Als das britische Olympia-Team vor dem Aus stand, kam die Rettung aus Deutschland

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Kannst du auch werfen? : Chris Mohr: Deutscher Handballer im britischen Trikot

Überhaupt waren die ersten Trainingseinheiten anders. „Wir haben teilweise mit absoluten Basics angefangen“, sagt Mohr, der als ehemaliger Oberliga-Handballer in Deutschland gute Voraussetzungen mitbrachte. Seine neuen Teamkollegen waren zwar nicht weniger athletisch als er, aber sie hatten nie vorher Handball gespielt, wussten nicht, wie man den Ball platziert wirft. Der heutige Linksaußen? Ehemaliger Basketballer. Der Torwart? Stand früher mal beim Fußball im Tor. Der Kreisläufer? Hat mal American Football gespielt und wurde wegen seiner Statur direkt an den Kreis beordert. „Es gab schon sehr skurrile Situationen“, sagt Mohr. „Aber mit der Zeit hat sich die Mannschaft enorm entwickelt.“ Nachdem die ersten Bewerber durch das Raster gefallen waren, wurden im Jahr 2008 die besten Spieler auf eine Sportakademie ins dänische Aarhus geschickt. Dort trainierten sie bis zu sieben Mal in der Woche, zunächst allerdings ohne zählbaren Erfolg. „Am Anfang haben wir ein Testspiel gegen einen dänischen Fünftligisten verloren“, sagt Mohr. Weitere Niederlagen gegen Handballzwerge wie Australien oder die Faröer Inseln ließen grundsätzliche Zweifel am Projekt aufkommen. Ende 2008 kürzte der britische Verband die finanzielle Förderung, das Unternehmen Olympia stand kurz vor dem Aus. Rettung kam aus Essen.

Dort hatte der traditionsreiche Bundesligist Tusem Ende 2008 gerade einen Antrag auf Insolvenz gestellt. Der Verein suchte günstige Spieler, Chris Mohr und seine Landsleute suchten einen Verein, in dem sie Spielpraxis sammeln konnten – was lag da näher als eine Kooperation? „Die drei Monate in der Bundesliga haben uns extrem zusammengeschweißt und sportlich vorangebracht“, sagt Mohr. Nach ihrer Zeit in Deutschland kehrte das Team nach Aarhus zurück. Die Sportakademie bot ihnen eine Beschäftigung an, um den weiteren Aufenthalt finanzieren zu können. Mohr und seine Kollegen arbeiteten an der Schule und suchten sich einen Verein. Seit 2010 spielen sie beim Zweitligisten in Aarhus.

Ob die britische Handballauswahl die Rolle des krassen Außenseiters widerlegen kann, muss bezweifelt werden. Die Vorrundengruppe hat es in sich: Weltmeister und Olympiasieger Frankreich, Schweden und Island, der Silbermedaillengewinner von Peking, spielen in einer anderen Liga. „Tunesien und Argentinien können wir schlagen, wenn alles optimal läuft“, sagt Mohr. „Schließlich haben wir 5000 Leute, die uns anfeuern werden.“

Von Vorteil ist die überschaubare Erwartungshaltung. „Wir haben nicht den großen Druck“, sagt Mohr. Platz vier, der zum Einzug ins Viertelfinale berechtigt, wäre ein mittleres Wunder. Aber auch ohne sportlichen Erfolg wird die Story von dem Casting-Team nicht in Vergessenheit geraten. „Sie wird in die britische Olympiageschichte eingehen“, sagt Andy Hunt, Chef de Mission der britischen Olympiamannschaft. Chris Mohr sieht es ähnlich: „Egal wie es auch ausgehen mag – in ein paar Jahren wird man von uns als Pioniere des britischen Handballs sprechen.“

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