Kolumne Liebesgrüße aus Moskau : Dummheit ist kein Leistungshindernis

Unser Kolumnist fand das Treffen von Mesut Özil und Ilkay Gündogan mit Erdogan blöd. Aber das soll nicht die Titelchancen der Deutschen schmälern. Ganz im Gegenteil.

Frank Lüdecke
Mesut Özil (l.) und Ilkay Gündogan (2. v. l.) haben es sich mit ein paar deutschen Fans verscherzt.
Mesut Özil (l.) und Ilkay Gündogan (2. v. l.) haben es sich mit ein paar deutschen Fans verscherzt.Foto: dpa/ Gambarini

Diese WM-Glosse wurde von der Redaktion „Liebesgrüße aus Moskau“ benannt. Ein schöner Titel, der allerdings vermuten lässt, ich würde auf den Kreml schauen, während ich diese Zeilen schreibe. Das entspricht leider nicht der Wahrheit, aber egal. Karl May hat über den Orient geschrieben und saß in Kötzschenbroda oder so. Ging auch, irgendwie. Kommen wir zum Eigentlichen: Das Turnier hat begonnen, aber was ist mit der deutschen Mannschaft los? Da sind einige Baustellen, oder? Zunächst einmal: Wir haben nur einen richtigen Stürmer. Timo Werner und Mario Gomez. Da finde ich es mutig, von Trainer Löw, den jungen Sané zu Hause gelassen zu haben. Viele halten gerade ihn für einen der Besten, aber er sei eben nicht gut genug. Schade. Im Tor steht übrigens einer, der ein knappes Jahr kein einziges Pflichtspiel absolviert hat. Na gut. Der spanische Trainer ist erst seit zwei Tagen im Amt. Ist auch keine lange Vorbereitung.

Was mir wirklich Sorge bereitet: Irgendwas ist da mit der Stimmung im deutschen Team. Ich könnte Ihnen genaueres sagen, wenn mich die Sportredaktion des Tagesspiegels nach Russland geschickt hätte. So kann ich nur vage rumraten. Gündogan soll nach einem Vorbereitungsspiel in der Kabine sogar geweint haben. Die Fans mögen ihn und Özil nicht mehr so, weil sie sich mit Erdogan haben ablichten lassen. Eine ziemlich blöde Aktion natürlich. Auf der anderen Seite, es gibt leider viele Menschen, die Erdogan gut finden. Aber Dummheit war zumindest im Fußball nie ein großes Leistungshindernis.

Das schönste Trikot soll diesmal das der Peruaner sein

Eher im Gegenteil. Der DFB sieht die Sache ganz genauso, und mit Dummheit kennen die sich echt aus. Zu Beginn einer WM, wenn noch nicht so viel Sportliches passiert ist, werden immer die wichtigsten Randerscheinungen analysiert. Die hässlichste Frisur, das schönste Trikot und so weiter. Die hässlichste Frisur hatte letztes Mal David Luiz, der Brasilianer, aber der spielt diesmal nicht mit. Die schönste Haarpracht hat diesmal vielleicht der Herthaner Plattenhardt. Einer der ganz wenigen Spieler, die neben einem Physiotherapeuten auch immer zwei Friseure um sich herum haben.

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Mal sehen. Das schönste Trikot soll diesmal das der Peruaner sein. Es ist so ein schräger, roter Streifen, das machen die immer so in Peru. Wirkt aber auch leider ein bisschen so, als sei das Shirt nicht richtig angezogen worden. Deutschland landet im Trikot-Ranking auf einem guten zwölften Platz. Zu weit vorne, meiner Meinung nach. Auf auf die Gefahr hin, mich hier unbeliebt zu machen, mir gefällt das Trikot überhaupt nicht. Es erinnert mich sehr an das WM-Jersey von 1990. Wie ich gelesen habe, soll es das sogar! Das verstehe ich nun überhaupt nicht. Immer wenn ich alte Aufnahmen aus Italien sehe, denke ich, was für ein toller sportlicher Erfolg für die Spieler! Und wie schade, dass sie ihn in diesem Outfit erringen mussten. Lothar Matthäus sah damals auch echt doof aus, aber spielte bärenstark. Heute tippt er in der größten Boulevardzeitung, dass Deutschland das Finale 1:2 gegen Brasilien verliert. Und dass Torschützenkönig entweder Neymar wird oder äähh…wer?! Timo Werner!? Okay. Man muss einräumen, Lothar Matthäus hat in seiner Karriere auch viele Kopfbälle machen müssen.

Frank Lüdecke ist Kabarettist und begleitet die Fußball-Bundesliga immer montags mit einer Kolumne im Tagesspiegel. Hier schreibt er im Wechsel mit Nadine Angerer, Jens Hegeler, Philipp Köster, Sven Goldmann, Roman Neustädter und Harald Stenger.

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