• Kann Jürgen Klinsmann Hertha BSC?: Beim FC Bayern belächelt, im Nationalteam geschätzt

Kann Jürgen Klinsmann Hertha BSC? : Beim FC Bayern belächelt, im Nationalteam geschätzt

Herthas neuer Trainer Jürgen Klinsmann wurde in seiner Karriere für seine Methoden belächelt und gefeiert. Nur einmal scheiterte er spektakulär.

Louis Richter
Gut gelaunt. Jürgen Klinsmann übernimmt nach dem FC Bayern den nächsten großen deutschen Klub.
Gut gelaunt. Jürgen Klinsmann übernimmt nach dem FC Bayern den nächsten großen deutschen Klub.Foto: Arne Dedert/dpa

Bei all den personellen Veränderungen, die Hertha BSC am Mittwoch bekanntgab, könnte schnell der Eindruck entstehen, dass das Projekt mit Jürgen Klinsmann auf Dauer angelegt ist – und nicht nur bis zum Saisonende. Mit Alexander Nouri und Markus Feldhoff brachte er zwei neue Co-Trainer mit, Torwarttrainer Andreas Köpke wird von der Nationalmannschaft ausgeliehen und Arne Friedrich wurde als „Performance Manager“ zwischen Team und Führungsetage installiert.

Klinsmann geht den Job wie immer an: Mit eigenem Personal und der Befugnis, eigene Ideen einbringen zu können. Die Visionen des Trainers Klinsmann brachten dabei aber nicht immer den gewünschten Erfolg mit sich.

Der FC Bayern und Jürgen Klinsmann – das passte nicht

So versuchte der 55-Jährige vor mittlerweile elf Jahren, den FC Bayern in Sachen Trainingsarbeit, Spielphilosophie und beim Aufbau des Teams hinter dem Team zu futurisieren. Die Spieler jeden Tag ein bisschen besser machen, das war sein Motto. Dabei scheiterte Klinsmann spektakulär. Seinen ersten Sieg als Vereinstrainer feierte er am 31. August 2008 gegen Hertha BSC, die Bayern gewannen mit 4:1. Doch die Bayern und Klinsmann, das passte nicht.

Die Münchner standen unter seiner Führung nicht einmal in der Bundesliga auf Platz eins. Im April 2009 setzte es gegen den späteren Meister aus Wolfsburg eine legendäre 1:5-Klatsche, vier Tage später gingen die Bayern mit 0:4 in Barcelona unter und schieden im Viertelfinale der Champions League aus. Auch im DFB-Pokal reichte es nur für die Runde der letzten acht Teams, da verlor Bayern mit 2:4 in Leverkusen. Ende April 2009 wurde Klinsmann entlassen.

Uli Hoeneß sagte danach im „DSF“ über ihn: „Seine Wünsche wurden nicht erfüllt, sondern übererfüllt. Davon zu reden, er habe nicht durchsetzen können, was er wollte, ist falsch.“ Für den Rauswurf waren laut Hoeneß „am Ende nicht die Ergebnisse entscheidend, sondern das Verhältnis zur Mannschaft“. Die konnte nicht viel mit Klinsmanns Methoden anfangen. Was blieb, war ein geschädigter Ruf und die vermeintliche Gewissheit, Klinsmann könne keine Vereine trainieren.

Die Karriere des Jürgen Klinsmann
Jürgen Klinsmann ist neuer Trainer von Hertha BSC. Rund zehn Jahre nach seiner Zeit beim FC Bayern ist er damit wieder aktiv zurück in der Bundesliga. In unserer Bildergalerie blicken wir auf Klinsmanns Karriere als Spieler, Trainer und TV-Experte.Weitere Bilder anzeigen
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27.11.2019 11:26Jürgen Klinsmann ist neuer Trainer von Hertha BSC. Rund zehn Jahre nach seiner Zeit beim FC Bayern ist er damit wieder aktiv...

Drei Jahre zuvor wurde der neue Hertha-Trainer noch als großer Innovator gefeiert. Klinsmann befreite den Deutschen Fußball-Bund aus der Lethargie, die sich nach dem Vorrundenaus bei der EM 2004 breitgemacht hatte. Der Welt- und Europameister wurde für die Vorstellung seiner Trainingsmethoden lange belächelt, seine Reformarbeiten bei der Nationalmannschaft missfielen zunächst einigen Experten.

[Alle wichtigen Informationen rund um Hertha BSC und Jürgen Klinsmann lesen Sie in unserem Blog.]

Als Deutschland bei der WM 2006 im eigenen Land jedoch mit frischem Fußball und einer Mischung aus jungen Talenten und erfahrenen Spielern begeisterte, war das schnell vergessen. Mit dem heutigen Bundestrainer Joachim Löw installierte Klinsmann den Mann für das Taktische, Oliver Bierhoff machte er zum Teammanager, während Klinsmann sich seinen bis heute ausgezeichneten Ruf als Motivator erarbeitete.

Kam nie richtig an. Jürgen Klinsmann war nur kurz Trainer beim FC Bayern.
Kam nie richtig an. Jürgen Klinsmann war nur kurz Trainer beim FC Bayern.Foto: Lluis Gene/AFP

Langjährige Funktionäre wie Bernd Pfaff oder der Torwarttrainer Sepp Maier wurden dagegen entlassen. Marcell Jansen debütierte unter Klinsmann für die Nationalelf, auch er schätzt diese Fähigkeiten: „Er ist ein Trainer, der eine Mannschaft mitreißen und motivieren kann. Er setzt darauf, emotional nah dran an der Mannschaft zu sein und auf die Stärken der einzelnen Spieler einzugehen“, sagte er dem Tagesspiegel. Ihm gefiel die Arbeit unter Klinsmann: „Er setzt auf innovative Trainingsmethoden in Sachen Athletik und sorgt dafür, dass seine Mannschaften körperlich fit sind.“ Für seine Arbeit bei der Nationalmannschaft wurde Klinsmann später mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet.

2011 übernahm er die Nationalmannschaft der USA und zögerte auch bei diesem Job nicht, seine ganz eigenen Vorstellungen durchzudrücken. Er setzte auf die sogenannten „Militärkinder“. Also auf Spieler, die auf Grund der Stationierungen amerikanischer Truppen in Europa das Fußballspielen erlernt haben und bei europäischen Klubs ausgebildet worden sind. Nur so hätte man gegen die großen Europa eine Chance.

So berief Klinsmann zum Beispiel die in Deutschland aufgewachsenen Spieler Jermaine Jones, Fabian Johnson, Timothy Chandler oder später auch den damaligen Herthaner John-Anthony Brooks. Klinsmann professionalisierte den Fußball in den USA zwar nachhaltig, die großen Erfolge blieben dennoch aus 2013 gewann die USA unter Klinsmann den Gold-Cup, das kontinentale Turnier der Nord- und Zentralamerikanischen Mannschaften so wie denen aus der Karibik. Bei der Fußball-WM 2014 scheiterte die USA im Achtelfinale an Belgien.

Bei Hertha BSC muss Jürgen Klinsmann nun schleunigst beweisen, dass er auch auf Vereinsebene mit seinem Trainerteam Erfolg haben kann: „Das ist ein Team von Leuten, die voller Tatendrang sind und hohes Fachwissen haben“, sagte Klinsmann am Mittwoch. Daran muss sich dieses Team nun messen lassen.

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