Kolumne "Abgefahren" : Ein Trikot wie ein Knallbonbon

Unser Kolumnist macht sich manchmal über das Aussehen der Profiradsportler lustig. Dabei war er früher selbst nicht besser.

Michael Wiedersich
Unser Kolumnist (unten rechts) mochte es auch mal bunt.
Unser Kolumnist (unten rechts) mochte es auch mal bunt.Foto: promo

Mindestens ebenso wichtig wie die Wahl des passenden Drahtesels ist beim Radfahren die richtige Kleidung. Besonders wer länger als eine Stunde am Stück mit dem Rad unterwegs ist, sollte auf gutsitzende Radhosen und Trikots achten. So verringert man die Reibung an der Haut, und bei körperbetonter Passform ist auch der Luftwiderstand günstiger.

Wenn dann noch Design, Farbgebung und der eigene Körperbau harmonieren, wirkt selbst ein Gelegenheits-Radler wie ein Tour-de-France-Profi. Leider treffen diese Kriterien nicht so häufig zusammen. Dann gibt es Menschen, die sich über den einen oder anderen Ausfall lustig machen, da nehme ich mich leider nicht aus.

Neulich bei einer Trainingsausfahrt mit den Radkollegen wurde über das Thema Trikotfarbe philosophiert. Anlass war das Teamtrikot eines Vuelta-Etappensiegers der amerikanischen Profi-Mannschaft von EF Education First. Dieses Leibchen kommt mit einer Mischung aus pink, lila und hellblau mit entsprechenden Farbverläufen daher. Natürlich ist die Farbzusammenstellung auffällig, und vermutlich kann Teammanager Jonathan Vaughters seine Rennfahrer besser im großen Peloton ausmachen. Aber das Design wurde in unserer Runde mehrheitlich als sehr gewöhnungsbedürftig identifiziert.

Der Trikotsponsor ist eine englische Edelmarke in Sachen Radportbekleidung, bekannt für gutes Farbdesign und Marketing. Beispielweise nennen die Briten ihre Verkaufsläden nicht einfach nur Shops, sondern „Clubhouses“. Dort kann man unter anderem nicht nur shoppen (also einkaufen), sondern auch etwas snacken (also essen) oder einfach nur bei einem coffee chillen (also beim Kaffee ausruhen).

Mit der Trikotfarbe jedenfalls lag die Firma von der Insel komplett daneben, wenn sie darauf überhaupt Einfluss hatte. So etwas würde man freiwillig nie anziehen, war die einhellige Meinung in unserer kleinen Expertenrunde. „Verschiedenfarbige Socken würde ich noch durchgehen lassen, aber in dem Trikot sieht man ja aus wie ein Knallbonbon“, brachte ich die Sache schließlich auf den Punkt.

Post aus der Vergangenheit

Zwei Tage später hatte ich Post im Briefkasten. Dort lag ohne Kommentar die herausgerissene Seite eines Radschuh-Kataloges von 1993. Auf dem Bild sitzen sieben Radfahrer in Doppelreihe auf einer Klippe in der Sonne. Alle schauen im gleichen Team-Outfit mit etwas überdimensionierten Sonnenbrillen lächelnd in die Kamera. Die Trikots und Radhosen sind lilafarben, unterbrochen von gelben Elementen im Brustbereich und auf der Hose. Die Ärmel haben verschiedene Farben, eine Seite lila, die andere grün. Wie Knallbonbons aufgereiht sehen sie aus. Ganz rechts sitze ich. Manchmal ist es ganz gut, an die eigene Vergangenheit erinnert zu werden.

Apropos Bilder von Radfahrern: Ein Tag nach dem Ende der Vuelta habe ich doch tatsächlich mein Sammelalbum von der Tour de France komplett bekommen. Die fehlenden Bilder musste ich direkt in Italien bestellen. Weder mein einziger bekannter Tauschpartner noch in den einschlägigen Online-Sammelbörsen hatte jemand die benötigten Sticker. Nun kann ich noch einmal ganz in Ruhe die bunten Trikots der Teams anschauen.

Mehr lesen? Jetzt E-Paper gratis testen!

1 Kommentar

Neuester Kommentar