Kanu : Olympiasieger Sebastian Brendel spricht von "Farce"

Dass die Kanuten selbst für ihre Dopingtests aufkommen sollen, sorgt für heftige Kritik. Nun gibt es vielleicht eine neue Lösung.

Gegen den Strom. Tina Dietze (r.) und Franziska Weber im Kajak-Zweier. der Frauen über 500m.
Gegen den Strom. Tina Dietze (r.) und Franziska Weber im Kajak-Zweier. der Frauen über 500m.Foto: picture alliance

Thomas Konietzko hat sich in den vergangenen Tagen manches anhören müssen. Kritik und Empörung sind dem Präsidenten des Deutschen Kanu-Verbands (DKV) entgegengeschlagen, weil er die eigenen Sportler zur Kasse bitten wollte. Sie sollten zahlen für den Beweis, dass sie sauber sind. Denn seit diesem Jahr kosten die Dopingkontrollen den Verband mehr Geld. 300 Euro jährlich sollte jeder Athlet bezahlen. Nun konnte Konietzko verkünden: Es kommt wohl nicht so. Vorerst zumindest.

Sponsoren wollen, so sagt es Konietzko, jetzt kurzfristig für die Kosten aufkommen. Ein Privatmann sei dabei, der allein 20 000 Euro geben will. Das hilft dem Verband aber nur für die laufende Saison. Das Problem bleibt. Die Kosten für die Dopingkontrollen werden nicht sinken – es sei denn, die Anzahl wird reduziert. Das kommt für Konietzko nicht infrage. Und für seine Athleten erst recht nicht. Die verweisen immer wieder darauf, dass sie zu denen gehören, die am meisten getestet werden. Die Nationale Anti-Doping-Agentur (Nada) veranlasst jährlich rund 500 Trainingskontrollen plus 200 bei deutschen Meisterschaften, dazu kommen Tests vom Internationalen Verband.

Trotzdem ist es für Sportler und Fachverbände keine Option, die Kosten den Athleten zu überlassen. Kanu-Olympiasieger Sebastian Brendel bezeichnete das geplante Vorhaben als „Farce“. Die Nada nannte es ein „falsches Signal“. Jürgen Kessing, Präsident des Leichtathletik-Verbandes, sprach gar von einem „Akt der puren Verzweiflung“. Etwa 120 Kanuten aus Slalom und Rennsport beträfe das geplante Vorgehen. Obwohl die Athleten so schon draufzahlen. Der Verband erhöhte den Tagessatz für Wettkämpfe pro Sportler von zehn auf 15 Euro. Im Jahr kommen auf diesem Weg ein paar hundert Euro zusammen – in einem Sport, in dem die meisten studieren und der wegen der geringen Wahrnehmung in der Öffentlichkeit kaum Chancen zur Selbstvermarktung bietet.

Deutschlands Kanuten sind der erfolgreichste Fachverband

Ausgangspunkt für die Diskussion um die Kosten der Dopingkontrollen war ein Beschluss aller Sportfachverbände. Danach werden die Aufwendungen für die Nada unter den Sportarten neu verteilt – je nachdem, wie viele Kontrollen der jeweilige Verband in Anspruch nimmt. Dadurch sind die Kosten für die Kanuten von 47 000 Euro jährlich auf 87 000 gestiegen. Zu viel Geld, um alles mit ein bisschen Haushaltsumschichtung aufzufangen, sagt Konietzko.

Der Verband muss also mehr einnehmen. Doch das ist nicht so leicht: Der DKV generiert seine Einnahmen neben Fördermitteln des Bundes aus Fernsehgeldern, Mitgliedsbeiträgen und Sponsoring. Fernsehgelder und Mitgliedsbeiträge sind gedeckelt, sagt Konietzko, „und beim Sponsoring sind wir doch auch nicht doofer als andere.“ Bleibt die Hoffnung auf mehr Geld vom Bund. Vielleicht durch die Spitzensportreform? Immerhin sind die Kanuten Deutschlands erfolgreichster Fachverband, und für Potenziale soll es künftig mehr Geld geben. Trotzdem kann der Kanuverband so schnell nicht mit einer Lösung rechnen. Die Evaluierung der Sommersportarten soll erst 2020 stattfinden, nach den Olympischen Spielen in Tokio.

Unabhängig vom Kanusport: DKV-Präsident Konietzko kann dem Ärger um seinen Vorstoß auch Gutes abgewinnen. Er hat eine Debatte darüber angestoßen, wie Deutschlands Spitzensport den Kampf gegen Doping künftig führen will. Konietzko plädiert für die Unabhängigkeit der Anti-Doping-Agentur. Vielleicht auch für eine Lösung durch die Politik. Das für den Sport zuständige Bundesinnenministerium hat eine Übernahme der Kosten aber erst einmal abgelehnt.

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