Kolumne „Losgelaufen“ : Warum die Faszien so bedeutsam sind

Wundheilung, Neurologie, Körperwahrnehmung, Kraftübertragung oder Sprungkraft – die Faszien sind wie ein Wunderwerk im Körper. Unsere Kolumnistin klärt auf.

Jeannette Hagen
Auf der Rolle. Auch Fußballer Christian Eriksen weiß um die Bedeutung der Faszien.
Auf der Rolle. Auch Fußballer Christian Eriksen weiß um die Bedeutung der Faszien.Foto: dpa

Neulich gab es auf „Arte“ eine sehr interessante Dokumentation über Faszien. Interessant auch deshalb, weil dieses „Wundernetzwerk“, das unseren Körper durchzieht, von der Wissenschaft lange Zeit vollkommen ignoriert wurde. Ich kann mich jedenfalls nicht daran erinnern, in meinem Anatomie-Seminar davon gehört zu haben.

Heute kommt man an den Faszien nicht mehr vorbei, weiß man doch, dass sie nicht nur Schmerzen auslösen können, sondern grundsätzlich einen hohen Anteil an unserer Beweglichkeit und damit auch an unserem Wohlbefinden haben. Wundheilung, Neurologie, Körperwahrnehmung, Kraftübertragung oder Sprungkraft – es gibt kaum einen Bereich, in dem die Faszien nicht von Bedeutung sind.

Faszien umhüllen die Muskeln

Würde man die Faszien aus unserem Körper entfernen, würde die Waage gut 20 Kilogramm weniger anzeigen. Faszien umhüllen unsere Muskeln, einzelne Muskelfasern, Organe und Sehnen und sie sind Bindeglied zu unseren Knochen. Es wird vermutet, dass die einzelnen Faszienelemente wie Kettenglieder ineinandergreifen und so der gesamte Körper von verbundenen Zuglinien durchzogen ist. Wenn diese These stimmt, dann wird das unser Verständnis von Schmerzen auf den Kopf stellen.

Dann ist es möglich, dass der Schmerzpunkt, nehmen wir mal die Achillessehne, die ja bei Läufern und Läuferinnen recht häufig Probleme bereitet, gar nicht das Problem ist, sondern der Auslöser vielleicht an einer ganz anderen Stelle innerhalb des Faszienzuges sitzt. Das könnte ein Lendenwirbel, eine Verklebung in der hinteren Beinmuskulatur oder ein Problem in der Halswirbelsäule sein. Andersherum müsste dann auch nicht direkt an der Sehne behandelt werden.

Sportwissenschaftler haben herausgefunden, dass zum Beispiel die Flexibilität im Sprunggelenk Auswirkungen auf die Flexibilität der Halswirbelsäule hat. Das bedeutet: Dehne ich im Bereich der unteren Extremitäten, beeinflusst das durch die Faszienverbindung auch meine Kopfbeweglichkeit.

Neue Impulse für Training

Für uns Läuferinnen und Läufer bringen die Erkenntnisse rund um das Fasziengewebe einige neue Impulse für das Training. Gleichzeitig beugt das Training Verletzungen vor. Faszien reagieren auf Druck, auf Zug und auf federnde Bewegungen. Druck kann man mit einer Faszienrolle erzeugen. Behandeln sollte man mit ihr die Fußsohle, die Wade sowie die Außenseite der Beine von der Hüfte über den Oberschenkel.

Zug erreicht man durch Dehnung. Hier kommt dem Hüftbeuger eine besondere Bedeutung zu, da er bei den meisten Menschen verkürzt ist. Und für die federnden Bewegungen taugt das gute alte Springseil. Wenn Sie die Übungen zwei- bis dreimal pro Woche einbauen, werden Sie spüren, dass sich Ihr Laufstil mit der Zeit verändert. Dass er leichter, elastischer wird und dass das die Freude am Laufen noch ein bisschen hebt.

Wenn der Besenwagen fehlt, Warum Gewohnheiten beim Laufen eine Typfrage sind, „Wie das Laufen einem Universum gleicht“ und „Warum mir egal ist, in welchen Schuhen ich laufe“ – die vergangenen Kolumnen von Jeanette Hagen, die freie Autorin in Berlin, Sportlehrerin und Läuferin ist.

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