Kieztraining des Bundesligisten : Hertha-Stars zum Anfassen

Hertha BSC richtet bei Viktoria Tempelhof-Lichterfelde ein Training aus. An der Basis kommt das ziemlich gut an.

Spieler und Fans hatten Spaß beim Kieztraining.
Spieler und Fans hatten Spaß beim Kieztraining.Foto: Frank Bachner

Da stand dieser ältere Herr in der Nähe der Fünf-Meter-Linie, Hände in den Taschen, Wollmütze auf dem Kopf, und ob jemand sein brummelndes Schwäbisch verstand, war Rainer Widmayer ziemlich egal. Er sagte ja mehr zu sich selbst „Jetzt hau nei“ als zu Ilias, dem Zwölfjährigen in der knielangen, roten Hose und dem weißen Trikot. Ilias wusste sowieso, was er tun musste. Anlauf, Schuss, dann beulte der Ball das Tornetz aus. Hinterm Netz leuchteten  Digitalziffern. 66 stand da. Mit 66 Stundenkilometern hatte Ilias den Ball ins Tor geballert. Nicht schlecht, Widmayer nickte anerkennend. Dann schoss Tobias, ebenfalls zwölf Jahre alt, diesmal leuchtete „79“ auf, und Widmayer, der Assistenz-Trainer von Hertha BSC, nickte anerkennend. Kurz darauf trat Vincent an, ebenfalls 79 Stundenkilometer, ebenfalls zwölf Jahre alt, und wieder nickte Widmayer. „Du hast einen guten Schuss“, sagte er. Ja, schon, aber Vincent in seinem orangen Trikot hatte leider eine Anmerkung. „Das Problem“, sagte er, „ist, dass ich ein Torwart bin.“

Er spielt bei einer D-Jugend von Viktoria Tempelhof-Lichterfelde, so gesehen hatte er gerade ein Heimspiel.Denn die Profis von Hertha BSC begannen gerade – 20 Meter entfernt - im Stadion Lichterfelde mit ihren Aufwärmübungen. Kieztraining des Bundesligisten am Ostpreußendamm, der Heimatadresse von Viktoria Tempelhof-Lichterfelde. Stars zum Anfassen, Profis an der Basis, mal wieder. Hertha war schon in Mariendorf und in Mahlsdorf, jetzt also an diesem Montagnachmittag  in Lichterfelde. Eine kleine Show für Fans. Die Tribüne war voll, auch am Spielfeldrand standen die Interessenten. Und natürlich sollten sie nicht bloß sehen, wie sich hochbezahlte Profis den Ballzuschieben, es musste schon ein Gesamtkunstwerk sein, sonst wäre es ja langweilig gewesen.

Zum Rahmenprogramm gehörte ein Dreikampf. Torschuss mit Lichtmessanlage, Fußballkegeln auf neun Hütchen und ein Hindernisparcours. Für jede Übung gab‘s Punkte, je nach Leistung. Wer an allen drei Station den Ball hatte, erhielt eine Gesamtpunktzahl und ging mit seinem Zettel zu einem Tisch, auf dem diverse Kleingeschenke mit Hertha-Bezug lagen. Schlüsselbänder, Schlüsselanhänger, blaue Bälle mit Hertha-Aufdruck. Und hinterm Tisch saß links ein junger Hertha-Mitarbeiter, der Urkunden ausstellte. „Wie heißt du“, fragte er jetzt einen Jungen. - „Ivano.“ Der Papa hatte noch einen Zusatz: „Ivano mit v.“ Ivano hatte 180 Punkte, das wurde auf der Urkunde dokumentiert, dann durfte sich Ivano ein Geschenk aussuchen, dort wo diesmal eine Mitarbeiterin von Hertha saß. Tara war die nächste am Tisch, ungefähr acht Jahre alt, sie hatte 120 Punkte, sie griff sich einen Schlüsselanhänger. Währenddessen waren die Hertha-Profis bei Stabilisierungs- und Dehnübungen.

