Kanuslalom-WM in Rio : Die Kämpferin Ricarda Funk hat eine Medaille im Visier

Zwei Jahre nach dem tödlichen Unfall ihres Trainers startet Kanutin Ricarda Funk wieder in Rio. Ihre Medaillenchancen sind gut.

Kraftvoll im Kanal. Ricarda Funk ist in diesem Jahr in Prag Europameisterin geworden. Entsprechend hoch sind in Brasilien die Erwartungen an sie.
Kraftvoll im Kanal. Ricarda Funk ist in diesem Jahr in Prag Europameisterin geworden. Entsprechend hoch sind in Brasilien die...Foto: Vít Šimánek/dpa

Ricarda Funk hat Glückt gehabt. Die Klimaanlage hat ihr keine Erkältung verpasst. Ein paar der Teamkollegen plagen sich noch. Dabei sengt draußen die Sonne vom Himmel. „Keine Sorge, mir geht’s gut“, beschwichtigt die Slalomkanutin. Wäre auch schlimm gewesen – jetzt, wo die Weltmeisterschaft ansteht. Aber die 26-Jährige genießt das brasilianische Wetter, denkt mitleidig an den grauen Herbst in der Heimat. Augenzwinkern. Nach dem Training geht es zum Strand. Abspannen, die Gedanken baumeln lassen, aus Kokosnüssen trinken. Funk kann das gut gebrauchen. Sie neigt manchmal dazu, sich ein bisschen verrückt zu machen. Erst recht vor Saisonhöhepunkten wie der WM, die an diesem Dienstag in Rio de Janeiro beginnt.

Funk ist in diesem Jahr in Prag Europameisterin geworden. Im Gesamt-Weltcup wurde sie Zweite. Entsprechend hoch sind die Erwartungen. Die Sportsoldatin und Studentin hat schon viel erreicht, seit sie mit neun Jahren mit dem Paddeln begann. Der Weltmeistertitel fehlt ihr noch. Funk ist außerordentlich gut in Form. Aber die äußeren Umstände könnten für die Kajakfahrerin vom KSV Bad Kreuznach besser sein.

Der Kurs in Rio ist kein leichter. Er verläuft, und das ist für Wildwasserkanäle völlig untypisch, anstatt gekrümmt schnurgerade. Durch viele blaue Barrieren ist er unübersichtlich. Das Gefälle ist geringer als auf Funks Heimstrecke in Augsburg. „Er hat viele kleine sehr tückische Walzen. Die unterschätzt man aufgrund der Größe gerne.“ Funk ist gewarnt. Zumindest das Gefälle kommt ihr bei ihrer Veranlagung entgegen. Funk ist eine kraftvolle Paddlerin. Sie hat Power in den Armen. Mag auch Leichtathletik, obwohl sie nur 1,60 Meter groß ist. „Man darf aber auch nicht zu sehr Speed geben“, sagt sie. „Es kommt auf Feinheiten an.“ Wie immer im Wildwasser, das ist ja das Spannende an dem Sport.

Funk ist jemand mit unbändigem Willen, mit Kampfgeist

Umso mehr, da Funks ärgste Konkurrentin, die Australierin Jessica Fox, den Kanal in- und auswendig kennt. Fox holte 2016 in Rio Bronze. Sie ist zwei Jahre jünger als Funk und hat dieses Jahr den Gesamt-Weltcup gewonnen. Neben dem Kajak geht sie auch noch im Canadier mit Erfolg an den Start. Funk dagegen ist erst das zweite Mal überhaupt in Rio. Sie hat sieben Trainingseinheiten zur Gewöhnung. Wie stehen die Chancen? „Es ist immer schwer, Jess zu schlagen“, sagt Ricarda Funk. Sie will sich auf sich konzentrieren. Was Mut macht: 2016 und 2017 hatte sie der Freundin jeweils den Gesamtsieg weggeschnappt.

Funk ist ohnehin jemand mit unbändigem Willen, mit Kampfgeist. Das sind ihr die liebsten Sportler, die nennt sie für sich Vorbilder. „Sportler, die immer wieder aufstehen und neu kämpfen.“ Auch sie musste das schon, mehr noch als die meisten anderen. Vor zwei Jahren kam ihr Trainer Stefan Henze unter tragischen Umständen bei einem Autounfall ums Leben. Hier in Rio war das – bei den Olympischen Spielen. Für das ganze Team, neben Leistungsgemeinschaft auch wie eine Familie, war die Zeit danach schwer.

Die Sportler sprechen öffentlich nicht darüber. „Sie sind aber mit sich im Reinen“, versichert Michael Trummer, der Bundestrainer. Ricarda Funk, Henzes Sportlerin, paddelt seit dem Unglück stärker denn je. Auf Facebook hat sie als Titelbild noch immer ein Bild von sich und dem Trainer, beim Coaching an der Strecke. Ihren Weltcupsieg widmete sie damals ihm. Eine Medaille in Rio würde wohl dem ganzen Team gut tun.

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Neben Funk liegen die Hoffnungen des Deutschen Kanu-Verbands vor allem auf Sideris Tasiadis. Der 28 Jahre alte Augsburger landete 2018 im Gesamt-Weltcup mit dem Canadier auf dem dritten Platz und kennt den Kurs in Rio schon von den Olympischen Spielen 2016. Insgesamt strebt Bundestrainer Michael Trummer zwei Medaillen aus vier olympischen Disziplinen an.

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