine Pläne waren größer gedacht als nur den nächsten Punkt, das nächste Spiel oder die Meisterschaft einzufahren. Niroomands Ziel war es, den Volleyball in Berlin, in der Bundesliga und in Deutschland auf ein neues Niveau zu heben. Ein bisschen wurde Niroomand auch dazu gezwungen.

Der Senat suchte händeringend nach einem Mieter

In Berlin hatte sich die Sportlandschaft verändert. Alba Berlin und die Eisbären Berlin wechselten 2008 in die neu eröffnete Arena am Ostbahnhof. Drei Jahre zuvor waren die Füchse in die Max-Schmeling-Halle gezogen. „Die Berliner Klubs strebten nach Größerem“, erzählt Niroomand. „Deswegen mussten wir auch etwas wagen. Wenn wir unter den Berliner Sportvereinen nicht über Jahre hinaus zweite Klasse sein wollten, mussten wir das Risiko eingehen.“ Dem 65-Jährigen ist noch gut im Gedächtnis, wie die Dinge ihren Lauf nahmen. „Der Senat war sehr froh, dass wir in die Max-Schmeling-Halle gegangen sind, da sich mit Alba ein Partner verabschiedet hatte. Ich kann mich noch gut an ein Gespräch mit dem Senat erinnern, wo dieser uns mehr oder weniger aufgefordert hat, möglichst lange reinzugehen. Die brauchten einen weiteren Mieter.“

Doch bevor sich Niroomand und der SCC darauf einließen, wollten sie erst einmal ein paar Testläufe machen, gucken, ob sie überhaupt mehr Zuschauer zusammenbekommen als in der kleinen Sömmeringhalle. Denn natürlich war der Umzug mit einem Vielfachen an Kosten verbunden für den Verein. Als der 18. November, das Spiel in der Max-Schmeling-Halle gegen Düren bevorstand, war die Aufregung im Verein und auch bei Niroomand dementsprechend groß. Und so mancher Volleyball-Beobachter fragte sich, ob sich der SCC da nicht zu viel zugetraut hatte. War das alles eine furchtbare Schnapsidee, die heute noch in eine einzige Peinlichkeit münden sollte? War Kaweh Niroomand der traurige Veranstalter einer sportlichen Party in einer 8500 Zuschauer fassenden Halle, zu der kaum jemand kommen wollte?

„Vor dem Spiel haben wir natürlich gezittert und gebibbert“, erinnert sich Niroomand. „Wenn auch nur einer mehr als in die Sömmeringhalle kommen würde, dachte ich mir, dann ist es doch schon gut.“

Kaweh Niroomand lebt und liebt den Volleyball. Seit Ende der siebziger Jahre ist er dem Sport in Berlin in verschiedenen Funktionen verbunden.
Kaweh Niroomand lebt und liebt den Volleyball. Seit Ende der siebziger Jahre ist er dem Sport in Berlin in verschiedenen...Foto: Kai-Uwe Heinrich

Es sollten über 3000 Zuschauer mehr kommen. Fast 5000 Besucher jubelten den Volleyball in Deutschland atmosphärisch auf ein neues Niveau. „Das hat sich toll angefühlt“, sagt Niroomand über einen seiner vielleicht schönsten Momente im Volleyball. Fortan war für ihn klar, dass der in Deutschland bisher so klein dimensionierte Volleyball das Potenzial besaß, auch große Hallen zu füllen.

Sukzessive erhöhte der Klub die Anzahl der Spiele in der Max-Schmeling-Halle, ehe man in der Saison 2011/12 komplett umzog – mit großem Erfolg. Besuchten zuletzt in der Saison 2007/08 rund 1400 Zuschauer ein Spiel, waren es in der abgelaufenen Saison in der Max-Schmeling-Halle 4700.

„Dieser Schritt war sehr mutig, weil er ein großes Risiko beinhaltete“, sagt Klaus-Peter Jung, Geschäftsführer der Volleyball-Bundesliga. „Aber das Risiko hat sich voll ausgezahlt. Es war eine visionäre Entscheidung des Klubs.“

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