Kolumne „Losgelaufen“ : Durchs Martyrium zum Marathon

Wenn Hannibal Lecter auf Darth Vader trifft: Unser Autor unterzieht sich einem Laktatstufentest mit Spiroergometrie. Klingt gefährlich, ist es auch.

Felix Hackenbruch auf dem Weg zum Mars - zumindest optisch.
Felix Hackenbruch auf dem Weg zum Mars - zumindest optisch.Foto: promo

Ich habe jetzt eine Bibel! Sie hat nur zwei Seiten, ist voller Zahlen und bunt, aber heilig. Mein Trainingsplan zur Marathon-Vorbereitung! Neun Wochen bleiben, um fit für die 42,195 Kilometer zu werden. Neun Wochen, in denen Laufen zur Religion wird und der Trainingsplan meinen Alltag diktiert. Zweimal habe ich ihn ausgedruckt. Eine Version trage ich in der Arbeitstasche herum, die andere habe ich im Schlafzimmer an die Wand gepinnt. Wie ein Kruzifix hängt er da. Bedrohlich und kompromisslos.

Der Weg zum Trainingsplan glich einem Martyrium. Dienstagmorgen, 10 Uhr: Laktatstufentest mit Spiroergometrie. Klingt gefährlich, ist es auch. Immerhin passen die Sportärzte vom medizinischen Institut SMS auf. „Noch lächelst du“, begrüßt mich Angela Hänsel mit einem fiesen Grinsen. Ich kenne sie von der Checkpoint-Laufgruppe, dort hat sie uns beim Lauf-ABC bereits ordentlich Ansagen gemacht. Früher war Hänsel selbst Leistungssportlerin, lief den Halbmarathon in einer Stunde und 19 Minuten. Vormachen kann man ihr nichts.

In der Vorwoche haben wir bereits ein Belastungs-EKG auf dem Hometrainer absolviert, um mögliche Herz-Rhythmus-Störungen festzustellen, jetzt das Laufband. Ein paar Tage zuvor waren bereits einige Kollegen aus der Laufgruppe dran. Muskelkater und Horrorgeschichten haben sie mitgebracht.

Mit einem mulmigen Gefühl laufe ich mich ein. Neun Stundenkilometer ist das Laufband schnell, alle vier Minuten wird mir Blut vom Ohrläppchen abgenommen, dann wird das Laufband 1,5 km/h schneller. Im Zimmer steht die Luft, dazu drückt die Atemmaske, die meine Sauerstoffzunahme misst. Ich sehe aus wie Hannibal Lecter, bei Stundenkilometer 15 keuche ich wie Darth Vader. „Da geht noch was“, sagt Hänsel erbarmungslos – und erhöht noch einmal um 1,5 km/h. Nach vier Minuten liegt meine Herzfrequenz bei 190, statt Muskeln spüre ich nur noch Laktat in den Beinen. Dann ist Schluss für mich – Erlösung.

Mit dem Ergebnis und mir ist die Sportmedizinerin zufrieden. „Im Grunde bist du relativ fit, nur die Sauerstoffaufnahme ist nicht besonders“, sagt sie. In meinem Gehirn habe ich da gerade gar keinen Sauerstoff mehr. Nur ein Gedanke hat noch Platz: Warum?

Warum zur Hölle die Intervall-Einheiten?

Zwei Tage später mailt mir Hänsel den Trainingsplan zu. Drei Pflichteinheiten pro Woche, optional noch eine vierte. Ich habe Glück. Andere Läufer spulen auch mal 90 Kilometer die Woche runter, bei mir ist es deutlich weniger. Dafür beginnt Woche eins direkt mit einer hiobschen Prüfung. Acht Mal 1,2 Kilometer im 4:15-Minuten-Schnitt, dazwischen kurze Trabeinheiten. Nach der siebten Wiederholung werden Erinnerungen an das Laufband wach.

Nach der Einheit rufe ich bei Hänsel an. Warum zur Hölle die Intervall-Einheiten? „Für den Marathon sind Intervalle nicht nötig, aber sie fördern die anaerobe Leistungsfähigkeit“, sagt Hänsel. Übersetzt: Die Tempoläufe machen mich schneller und verschieben die Schwelle, in denen mir das Laktat in die Beine schießt. Das Opfer für ein Himmelreich? Hänsel beruhigt mich. „Den Spaß am Laufen darf man nicht verlieren. Der Trainingsplan ist nicht in Stein gemeißelt“, sagt Hänsel. Sind ja nicht die zehn Gebote. Noch 58 Tage bis zum Berlin-Marathon. Halleluja!

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