Kolumne Auslaufen mit Lüdecke : Joachim Löw, der Mahner aus dem Badischen

Der deutsche Fußball-Nationaltrainer grätscht sich in Zeiten des Coronavirus mit bemerkenswerten Statements ansatzlos in das Bewusstsein unseres Kolumnisten.

Frank Lüdecke
Joachim Löw denkt derzeit viel über die Welt abseits des Fußballs nach.
Joachim Löw denkt derzeit viel über die Welt abseits des Fußballs nach.Foto: dpa

Der Berliner Kabarettist Frank Lüdecke ist Chef der „Stachelschweine“ und schreibt hier normalerweise jeden Montag über die Fußball-Bundesliga.

Der Satz geht so: „Fußball hat eine wichtige Bedeutung, aber es gibt Dinge, die viel wichtiger sind“. Dies hat Jogi Löw formuliert, der Bundestrainer, der womöglich gerade eine Rede zur Lage der Nation vorbereitet. Aber Jogi Löw hat recht. Auch hier in dieser Glosse sind wir Woche für Woche Fragen nachgegangen, die vielleicht gar nicht wichtig waren. Zum Beispiel, ob bei Hertha Marvin Plattenhardt oder doch eher Maximilian Mittelstädt hinten links spielen sollte. Dies ist eine Überlegung, die angesichts der aktuellen Weltlage etwas in den Hintergrund tritt. Geahnt hatte ich das schon immer. Aber jetzt spricht es mal einer aus.

Sätze, die wie Monolithen aus der Löwschen Grammatik herausragen

Kaum ist die EM abgesagt, da sieht man, was in den Köpfen der Fußballwelt doch auch noch alles Platz findet. „Die Erde hat einen kollektiven Burnout erlebt“ – auch das ein Zitat des Mahners aus dem Badischen. Oder: „Die Erde stemmt sich gegen die Menschen.“ Ich habe viele Interviews gesehen, aber mit diesen Sätzen, die wie Monolithen aus der Löwschen Grammatik herausragen, grätscht der Bundestrainer quasi ansatzlos in das kollektive Bewusstsein seiner Mitbürger.

Auch der Fußball kriegt jetzt sein Fett weg. Und nicht zu knapp! Corona lüftet den Schleier: „Machtgier, Profit, noch bessere Resultate, Rekorde“ hätten bislang „im Vordergrund“ gestanden.

Ich weiß nicht, wie Sie das sehen. Also mich überrascht diese Erkenntnis nicht so sehr, wie der Zeitpunkt seiner Verkündung. Kannten wir von Fußballlehrern doch bislang eher Maximen wie: „Wir gehen da jetzt raus und dann knallen wir die Polen durch die Wand!“ (J. Klinsmann). Aber schon jetzt, zu diesem frühen Zeitpunkt, scheint die Krise den Fußball komplett verändert zu haben. Es scheint, als habe ihn der Hölderlin-Trost erreicht, nachdem das Rettende auch in der Krise wächst.

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Von Philosophen und Schriftstellern weiß man, dass sie diesem Sport oft angetan waren oder sind. Albert Camus etwa war Hobby-Torwart, das wusste ich. Nicht bekannt war mir sein Satz: „Alles, was ich über Moral und Verpflichtung weiß, verdanke ich dem Fußball.“ Das ist eine ebenso verblüffende Äußerung, die heute vielleicht etwas an Glaubwürdigkeit eingebüßt hat. Obwohl, wenn man den DFB und die Fifa betrachtet, kann man immer noch sehr viel über Moral lernen.

Sehen wir das Positive. Die EM ist zwar abgeblasen, aber wenn Jogi Löw heute eine Kabinen-Ansprache halten müsste, würde er wohl energisch insistieren: „Wir gehen da jetzt raus, aber wir wissen, das Wichtigste ist, dass die Flüsse sauber bleiben!!“

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