Kolumne "Losgelaufen" : Einfach mal Pause machen!

Noch 100 Tage bis zum Berlin-Marathon. Eigentlich ist das Training ein Muss. Doch unser Kolumnist legt trotzdem eine Pause ein.

Zeit für eine Pause. Vor dem Berlin-Marathon soll das Lauftraining wohl dosiert sein.
Zeit für eine Pause. Vor dem Berlin-Marathon soll das Lauftraining wohl dosiert sein.Foto: Rajesh Jantilal/AFP

In Berlin und Brandenburg haben die Ferien begonnen. Was für die meisten Menschen ein Grund zur Freude ist, bringt Läufer zuverlässig ins Grübeln. Denn vor jeder Reise stelle ich mir die gleiche Frage: Laufschuhe einpacken oder Gewicht sparen? Bei Städtetrips sind die Sportsachen fast immer im Gepäck. Nichts ist schöner, als eine fremde Stadt in Laufschuhen zu erkunden und verschwörerisch den einheimischen Joggern zuzunicken. Doch was, wenn man mehrere Wochen mit dem Rucksack unterwegs ist und jedes Gramm zählt?

Die letzten zweieinhalb Wochen war ich mit meinem Kumpel Michael in Schottland. Wandern. Mit Michael verbindet mich nicht nur eine lange Freundschaft, sondern auch die Leidenschaft fürs Laufen. Seit Jahren gehen wir gemeinsam joggen. Zum Sonnenaufgang, im Regen, im Wettkampf. Mal zieht er mich, mal gebe ich ihm Windschatten, immer motivieren wir uns gegenseitig. Im September wollen wir zusammen den Berlin-Marathon laufen.

"Man verliert einen Teil seiner konditionellen Leistung"

„Ich werde meine Laufschuhe nicht einpacken“, hat er mir ein paar Tage vor Abfahrt mitgeteilt. Verständlich. Die Rucksäcke waren mit Zelt, Isomatte, Schlafsack und Campingkocher sowieso schon grenzwertig schwer, um sie im hügligen Schottland zu schultern. Doch gleichzeitig nagte auch das schlechte Gewissen. Über zwei Wochen Trainingspause? Aus dem Schulunterricht hatte ich noch die klassische Trainingslehre und das Modell der Superkompensation im Kopf. Zu wenige Trainingsanreize senken das Leistungsniveau. Darf man 100 Tage vor dem großen Rennen einfach mal pausieren?

"Man verliert einen Teil seiner konditionellen Leistung", bestätigt mir Margrit Lock am Telefon. Lock ist Orthopädin und seit fast 20 Jahren als Sportärztin beim Berlin-Marathon an der Strecke dabei. Doch meinen Wander Urlaub findet sie nicht bedenklich. „Ich halte nichts davon, sich nur ganz strikt an den Trainingsplan zu halten.“ Mit 16 Kilogramm auf dem Rücken in Schottland Berge hoch und runter zu kraxeln hält sie sogar für ein gutes Alternativtraining. „Das ist eine Form von Krafttraining, das die meisten Läufer ja sonst nicht besonders mögen. Außerdem kann so eine Pause auch mental erholsam sein“, sagt Lock. Wer mit Motivationsproblemen zu kämpfen habe, könne daher auch mal gelassen schwimmen, radeln oder rudern gehen. Oder wandern.

Am Freitag nehmen Michael und ich beim Nordberliner Zugspitzlauf in Lübars teil. Acht Kilometer und 120 Höhenmeter. Ohne Gepäck. Lockere Nummer! Noch 100 Tage bis zum Berlin-Marathon.

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