Sport : Kevin Kuranyi

Wie der Schalker das Länderspiel erlebt hat

André Görke

Das weiße Trikot steckt akkurat in der schwarzen Hose, die Arme hat Kevin Kuranyi auf die Schultern seiner Kollegen Mertesacker und Schweinsteiger gelegt. Die Brust ist weit rausgestreckt. So steht er da im Toyota-Stadion und lauscht der Nationalhymne. Es ist 20.45 Uhr – und Kevin Kuranyi will beweisen, dass er eine verdammt gute Alternative sein kann im Sturm der deutschen Fußball-Nationalmannschaft.

Kevin Kuranyi, 25, orientiert sich nach vorn, stets einige Schritte von seinem Sturmpartner Lukas Podolski entfernt. Die beiden sind gewiss keine schlechten Männer im Sturm, nur: die Bilanz ist lausig, wenn beide gemeinsam angreifen. Vor eineinhalb Jahren standen Podolski und Kuranyi zuletzt zusammen auf dem Rasen. 1:2 verlor ihr Team damals in Istanbul. Und ihr erstes gemeinsames Länderspiel bestritten sie bei der Europameisterschaft vor zweieinhalb Jahren in Portugal. Die Mannschaft verlor 1:2 und schied aus. Der Gegner damals: Tschechien.

An diesem Abend will der Schalker nicht noch einmal verlieren, und nicht schon wieder 1:2 an der Seite Podolskis. Doch die ersten Minuten gehen komplett an Kuranyi vorbei. Wird er angespielt, wird er auch schon attackiert, meist von David Rozehnal. Kuranyi landet oft im kalten Gras. Zehn Minuten sind vorbei: Nichts ist passiert.

Bei Angriffen der Tschechen muss Kuranyi mit nach hinten, Podolski bleibt einen Schritt weiter vorn – doch auch dem Münchner gelingt nicht viel. Was die beiden unterscheidet, ist anfangs nur die Kleiderordnung. Podolskis Trikot hängt stets aus der Hose, Kuranyi stopft sein Hemd immer vorbildlich in die Hose.

Dann endlich. Die 31. Minute: Bernd Schneider legt den Ball mit der Hacke auf Phillip Lahm, der flankt – und in der Mitte steigt Kuranyi hoch, köpft den Ball aber knapp über die Latte. Gute fünf Minuten später ist der Schalker der Depp: Als Schweinsteiger kurz hinter dem Strafraum aufs Tor drischt, hüpft Kuranyi wenig geschickt in die Flugbahn und blockt den Torschuss ab.

Kuranyi muss sich beweisen, er weiß, dass er in Prag nur spielen darf, weil der Stuttgarter Gomez verletzt ausfällt und Bremens Klose gesperrt ist. Bundestrainer Joachim Löw hatte Podolski und Kuranyi „zuletzt in der Bundesliga wieder sehr formverbessert“ gesehen. Und in der 42. Minute gibt Kuranyi ihm Recht: Als Frings einen Eckball in den Strafraum schlägt, erwischt Kuranyi den Ball im Fünfmeterraum und drückt ihn links unten zum 1:0 ins Tor der Tschechen. Jubelnd reißt er die Arme hoch. Solche Erlebnisse braucht Kuranyi, der nicht immer sehr selbstsicher wirkt. Nur zwei Minuten später schiebt er mit gutem Überblick den Ball rüber zu seinem Partner Podolski. Der zieht ab: Latte. Sekunden später ist Pause.

Nach Wiederanpfiff erhöhen die Tschechen das Tempo. Kuranyi muss aufgrund seiner Körpergröße immer häufiger hinten bei Eckbällen aushelfen und legt dafür weite Wege in hohem Tempo zurück. Vorn fehlt die Kraft, aber für schnelle Gedanken reicht es: Nach einer Stunde leitet er bei einem Konter den Ball geschickt in den Lauf Podolskis, doch aus der sehr guten Chance wird nichts.

Eine Minute später macht es Kuranyi einfach selbst: Wie schon in der ersten Halbzeit flankt Philipp Lahm den Ball von rechts in den Strafraum, Kuranyi ist zur Stelle und köpft den Ball zum 2:0 ins Netz – diesmal in die rechte Ecke. Wieder darf Kuranyi jubelnd abdrehen. Was für eine schöne Dienstreise! Die deutschen Fans feiern und singen „Spitzenreiter, Spitzenreiter!“ Das haben sie an diesem Abend auch Kevin Kuranyi zu verdanken.

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