• Jugendtrainer von Fußball-Profis enttäuscht: „Sport ist mit diesen Vorbildern eine Unmöglichkeit“

Jugendtrainer von Fußball-Profis enttäuscht : „Sport ist mit diesen Vorbildern eine Unmöglichkeit“

Ein Steglitzer Jugendtrainer regt sich über die Fußball-Profis auf, die die Corona-Regeln nicht befolgen. Er muss das dann mit seinen Jungs ausbaden.

Boris Buchholz
So bitte nicht! Düsseldorfs Trainer Uwe Rösler hält beim Jubeln nur Alibi-Abstand.
So bitte nicht! Düsseldorfs Trainer Uwe Rösler hält beim Jubeln nur Alibi-Abstand.Foto: AFP

Weil sich die Profis nicht an Regeln halten, hat der Jugendfußball ein Problem. Die Bundesliga hat den Spielbetrieb wieder aufgenommen, auch die lokalen Sportvereine dürfen ihre Kinder- und Jugendmannschaften wieder auf den Sportplatz lassen – bis zu zehn junge Sportler dürfen gemeinsam trainieren.

Dass sich die Profis nicht an die von der Deutschen Fußball-Liga (DFL) aufgestellten und von der Politik genehmigten Regeln halten, ist für die Arbeit mit dem Nachwuchs ein Problem. Ernst Karbe trainiert bei Stern 1900 in Steglitz ehrenamtlich drei Kinder- und Jugendmannschaften; er berichtet aus der Praxis auf dem Feld.

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Herr Karbe, die Bundesliga hat wieder angefangen. Was haben Sie beobachtet?
Die DFL hat ein Corona-Konzept erstellt, nachdem man sich auf den Platz nicht umarmen, sich nicht küssen darf. Der Torjubel soll kontaktfrei sein. Aber der Düsseldorfer Trainer nimmt die Spieler in den Arm, weil sie gewonnen haben. Beim ersten Spiel von Hertha haben sich alle umarmt und der Trainer sagte nachher, dass das eben Emotionen gewesen seien. In der Dritten Liga haben sie sich noch mehr geherzt und noch mehr umarmt.

Warum ist das für Sie als Jugendtrainer so schwierig?
Weil die Jugendlichen natürlich einen Drang haben miteinenader zu spielen, und das würde Kontakte bedeuten. Also gibt es keine Spiele. Ich kann mit dem Virus nicht verhandeln. Meine jungen Spieler sehen die Bundesligaspiele im Fernsehen und fragen zu Recht: Warum dürfen die das? Wir in der C- und D-Jugend haben strenge Auflagen: Wir dürfen zu zehnt auf den Platz, lediglich ein kontaktloses Training ist erlaubt. Das bedeutet in der Praxis, dass ich zum Beispiel keinen Torwart ins Tor stellen darf. Und plötzlich sehen die 12- bis 15-Jährigen all diese Bilder in der Sportschau.

Haben Sie bei Stern 1900 schon wieder mit dem Training begonnen?
Wir haben jetzt angefangen, kontaktlos. Um es klar zu sagen: Das ist kein Fußball. Man läuft geradeaus, man hüpft, man macht Übungen. Es gibt aber kein Spiel. Denn ich kann von den Kindern nicht verlangen, sich in einem Spiel sechs gegen sechs nicht zu berühren. Bei einer Ecke würden sie natürlich eng auf eng stehen. Und wenn der eine gefoult wird, würde der andere ihm hoch helfen, so würde es sich gehören.

Und halten sich die Jugendlichen an die Auflagen?
Es muss ständig ermahnt werden, auseinanderzugehen. In anderthalb Stunden Training habe ich bestimmt zehn Mal daran erinnern müssen. Ich verstehe das, manchmal will man ja auch nur miteinander quatschen. Aber die zehn Jungs auf dem Platz dürfen sich nicht umdribbeln, sie dürfen nicht gegeneinander anlaufen. Wenn die Profis sich nicht an die Regeln halten, werden auch wir ehrenamtlichen Trainer unglaubwürdig.

Was ist Ihr Fazit?
Alle müssen sich an die Regeln halten, Profis wie Amateure, Erwachsene wie Kinder. Wir sollen Corona-sicheren Sport anbieten, aber das ist mit diesen Vorbildern eine Unmöglichkeit.

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