„Das Autogramm von Davie Selke ist mir am wichtigsten“

Aber das bekamen viele in der Schlange vor dem breiten Zelt im Bereich der Eckfahne gar nicht mit. Da hatten vier Hertha-Profis Platz genommen, die nicht mittrainierten. Ganz links saß Davie Selke mit beiger Baseballmütze, einen Berg von Autogrammen vor sich. Mirko wollte unbedingt ein Selfie mit ihm. Mirko, zwölf Jahre alt, ebenfalls Spieler bei Viktoria, wartete mit zwei Hertha-Wimpeln in der Hand, bis er dran war. Den zweiten Wimpel hatte er für einen Freund mitgenommen, Mirko ließ auf beiden unterschreiben. „Das Autogramm von Davie Selke ist mir am wichtigsten“, sagte er einigermaßen nervös. Eine Minute später stand er vor dem Hertha-Profi, ließ sich mit ihm von seinem Vater fotografieren und betrachtete stolz seinen Wimpel. Dann holte er sich drei weitere Autogramme. Kai Pielarczyk, Mirkos Vater, war zufrieden. Er hat eine Hertha-Dauerkarte, er fand es gut, dass die Profis zur Basis kommen. „Damit bekommt man als Fan eine Nähe zum Verein, und für die Kinder sind die Profis noch mehr Vorbild.“ Seinen Sohn hatte er schon vor Jahren ins Hertha-Sommercamp geschickt.

Die Hertha-Profis waren inzwischen beim Spiel 7 gegen 2, sie hatten viel Spaß, und am Rand machten die Fans Fotos. Danach folgte ein lockeres Spiel auf dem halben Platz, Pal Dardai, der Hertha-Trainer, hatte einige Talente dabei, die nicht zum Profikader gehören. Ein munteres Spiel, ohne verbissenen Ehrgeiz. Die Fans sollten ja etwas geboten kommen, der Ball lief, es gab schöne Spielzüge und viele Tore. Währenddessen interviewte ein Hertha-Moderator einen Vertreter von Viktoria. Nette Fragen, nette antworten, der Insolvenzantrag von Viktoria war kein großes Thema, hier galt Harmonie statt bohrender Fragen. Das heikelste Thema, das angesprochen wurde, war der Rasen im Stadion Lichterfelde. Vom Optimalzustand ist das Grün weit entfernt. „Wie zufrieden seid ihr mit dem Rasen?“, fragte also der Moderator. Naja, der Viktoria-Vertreter wand sich etwas, dann erklärte er eher verhalten: „Er könnte besser sein.“

Aber das interessierte jetzt keinen großartig, die Fans hatten ihren Spaß, auch wenn kalter Wind wehte und irgendwann Regentropfen fielen. Plötzlich verkündete der Stadionsprecher zwölf Namen von Kindern. Sie hatten den Hauptgewinn an diesem Nachmittag gezogen. Alle Kinder, die am Dreikampf teilgenommen oder die sich beim Kids Klub angemeldet hatten, kamen in einen großen Lostopf. Dann wurden zwölf Namen gezogen. Diese Gewinner rief der Platzsprecher jetzt aus. Sie durften gegen die Profis spielen. Natürlich in gemischten Teams, Profis spielten mit Kindern in einer Mannschaft. Und am Rand standen stolze Eltern und zückten Smartphones. Videos wurden aufgenommen, Fotos geschossen.

Auf der anderen Seite, im Zelt, unterschrieben die Hertha-Profis immer noch. Aber nicht für alle. Zehn Meter vor dem Zelt stand Illias, der Zwölfjährige, der den Ball mit 66 Stundenkilometern ins Netz geschossen hatte. Er betrachtete die wartenden Fans eher unschlüssig. Ein Autogramm? Nicht für ihn. Wozu auch? „Ich kenne keinen einzigen Hertha-Spieler.“ Er spielt in einer D-Jugend für Viktoria und schießt dort regelmäßig Tore. Das genügt ihm vollkommen.

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