Kolumne „Losgelaufen“ : Warum der erste Lauf ein unvergleichlicher ist

Für jedes Rennen gibt es nur ein erstes Mal – das ist wie beim ersten Kuss oder der ersten Liebe. Unsere Kolumnistin hat deshalb einen speziellen Plan.

Jeannette Hagen
Kurz vorm Ziel: Der Berlin-Marathon sorgt für spezielle Momente.
Kurz vorm Ziel: Der Berlin-Marathon sorgt für spezielle Momente.Foto: Camera 4/Imago

Jeannette Hagen ist freie Autorin in Berlin, Sportlehrerin und Läuferin. Hier schreibt sie im Wechsel mit Radsporttrainer Michael Wiedersich.

Als ich neulich mit dem Fahrrad die Straße des 17. Juni entlangfuhr, erlebte ich einen Flashback der ganz besonderen Art. Plötzlich war der Berlin-Marathon, den ich ein Dreivierteljahr zuvor hier zum ersten Mal gelaufen bin, mit allen Eindrücken wieder da.

Gefühle, die bleiben

Ich sah die bunte und quirlige Menge aus Läuferinnen und Läufern, ein Stückchen weiter links und rechts die Freunde und Familienangehörigen, die ihren Liebsten zujubelten. Ich hörte die Lautsprecherdurchsagen und die Musik. Und ich fühlte den Regen, die Stimmung und meine Aufregung so eindrücklich, dass ich anhalten musste, weil mich die Erinnerungen buchstäblich überwältigten.

Was ich jetzt schreibe, klingt fast schmerzlich banal, aber man läuft diesen Marathon eben nur einmal zum ersten Mal, ebenso wie man nur einmal zum ersten Mal küsst, liebt oder über die Alpen wandert. Jedes dieser ersten Male ist und bleibt unvergleichlich, weil die Aufregung nie wieder so groß, die Haltung nie wieder so unvoreingenommen sein wird.

Bei mir war es ja nicht nur der erste Berlin-Marathon, sondern überhaupt der allererste Marathon – das macht das Ganze natürlich noch mal besonders. Sie können mich jetzt für speziell oder was auch immer halten: Ich habe beschlossen, es bei diesem „Erstes-Mal-Gefühl“ zu belassen und jeden offiziellen Lauf wirklich nur einmal zu absolvieren, damit er genauso besonders in meiner Erinnerung bleibt.

Ob ich das durchhalte? Ich denke schon. Das Angebot an Stadt- oder Outdoorläufen national wie international ist riesig, und jede Stadt oder jede Strecke hat dabei doch einen ganz eigenen Charakter.

Sitzt, läuft, schreibt: Jeannette Hagen ist freie Autorin in Berlin, Sportlehrerin und Läuferin.
Sitzt, läuft, schreibt: Jeannette Hagen ist freie Autorin in Berlin, Sportlehrerin und Läuferin.Foto: Promo

Nachdem ich in meiner letzten Kolumne geschrieben habe, dass ich auch einen Marathon im Stadion laufen und mir die Eintönigkeit nichts ausmachen würde, steht dieses Vorhaben natürlich jetzt auf der Agenda. Ebenso wie der Rennsteiglauf im kommenden und der Südthüringentrail in diesem Jahr. Was mich neben der Einmaligkeit reizt, ist, dass ein Lauf mit fast 2000 Höhenmetern natürlich eine komplett andere Vorbereitung und Ausstattung braucht, als ein Stadionlauf.

Nach meinem Entschluss habe ich erst einmal gegoogelt, was es denn so für interessante Läufe oder Marathonstrecken gibt. Natürlich stehen die großen internationalen Stadtläufe in New York oder Tokio bei vielen ganz oben. Aber ich merke, dass es gar nicht so die Stadtläufe sind, die mich anziehen, sondern eher die Strecken, die in der Natur liegen, Stadt und Natur kombinieren oder ganz außergewöhnlich sind.

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Und auch da gibt es ein unglaublich vielfältiges Angebot, und wenn ich prophetisch mal hochrechne, wie lange ich noch Läufe absolvieren kann, dann weiß ich, dass keine Langeweile aufkommen wird. Die würde es vielleicht auch nicht geben, wenn ich die kommenden Jahre wieder und wieder den Berlin-Marathon laufen würde, schließlich ist ja Küssen auch immer wieder schön.

Aber der Moment, als ich triefnass, kurz vorm Brandenburger Tor meine Tochter in der Menge entdeckt und gesehen habe, wie sie jubelt und dass sie vor Freude weint, den wird es so nie wieder geben. Und ich will auch nicht in die Verlegenheit kommen, ihn mit etwas anderem zu vergleichen.

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